Integration im Rückblick – „Ankommen in der neuen Heimat. Zwölf Zeitberichte“ im Stadtmuseum Memmingen

19. Juli 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Das Stadtmuseum Memmingen beschäftigt sich beim Teilprojekt „Ankommen in der neuen Heimat“ im Rahmen des Projekts Zeitmaschine Freiheit intensiv mit der Erinnerungsgeschichte von vertriebenen Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg in großen Zahlen zu uns kamen, wie auch der Stadt- und Umlandbevölkerung auf der anderen Seite. Das Projekt bringt ein Stück Stadtgeschichte in den Stadtteil Hühnerberg zurück und spricht ebenso von konfliktvollen Momenten, wie auch von erfolgreichen Ansätzen von Intergration.

„Ankommen in der neuen Heimat“ ist eines der zwölf Teilprojekte von „Zeitmaschine Freiheit“, dem zweijährigen Projekt zur Initiierung neuer Partnerschaften für das Stadtmuseum Memmingen, gefördert durch den Fonds „Stadtgefährten“ der Kulturstiftung des Bundes.

Mit neuen und alten Partnern, dem Historischen Verein Memmingen, dem Heimatverein Freudenthal und interessierten Bürgern sammelte das Stadtmuseum in den vergangenen Monaten Erinnerungen an Flucht und Vertreibung.

Memmingen wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg von rund 16.000 auf über 24.000 Einwohner. Der Großteil der Heimatvertriebenen, die 1945/46 nach Memmingen kamen, waren Sudetendeutsche. Von diesen stammten sehr viele aus Stadt und Kreis Jägerndorf und Freudenthal, sowie aus anderen Orten des Altvatergebirges. Nach dem Verlust der Heimat folgte ein Neuanfang.

Mit diesem „Ankommen“ beschäftigt sich die neue Ausstellung des Stadtmuseums Memmingen. Am 16.07.2017 wird die Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat. Zwölf Zeitberichte im Stadtmuseum Memmingen“ im Stadtmuseum Memmingen eröffnet.

Einsichten in eine zunächst konfliktreiche, am Ende jedoch erfolgreiche Integration aus wissenschaftlicher Sicht

Nach einer Begrüßung durch Bürgermeisterin Margareta Böckh, sowie Projektleiterin der Zeitmaschine Freiheit Regina Gropper M.A. und Stadtmuseumsleiterin Ute Perlitz referierte Dr. Michael Prosser-Schell (Freiburg) bei der Eröffnung der Ausstellung über die anfängliche Problematik bei der Integration der vertriebenen Menschen, die „nicht nur Hab und Gut und ihre Heimat verloren, sondern auch ihre Freiheit“.

Um diese wiederzugewinnen und zu einer gelingenden Integration zu finden, vergingen viele konfliktgeprägte Jahre, erinnert der Wissenschaftler. Zu Beginn herrschte ein rigides Versammlungsverbot der Menschen, die von ihrer Heimat wegen „Deutschstämmigkeit“ vertrieben wurden, meist aber nicht deutsch sprachen und so auch in ihrer neuen „Heimat“ als Fremde behandelt wurden.

Nachdem Wallfahrtsaktivitäten nicht unter das Koalitions- und Versammlungsverbot fielen, entwickelten sich Wallfahrtsaktivitäten als das Mittel für die vertriebenen Menschen, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und auszutauschen. Ottobeuren wurde dabei neben Schönberg (bei Ellwangen), Altötting und Waldürn ein äußerst beliebter Wallfahrtsort.

Die Zwangseinweisungen in private Haushalte und überwiegend auf kleine Städte, Gemeinden und landwirtschaftliche Regionen waren ebenso konfliktreich und führten zunächst zu den sogenannten „Kochlöffelkriegen“. Denn die Küche und die Kochstelle bedeuteten damals die Kernzone und das Hoheitszentrum der Privatheit und musste nun mit „Fremden“ geteilt werden.

Die Lösung des Konfliktes begann mit den Hausbaumaßnahmen, durch die Arbeit und Wohnraum für die vertriebenen Menschen entstand und in einem Pilotprojekt im Wallfahrtsort Waldürn seinen erfolgreichen Anfang nahm.

Das letztliche Gelingen der Integration sei somit stark dem sozialen und kulturellen Austausch innerhalb der Wallfahrtsaktivitäten zuzuschreiben, wie auch der aus diesen Aktivitäten entstandenen Initiative, Wohnraum und Arbeit für die vertriebenen Menschen zu schaffen, die ihrerseits einen starken Willen demonstrierten, ihr Schicksal aktiv in die Hände zu nehmen.

Und: Glücklicherweise gab es einheimische Menschen, die den vertriebenen Menschen Verständnis und Hilfsbereitschaft entgegenbrachten, Prediger, wie ein Prediger in Waldürn, der durch die Einladung von Schülern und seine Unterstützung für sozialen Kitt sorgte, und Politiker wie Heinrich Lübke, der 1965 offiziell eine Wallfahrt besuchte, um den erfolgreichen Initiativen auch eine offizielle Anerkennung zuteilkommen zu lassen.

Die Ausstellung – Einblicke in persönliche Erlebnisse

Die Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat. Zwölf Zeitberichte“ im Stadtmuseum Memmingen beinhaltet zwölf Geschichten von Personen, die ihre Erinnerungen über den biografischen Neustart in Memmingen und Umgebung nach der Vertreibung aus dem Sudetenland 1946 aufblättern.

