Neue Galerie, neues Konzept: Memmingens neue Galeristin Kirstin Köllner hat eröffnet

29. Juli 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Nachdem 2016 bekannt wurde, dass die einzige private Galerie in Memmingen – die Galerie Neuendorf – geschlossen werden sollte, entschied sich die in Memmingen geborene Kirstin Köllner, die Galerie zu übernehmen und Galerie und Designbüro zu kombinieren. Auch ihr Konzept für den Galeriebetrieb ist neu, offen, veränderbar und inspirierend. Die Eröffnungsausstellung „Zeitkapseln“ ist gleich ihr erstes Highlight mit dem Künstler auf internationalem Parkett Jan Davidoff.

„Es war mir persönlich wichtig, an einem Standort wie Memmingen eine Kunstgalerie zu erhalten bzw. fortzuführen“, erläutert die neue Galeristin bei einem Gespräch in ihrer neuen Kunstgalerie in der Ulmer Straße.

Zum Zeitpunkt dieser Idee lebte die diplomierte Grafik-Designerin jedoch noch in Berlin.

„Die Kunst liegt mir schon immer am Herzen und ich habe mich schon früh für die verschiedenen Formen der bildenden Künste interessiert. Nach dem Abitur habe ich überlegt, Malerei zu studieren, habe mich dann aber für Grafikdesign entschieden. Die Kunst blieb weiterhin eine Herzensangelegenheit.

Ein Museums- und Galeriebesuch in einer anderen Stadt gehört für mich bei jeder Reise dazu. Zu meiner Zeit in Berlin entstand bereits die Idee, eine Galerie mit dem Designbuero zu kombinieren, wurde durch den Umzug von Berlin nach Freiburg jedoch wieder verschoben.

Vor vier Jahren gab es schon einmal die Überlegung die Galerie Neuendorf zu übernehmen, damals war aber noch nicht der richtige Zeitpunkt. Als ich nun Ende 2016 erfahren habe, dass Herr Neuendorf aufhören möchte, wurden die Pläne konkret und ich habe angefangen, ein Konzept auszuarbeiten und mir zu überlegen, wie die Galerie sein soll.“

Ihr neues Konzept

Einen Eindruck von Ihrem neuen Konzept erhalte ich bereits bei meinem ersten Besuch in der neu gestalteten Galerie: Die Eröffnungsausstellung des auf der internationalen Kunstbühne beheimateten Künstlers Jan Davidoff schmiegt sich mit einer installierten Trennwand aus antiken Holzdielen perfekt in die neu gestalteten Räume, die viel Raum für Verwandlung zulassen.

„Meine Idee war, diese Räume so zu gestalten, dass sie sich verändern können und auf die jeweiligen Künstler, deren Ideen oder Installationen eingehen können“, erklärte mir die neue Galeristin Kirstin Köllner, die davon überzeugt ist, dass sich das starre Konzept einer Galerie, in der schlicht Bilder an die Wand gehängt werden, überlebt hat.

Es musste ein veränderbarer Kunstraum werden, so Kirstin Köllner, der erlebbar ist, der inspiriert und einen Austausch ermöglicht zwischen Künstler, der Kunst selbst und Kunstinteressierten. Bewegliche Trennwände und eine neue Raumgestaltung bieten die Voraussetzungen und auch neue Formate möchte Kirstin Köllner ermöglichen, wie etwa zur Ausstellung passende Events und Kollaborationen mit anderen Kulturstätten der Stadt.

„Zu der aktuellen, sehr spannenden Ausstellung von Jan Davidoff möchte ich beispielsweise einen Poetenabend anbieten.“ Nachdem ich sie daraufhin fragend ansah, führte sie mich zunächst durch die Ausstellung, um mir den Zusammenhang zwischen Schriftstellerei und Kunst, Gegenwart und Vergangenheit nahezubringen, den dieses Gesamtwerk des ausstellenden Künstlers Jan Davidoff atmet.

„Zeitkapseln“ von Jan Davidoff

„Fangen wir also nochmal von vorn an“, lud mich die Galeristin mit einem verschwörerischen Lächeln ein, mich auf die Ausstellung einzulassen und ich brenne bereits vor Neugier.

