„Heute sind wir alle Ehrengäste“

26. Juni 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Drei Jahre hat sie gedauert, die Restaurierung von St. Martin, fünfeinhalb Millionen Euro hat sie gekostet, von Fonds und Stiftungen wurde sie gefördert, doch ganze 535.000 Euro kamen allein aus kleinen und großen Spenden von Memminger Bürgern hinzu. Eine beachtliche Leistung und ein Zeichen für die Wertschätzung dieses historischen Kirchengebäudes, das wie ein Schmuckstück in neuem Licht erstrahlt.

„Tut mir auf die schöne Pforte“, sangen die zu hunderten gekommenen Gäste und Gläubige, die zusammen mit Dekanin Claudia Schieder und Dekan Christoph Schieder und vielen Ehrengästen die Memminger Martinskirche nach über drei Jahren Sanierungsarbeiten wieder mit Leben füllten.

Wiedereröffnung Martinskirche Memmingen, 25.06.2017

„Doch heute sind wir alle Ehrengäste“, betonte Dekan Christoph Schieder, der zu diesem Zeitpunkt unter einem Regenschirm und auf einer Leiter vor der Martinskirche stand, um den Gläubigen, Gästen und Besuchern anzukündigen, dass wir heute durch das Brautportal die neu renovierte Kirche betreten werden, um sie wieder in Besitz zu nehmen. Er segnete Ein- und Ausgang und sogar der Regen schien angesichts der feierlichen Stimmung zu weichen.

Feierlichkeit schien auch aus den Tasten und Orgelpfeifen zu strömen, die mit besonderer Freude angeschlagen wurden.

Ein feierlicher Gottesdienst im neu erstrahlenden Gotteshaus

Als sich das Innere der Kirche bis auf den letzten Platz füllte, war man an Weihnachten erinnert, denn so voll sehe man die Kirche sonst nur an Festtagen wie Weihnachten oder Ostern, freute sich Dekan Christoph Schieder, der zusammen mit seiner Frau und Dekanin Claudia Schieder von der Kanzel predigte.

Doch zuvor ertönte die Fanfare des Bläserchors St. Martin unter der Leitung von Rolf Spitz und Dekan Christoph Schieder hieß die Gemeinde zunächst am Rednerpult willkommen.

Er freute sich sehr, das erste Mal seit seiner Amtsübernahme von seinem Vorgänger Dekan Kurt Kräß in der Memminger Martinskirche zu der Gemeinde sprechen zu dürfen und dankte den vielen Menschen und Gruppierungen, den Architekten, Handwerkern und Helfern, die sich über drei Jahre lang an der Restaurierung der Martinskirche beteiligt haben. Viel Gutes, viel Freude und viel Gemeinschaftliches sei in dieser Zeit entstanden.

Pfarrer Ralf Matthes erzählte, wie ihm manchmal das Herz fast stehengeblieben sei während der umfassenden Restaurierungsarbeiten und sprach über Unregelmäßigkeiten dieser Kirche, die wie die Jahresringe eines Baumes den Wachstums- und Wandlungsprozess dieser „liebenswürdigsten Kirche, die es gibt“ wiederspiegeln.

Er erinnerte daran, dass dieses Gotteshaus über 600 Jahre Geschichte reflektiert, die sich auch in ihrem Inneren vollzog – bis zurück zu den Bauern, die um 1525 hier um den richtigen Weg gebetet haben.

Er freute sich, dass die Martinskirche somit wieder ein Ort der Begegnung mit Gott und seiner Liebe werde und sie nun wieder in den Dienst Gottes gestellt wird.

Während die Kantorei St. Martin, unterstützt von der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Hans-Eberhard Roß ein Lied anstimmte, kamen erste Sonnenstrahlen durch die frisch gesäuberten, bunten Fenster des Chors und gemeinsam mit den neuen Leuchten tauchten sie Musiker und Chor in ein malerisches Licht.

Wiedereröffnung Martinskirche Memmingen, 25.06.2017

„Räume sprechen ihre eigene Sprache,“

hörten wir dann Dekan Christoph Schieder sagen, der zusammen mit seiner Frau und Dekanin Claudia Schieder von der frisch gesäuberten Kanzel sprach. Vielleicht würde es genügen, still zu werden und zu versuchen zu verstehen, was St. Martin uns sagen möchte, sagte der Dekan und ließ seine Worte verhallen.

