Der Zauber des Pflasterspektakels

27. Juni 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der Zauber des Pflasterspektakels liegt in vielen Dingen: Aus wenig etwas Tolles oder Lustiges zu machen, mit viel Tam-Tam eine einfache Wahrheit wieder zu spiegeln, aus den einfachen Dingen etwas Spektakuläres zu erschaffen, oder kleine Dinge ins Rampenlich zu stellen. All dies und mehr bot das Pflasterspektakel 2017 im Rahmen der Memminger Meile.

Meine Entdeckungsreise durch die Straßenkunst an diesem schönen Morgen begann auf dem Schrannenplatz mit Jürgen Demant, Doris Friedmann und Thomas Münzer alias „The Bombastics“.

Pflasterspektakel, Memminger Meile 2017, 24.06.2017

Die Minibühne hatte sich bereits gefüllt und auch außenherum blieben immer mehr Menschen neugierig stehen. Mit der Musik aus drei Instrumenten, wenig Equipment, einer Menge Fantasie und der umwerfenden Gestik dreier toller Straßenkünstler wurden die Zuschauer gebannt.

Sie wurden Zeuge großer Liebesgeschichten, dem Untergang der Titanik, Zauberei und – Meterstabakrobatik. So etwas muss einem erst einmal einfallen, denke ich mir höchst amüsiert und sehe zu, wie Meterstab-Gewichte gestemmt werden, sich ein Mikrofon formt, in das die Sängerin enthusiastisch singt, sich ein Schiff formt, gegen einen Eisberg stößt und mit Getöse untergeht.

All dies und vieles mehr, das in Augenblicken der Beobachtung von einfachen Gegenständen oder seiner Umgebung entstanden sein mag, wurde eingebettet in eine musikalische Mischung aus Balkanblues, Italo-Swing und clownesk vertontem Pop. Und als ein Hochzeitsgeleit hupend vorbeifährt, wird auch dies in die Show miteinbezogen.

Pflasterspektakel, Memminger Meile 2017, 24.06.2017

Meine zweite Station ist der Theaterhof, auf dem bereits Finn Jagd Andersen aus Dänemark mit seinem Zirkus Gonzo auf seinen Startschuss wartet, während die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer ihn erwartungsvoll ansehen.

Dabei stelle ich fest, dass das Weitergeben von Neuigkeiten via Mund-zu-Mund-Nachrichtenübermittlung in Memmingen auch im Zeitalter von WhatsApp noch tadellos funktioniert und bereits viele Zuschauer einige Details von dem wissen, was sie erwartet, auch wenn sie es gleich zum ersten Mal sehen werden. Denn Frau … Huber hat vorhin Frau … Meier in der Fußgängerzone getroffen und die hat erzählt, dass…

Amüsiert von der Wirklichkeit sehe ich nach vorn und freue mich auf den Zauber von Utopie. Denn der „Zirkus Gonzo“, so stellt sich bald heraus, besteht tatsächlich aus nur einer Person. Was es nicht ganz trifft, denn der Künstler in der viel zu weiten Hose, dem durchlöcherten Hemd und dem großen Zylinder verkleidet sich geschickt hinter einem halben Quadratmeter kleinen Stück Stoff und Tataaaa! „Bitte begrüßen Sie mit uns den weltberühmten, sagenumwobenen Trapezakrobaten Flying Andi Gonzales!!!“ und schon schwingt sich ein eleganter Trapezkünstler in schwindelnde Höhen.

Eine Zuschauerin wird kurzerhand zu seiner befederten Assistentin erkoren und schon haben wir Schlagzeugwirbel und Tusch bei jedem seiner verschiedenen, einmaligen Zirkuskünstler.

Pflasterspektakel, Memminger Meile 2017, 24.06.2017

Gleich um die Ecke auf dem Theaterplatz hat schon die Show von Andi Steil und Franzt Fendt alias „Becapella“ begonnen, die gerade auf zwei kleinen Einschluck-Schnaps-Fläschchen ein Liedchen spielen.

Mit wenig Equipment und viel Improvisation erschaffen sie Klänge und Geräuschpoesie und wirken dabei wie zwei Lausbuben, die es faustdick hinter den Ohren haben. Und Ohren trägt auch einer der beiden Kleinkünstler für kurze Zeit, als die beiden als der „noch-zu-haben-Bunny“ mit der gezopften „Dörte“ aus Holland auf zwei ausgefallenen, antiken Holzinstrumenten, die an eine Art Tischharmonika erinnerten, ihre Lieder zum Besten gaben.