Jan Davidoff, der in München und am Ammersee lebt und arbeitet, kaufte sich vor einiger Zeit ein altes Bauernhaus, das sich als eine Schatzgrube für einen Künstler wie ihn offenbarte: In dem völlig verwachsenen „Hexenhaus“, wie es im Dorf genannt wird, fand Jan Davidoff auf dem Dachboden Evidenz, dass in diesem Bauernhaus einmal ein Dichter und Schriftsteller gelebt haben muss.

Truhen voller Schriften, Briefe, Notizen, Gedichte und Erzählungen offenbarten sich dem Künstler neben vielen weiteren Fundstücken, die von einem Leben vor über 200 Jahren erzählen und seither im Dachboden dieses Bauernhauses verschlossen waren.

„Zeitkapseln“ nannte der Künstler seine Ausstellung daher passend, in der er 200 Jahre stehengebliebene Zeit ins Licht der Gegenwart und in neue Bezüge bringt. Noch bis September 2017 kann die spannende Ausstellung in der Galerie Kirstin Köllner bewundert werden.

„Du stehst hier vor der ´Poetenkammer`, erklärte mir Kirstin Köllner und blickte auf die Trennwand aus alten Holzdielen aus dem Bauernhaus stammend mit einer Tür, einem Bänkchen davor und einer Art Brunnen, der überquillt von alten Skripten, Notizen und Briefen eines vergessenen Poeten.

Im Innenraum, der an ein Kirchenschiff erinnert, finden sich – arrangiert, und dennoch an den chaotischen Schreibtisch eines Poeten erinnernd – weitere Fundstücke und Schriftstücke, neben Werken des Künstlers, die sich auf magische Weise mit den aus der Zeit gefallenen Objekten verbinden.

Der Künstler, der sich vor allem als Maler sieht, arbeitet in seinen Werken auf Messing, Papier, Holz und Leinwand, erfahre ich von der neuen Galeristin. Sein Hauptstilmittel ist der Relieffdruck, der meist Motive aus der Natur auf vorher bearbeiteten Flächen wie etwa geschliffenem Messing abbildet und anschließend vom Künstler nachgearbeitet wird.

Dabei erzeugt er durch verschiedene Stilmittel, zu denen etwa Matt-Glanz-Effekte wie auch starke farbliche Kontraste und grafische Elemente gehören, mit sehr reduzierten Mitteln eine Raumtiefe, die den Betrachter in die Szenerie förmlich hineinzieht.

Daneben kleinere Werke auf Papier oder Leinwand, die antike Holzrahmen mit grafischen Ausschnitten gekrickelter Handschrift interpretieren oder eine alte Krähe, die vielleicht auf einem Ast vor dem alten Bauernhaus saß.

„Wer die Galerie betritt, lässt die Welt hinter sich. In seiner Ausstellung ´Zeitkapseln´, gelingt es Jan Davidoff, den Betrachter seine Gegenwart wie eine alte Haut abstreifen zu lassen.

Er betritt eine vergessene, weit zurückliegende Welt, in der ein anderer Rhythmus schlägt“, erklärt Kirstin Köllner und endlich verstehe ich, woher die dumpfen, gleichmäßigen Klänge  stammen, die ich im Hintergrund wahrnehme: „Das ist der Herzschlag des Poeten“, klärt mich die Galeristin auf. Das rhythmische Herzklopfen soll so phonetisch das Erleben der Welt des Poeten untermalen.

Durch die Konstruktion des kleinen Raumes innerhalb der Galerieräume sieht sich der Betrachter in das Leben eines vergessenen Poeten zurückversetzt, der die Welt in und aus seiner knarrenden, aus morschen Hölzern bestehenden Behausung heraus wahrnimmt.

„Und jetzt gehen wir nach draußen“, fordert mich Kirstin Köllner auf und wir bewegen uns aus der Poetenkammer nach draußen.