„Alle haben in dieser Kirche ihren Platz gefunden, in dieser Kirche ist jeder willkommen,“ so Dekan Schieder, der überzeugt ist, dass es etwas heißen will, diese Kirche so zu füllen wie an diesem Tag und an Feste wie Weihnachten und Ostern erinnert.

Das Angebot des Seelenheiles sei oft ausgeschlagen worden, und vielleicht würde uns diese Kirche auch erklären, dass es unsere Freiheit ist, dieser Einladung zu folgen, denn Glauben gehe nicht ohne Freiheit.

St. Martin sei viel mehr als ein historisches Denkmal. Es gebe Raum und Weite, um seine eigene Engstirnigkeit zu durchbrechen und sei ein „Ort des Glaubens“.

„Wir kommen wieder nach Hause“

zitierte Dekan Schieder beim offiziellen Festakt auf dem Martin-Luther-Platz Rolf Spitz, der sich wie viele andere auf diesen Tag gefreut hatte und mit diesen Worten an früherer Stelle seiner Freude Ausdruck verliehen hatte.

Oberbürgermeister Manfred Schilder betonte beim Festakt, die Martinskirche sei ein sehr wichtiges Bauwerk dieser Stadt. Sie gehöre zum Memminger Stadtbild und sei ein Sinnbild für christliche Werte.

Er gratulierte allen Beteiligten zur äußerst gelungenen Sanierung und dankte auch den Stadträten für deren Weitsicht, die umfassende Sanierung mit unterstützt zu haben.

Als „Einstandsgeschenk“ überreichte Oberbürgermeister Manfred Schilder zusammen mit Bürgermeisterin Margareta Böckh und Bürgermeister Dr. Hans-Martin Steiger dem Dekan-Ehepaar Schieder ein gerahmtes historisches Dokument aus dem Stadtarchiv: eine Stiftungsurkunde von Christoph Schappeler aus dem Jahr 1513.

Wiedereröffnung Martinskirche Memmingen, 25.06.2017

„Die Kirche gehört nicht nur denen, die sie besuchen“

Dr. Hans-Martin Hübner als Vertreter der Bayerischen Landeskirchen betonte, die gelungene Restaurierung sein nicht allein durch den Kirchensanierungsfond vom Land Bayern unterstützt worden, der von insgesamt 100 Mio Euro Memmingen mit drei Mio Euro unterstützt habe und das ohne dass andere Gemeinden ins Hintertreffen geraten seien, sondern auch stark von der Öffentlichkeit.

Schön zu sehen sei auch, wie sehr die Kirchengemeinde und die Bürgergemeinde hier zusammengewirkt haben: „Die Kirche gehört nicht nur denen, die sie besuchen, sondern sie haben eine Strahlungskraft,“ ist Hübner überzeugt, gratulierte zu dem Ergebnis und lobte den schönen Gottesdienst mit einer „brillanten Kirchenmusik“, der die Wiedereröffnung würdig eingeleitet habe.

Ein lebendiges Gotteshaus

Referent des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege für den Bezirk Schwaben Michael Habres dankte auch den vielen Handwerkern, die an der Restauration beteiligt waren. Sie haben zum gelungenen Ergebnis und der gebührenden Wertschätzung des historischen Gebäudes einen großen Teil beigetragen.

Vom Dachtragwerk über die Malerei im Dachgeschoß bis zur Umgestaltung der Stufenanlage des Altars wurden Lösungen gefunden, die für sich und für ein lebendiges Gotteshaus sprechen, so Michael Habres.

„Was für Ulm das Ulmer Münster, was für München die Frauenkirche, das ist für Memmingen die Martinskirche,“

betonte Staatsminister a.D. Josef Miller, der sich durch viele „Werbegespräche“ stark für die Finanzierung der Sanierung eingesetzt hat. „Mit dem großen Unterschied zu München, dass die Martinskirche schon errichtet wurde, als München noch gar nicht existierte,“ hob er hervor. (Forscher gehen davon aus, dass der Kirchenbau der Kirche St. Martin um das Jahr 800 errichtet wurde, während München um 1158 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde.)

St. Martin sei eine markante Kirche im Zentrum der Stadt, die das Erscheinungsbild Memmingens wie kein anderes geprägt habe, sich nicht nur im Kopf, sondern auch in die Herzen der Bürgerinnen und Bürger geprägt habe und deshalb auch identitätsstiftend sei.