Die Zeit drängte, also ging es für mich hinauf zum Platz der Deutschen Einheit, um dem Berliner Jongleur und Komiker „Ben Smalls“ zuzusehen, wie er im Rhythmus der Musik zuerst Schachteln kreuz und quer verschob, dann Kugeln aus den Schachteln holte, um auf einzigartige Weise damit zu Jonglieren.

Es schien fast, als wäre er ein Magnet und die Kugeln kreisten um ihn magisch angezogen, klebten an Händen, rollten an Armen hinunter, um seitlich an seinem Kopf hängen zu bleiben.

Ähnlich außergewöhnlich ist seine Jonglage mit Kegeln, die er zudem mit samtig kurzem Röckchen als Ballerina vollführt, immer im Rhythmus von Hintergrundmusik: Zunächst mit einem, dann zwei, drei und zuletzt vier Kegeln, die elegant in seinen Kniekehlen landen, Gebilde formen oder alle vier durch die Luft sausen, um genau da zu landen, wo er sie haben möchte.

Pflasterspektakel, Memminger Meile 2017, 24.06.2017

Ganz bezaubernd war der Abschluss meiner Pflasterspektakel-Reise mit dem liebenswerten, traurigen Clown-Zauberer-Musiker-Akrobat „Toti Toronell“ in seinem kleinen Kirmestheaterzelt auf dem Martin-Luther-Platz. Genau 50 Personen finden darin Platz und bereits das ist schon ein Stückchen (Organisations-)Kunst.

Toti Toronell, der bei berühmten Vertretern seiner Zunft wie Leo Bassi, Avner Eisenberg und Jango Edwards sein Handwerk lernte, entführte die dichtgedrängten Zuschauer in eine Welt der Magie im Kleinsten.

Das erste, was ich von ihm sah, war allerdings riesig: Seine riesigen Clownschuhe, als er direkt neben mir, die ich seitlich im Schneidersitz auf dem Gras saß, durch einen Reißverschluss seitlich ins Zelt schlüpfte.

Dass Toti Toronell nicht deutsch spricht, tut seiner Show dabei keinen Abbruch, denn es bedarf keiner Worte. Wir lauschen winzigen Rolmonicas und staunen über Komik, die aus den kleinsten Gesten entsteht.

Jedes Teil seiner kleinen Bühne birgt eine kleine Überraschung und aus einem Vorhang, der herunterfällt wird erneut eine Bühne: Eine Bühne für Fingerpuppen. Aus jeder Ecke holt Toti Toronell kleinste Dinge und schafft ihnen eine Bühne. Wenn es sein muss, auch in Form einer Toilettenpapierrolle.

Eine Papierrolle, die er entrollt, kreuz und quer spannt und währenddessen über die Zuschauer steigt, um die Enge selbst zur Komik werden zu lassen. Auf der Papierrollenbühne treffen sich kleine, stilisierte Holzfigürchen und während er mit seinen Riesenschuhen durch den Zuschauerraum stapft, palabern die Figürchen, rufen sich in Märchensprache Dinge zu und klettern auf einer Papierrollentreppe wieder zurück zu seinem omnipresenten Koffer.

Pflasterspektakel, Memminger Meile 2017, 24.06.2017

Irgendwoher holt er ein Kästchen, das wie eine Drehorgel funktioniert, setzt die Holzfigürchen oben drauf, bis sie tanzen im Rhythmus der leisen Musik, während sein Gesicht zu strahlen beginnt und er im Steptanz über seine kleine Bühne stept.

Man möchte ihn umarmen, den kindlichen Clown, der auf verwegene Weise und mit den kleinsten Dingen, sich wie ein Akrobat auf vielen Schichten unseres Bewusstseins mit großen Schuhen aber äußerst achtsam und vorsichtig bewegt.

Bei meiner Reise auf dem Pflaster durch die Memminger Innenstadt wurde mir eines wieder einmal klar: Oft sind es die kleinen Dinge, die bezaubern, die sich aus dem Moment schälen und uns die kleinen Freuden des Alltags bringen, wenn man ihnen nur Beachtung schenkt.

Das weitere Programm der Memminger Meile finden Sie auf www.meile.memmingen.de, oder laden Sie sich dort einfach die Meile-App herunter.

Fotos: aus eigener Quelle.

Mehr Fotos von der Pflasterspektakelreise auf unserer Facebookseite.

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