Wie ist es ihnen ergangen? Was hat sie beschäftigt? Wie haben sie den Verlust der alten Heimat und den Neustart in der neuen Heimat verarbeitet? Ihre Geschichten aus erster oder zweiter Hand beleuchten die „Willkommenskultur 1946“, die zwischen Diskriminierung und nachhaltigen Überlebens- und Aufbauhilfen schwankte.

Ein Aspekt ist die Unterbringung in Zwischenlagern, wie der „Burg“ oder der Barackensiedlung für 2.000 Menschen auf dem Hühnerberg. Die neuere Stadtgeschichte, die bauliche Entwicklung und die Stärkung durch Arbeitskräfte und Betriebe hängen eng mit den heimatvertriebenen Familien und Persönlichkeiten zusammen.

Unterschiedliche Lebenswege sprechen so über die Unmöglichkeit aber auch die Möglichkeiten von Freiheit.

Mittelpunkt der Ausstellung sind die filmischen Interviews mit Zeitzeug_innen. Dreh und Schnitt stammen von Veronika Dünßer-Yagci, Filmkünstlerin und Dokumentarfilmerin aus Oberstdorf. Das Konzept zur Ausstellung erarbeitete Ursula Winkler M.A., Volkskundlerin aus Kempten.

Im Rahmen der Ausstellung lädt das Museum dazu ein, dass Bürgerinnen und Bürger eigene Erfahrungen mit Flucht, Vertreibung und Ankommen erzählen. Dreimal, jeweils am Freitag (21. Juli, 8. September, 20. Oktober), jeweils von 14 bis 16 Uhr, nimmt Ursula Winkler die Geschichten auf. Für die Weiterentwicklung des Heimatmuseums Freudenthal möchten die Museumsverantwortlichen erinnerte Geschichte und individuelle Erlebnisse festhalten und künftig auch darstellen, als wichtigen Teil der Geschichte der Stadt Memmingen und der Region.

Die Ausstellung ist bis 29. Oktober 2017 zu den regulären Öffnungszeiten zu sehen.

Öffnungszeiten: Mai bis Oktober: Di – Sa: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, Sonn- und Feiertage: 10 bis 16 Uhr.

Museumsleitung: Ute Perlitz
Projektleitung Zeitmaschine Freiheit: Regina Gropper M.A.
Kuratorin „Ankommen in der neuen Heimat“ Ursula Winkler M.A.

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die in der Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat“ zu Wort kommen, sind:

Sigrid Baur, geborene Schindler, Memmingen, Jahrgang 1945, aus Klein-Mohrau (Malá Morávka), Kreis Freuenthal (Bruntál),

Rudolf Blaschke, Memmingen, Jahrgang 1935, aus Neutitschein (Norý Jicín),

Frida Güttler, geborene Lassnitschka, Memmingen, Jahrgang 1923, aus Römerstadt (Rýmarov), Kreis Freudenthal (Bruntál),

Edmund Güttler, Memmingen, Jahrgang 1948, Eltern aus Römerstadt (Rýmarov), Kreis Freudenthal (Bruntál),

Walter Just, Benningen, Jahrgang 1942, aus Zattig (Sádek).

Gerlinde Koppitz, geborene Gerstberger, Schwaighausen, Jahrgang 1929, aus Karlsthal (Karlovice ve Slezsku), Kreis Freudenthal (Bruntál),

Dr. Ortfried Kotzian, Augsburg, Jahrgang 1948, Eltern aus Pommerndorf bei Hohenelbe (Strazne / Vrchlabi) ,

Josef Miller, MdL a.D., Staatsminister a.D., Jahrgang 1947, aus Oberschöneberg, Landkreis Augsburg,

Gerhard Pohl, Memmingen, Jahrgang 1946, Eltern aus Freiwaldau (Jeseník) ,

Meinhard Schütterle, Memmingen, Jahrgang 1944, Mutter aus Weißkirch (Kostelec) bei Jägerndorf (Krnov),

Anna Twerdy, Memmingen, Jahrgang 1997, Großeltern aus Marienbad (Mariánské Lázne),

Christine Wohowsky, geborene Bartel, Amendingen, Jahrgang 1939, Eltern aus Eckersdorf (Jakartovice), Kreis Freudenthal (Bruntál).

Weiterer Termintipp:

„Erinnerungscafé“ mit der Kuratorin Ursula Winkler im Stadtmuseum

Die Ausstellung lädt ausdrücklich dazu ein, eigene Erinnerungen oder Erfahrungen mitzuteilen – sei es aus Sicht der Ankömmlinge oder aus Sicht der Aufnehmenden. Zusätzlich zur Kommentar-Wand in der Ausstellung lädt die Kuratorin Ursula Winkler alle Interessierten zu einem Erinnerungscafé.

Termine:

21. Juli 2017, 14-16 Uhr
08. September 2017, 14-16 Uhr
20. Oktober 2017, 14-16 Uhr

Ort: Im Stadtmuseum Memmingen.

Fotos:

Bild 1: Der Saal im Hermansbau ist gefüllt mit interessierten Besuchern bei der Eröffnung der Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat. Zwölf Zeitberichte“ im Stadtmuseum Memmingen.
Bild 2: Dr. Michael Prosser-Schell (Freiburg) referierte über die Konflikte und Erfolge der Integration von Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg.
Bilder 3 & 4: entstanden bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

Fotos aus eigener Quelle.

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