Nachdem heute kaum noch neue Kirchen gebaut würden, sei es unsere Pflicht, das, was unsere Vorfahren häufig unter ärmlichen Verhältnissen geschaffen haben, zu erhalten und in einem guten Zustand an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Als Vorsitzender der Bayerischen Landesstiftung freue er sich, dass die Stiftung die Generalsanierung mit 315.000 Euro fördern konnte. „Ich bin mir sicher, dass das Geld gut angelegt ist“, so Josef Miller.

(Die Bayerische Landesstiftung entstand aus dem Verkauf der Bayerischen Staatsbank, dessen Erlös nicht dem Staatshaushalt zugeführt wurde, sondern angelegt. Aus den Zinserträgen werden denkmalgeschützte Gebäude gefördert, wie auch pionierhafte soziale Einrichtungen.)

Nachdem Renovierungen an Gebäuden rechtzeitig vorgenommen werden sollten, sei es mutig gewesen vom ehemaligen Dekan Kräß und der Kirchengemeinde St. Martin, die Renovierung zu diesem Zeitpunkt in Angriff zu nehmen.

Die Dekane Christoph und Claudia Schieder haben das Erbe aktiv vorangetrieben, doch besonderer Dank gelte den vielen Spendern, die insgesamt den 535.000 Euro zusammengebracht haben. Ein riesiger Betrag, jedoch etwa nur die Hälfte von dem, was noch fehle.

Wiedereröffnung Martinskirche Memmingen, 25.06.2017

Ökumenische Verbundenheit

Memmingens katholischer Dekan Ludwig Waldmüller fühlte sich an eine Kirchweih erinnert und habe sich überlegt, was für ihn die größte Sehnsucht gewesen wäre, würde er an der Stelle der Dekane Schieder stehen. Seine größte Sehnsucht wäre gewesen, die Eucharistie zu feiern und schenkte daher den Dekanen Schieder zur feierlichen Wiedereröffnung einen Kelch für die Eucharistiefeier.

Hauptpersonen geehrt

Mit einem Teil der Martinskirche, nämlich Bohrkernen, die zu Kerzenhaltern umgearbeitet wurden, würdigten die Dekane Schieder die Architektin Dipl.-Ing. Ingrid Stetter, neben Hildegard Kurata, Heidemarie Barth, den ehemaligen Dekan Kurt Kräß. Auch die Dekane Schieder selbst erhielten ein solches Stück der Martinskirche als Dank für ihr Engagement, überreicht von Rolf Spitz.

Im Namen aller dankte Dekan Schieder nochmals allen Spendern für all ihre großen und kleinen Spenden, lud die Anwesenden noch dazu ein, auch bei den Veranstaltungen die ganze Festwoche über hereinzuschauen und kündigte noch einige Aktionen an diesem Festtag an:

Eine „Martinsbank“ aus ersetztem Holz aus der Martinskirche wurde zur Versteigerung angeboten, Martinspralinen und Martinsbier angeboten und eine Martinswette angekündigt: Gewettet werden musste, wie viele Menschen notwendig sind, die Martinskirche einmal zu umarmen.

Auf die Gewinner wartet ein Abendessen auf dem Martinsturm für sechs Personen gemeinsam mit den Dekanen Schieder.

Die richtige Antwort: Es waren 299 Menschen, die gemeinsam die Martinskirche umarmten.

Ein ausführliches, etwa 400 Seiten starkes Buch über die Restaurierungsarbeiten der Martinskirche mit Beiträgen aller beteiligten Experten gibt es übrigens käuflich zu erwerben.

Fotos:
Bild 1, 2 und Titelbild: Eine prall gefüllte martinskirche bei der Wiedereröffnung nach mehr als drei jahren Sanierung.
Bild 3: (v.li.): Als „Einstandsgeschenk“ überreichte Oberbürgermeister Manfred Schilder zusammen mit Bürgermeisterin Margareta Böckh und Bürgermeister Dr. Hans-Martin Steiger dem Dekan-Ehepaar Claudia und Christoph Schieder ein gerahmtes historisches Dokument aus dem Stadtarchiv: eine Stiftungsurkunde von Christoph Schappeler aus dem Jahr 1513.
Bild 4: Memmingens katholischer Dekan Ludwig Waldmüller schenkte den Dekanen Schieder zur feierlichen Wiedereröffnung einen Kelch für die Eucharistiefeier.

Fotos aus eigener Quelle.

Ein paar mehr Fotos von der feierlichen Eröffnung der historischen Kirche St. Martin in Memmingen auf unserer Facebookseite.

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