Was der Poet, der Künstler und auch der Betrachter dort sieht ist anders“: Bäume, Vögel und Seen werden zu einem Vehikel, das die Seele aus der dunklen Kammer hinausträgt und die Natur in immer neuen Perspektiven wahrnehmbar werden lässt“: Die dunklen Hölzer eines Waldabschnitts vor fast monochromem, leuchtend orange-rotem Hintergrund spiegeln sich in einem gleichfarbig gefärbten Wasserkörper wieder, Gebäude schälen sich als grafische Einzelkonstrukte aus ihrem Umfeld, und entfalten ihre grafische Struktur auf einem lebendig scheinenden Äther, polierter Messing, vor dem sich Bäume abbilden, erinnert durch seinen Schimmer an Strahen, die sich im Morgendunst brechen, Baumwipfel ziehen den Betrachter ins unendliche Blau…

Inspiriert durch die Entdeckung des unberührten Dachbodens in einem alten Bauernhaus, in dem die Zeit 200 Jahre stillgestanden zu haben scheint, rekonstruiert Jan Davidoff durch seine Installation die Magie dieses Ortes mit Hilfe originaler Gegenstände und der Handschrift seiner beseelten Werke.

Der Stillstand der Zeit ist es, zitiert die Galeristin Jan Davidoff, der es uns ermöglicht, herkömmliche Betrachtungsmuster abzustreifen und uns der Natur – einem beim Künstler vorherrschenden Sujet – auf vollkommen andere Art und Weise zu nähern und den Geist des Ortes zu spüren, durch den wir in eine Beziehung mit unserer Umgebung treten.

Durch die Kombination von Abstraktion und Figürlichkeit gelingt es dem Maler, eine eigene, pointierte Handschrift zu entwickeln, die heute international in zahlreichen Ausstellungen Anklang findet, wie etwa bei der Art Cologne, Art Miami, und Ausstellungen in New York, San Francisco und Zürich.

Besichtigung der Ausstellung

Die Ausstellung „Zeitkapseln“ von Jan Davidoff ist noch bis September 2017 in der Galerie Kirstin Köllner, Ulmer Straße 6 in Memmingen zu besichtigen. Der Finissagetermin wird noch bekannt gegeben.

Öffnungszeiten der Galerie: Di 13–18 Uhr, Mi bis Fr 11–18 Uhr, Sa 11–13 Uhr.

Infos über den Künstler Jan Davidoff und die Galeristin und Grafik-Designerin Kerstin Köllner

Kirstin Köllner

Webseiten:

Galerie Kirstin Köllner

Designbüro Kirstin Köllner

Vita

Geboren am 18.10.1972 in Memmingen

1979 – 1983 Grundschule in Memmingen

1983 – 1992 Bernhard-Strigl-Gymnasium, Memmingen

1992 – 1996 Studium an der Schule für Gestaltung, Ravensburg, Fachrichtung Grafik-Design, Abschluss Diplom

1997 –1999 Philospohiestudium an der Humboldt-Universität in Berlin

1997 – 1997 Freie Mitarbeit im atelier [doppelpunkt], Berlin

1998 – 2005 Grafik-Designerin und Artdirektion mit Atelierleitung bei der BRAINS Werbeagentur GmbH, Berlin

2005             Umzug nach Freiburg und Existenzgründung des Kirstin Köllner Designbüros in Freiburg

2014             Umzug nach Memmingen

Seit August 2014 ehrenamtliche und projektbezogene Mitarbeit im KinderKunstAtelier in der Mewo Kunsthalle

Juni 2017    Übernahme Galerie Neuendorf.

Jan Davidoff

Webseite Jan Davidoff 

Künstlerische Vita

Einzelausstellungen/Solo exhibitions Jan Davidoff

2017 Galerie Kirstin Köllner – Zeitkapseln – Memmingen
Galerie Lachenmann art – Vorzeichen – Konstanz

2016 Galerie Maurer – SOG – Frankfurt
Galerie Tore Suessbier – Opening – Berlin

2015 Galerie Andreas Binder – #fromwhereistand – München
ESKFF Residency – New York
Galerie Lachenmann art – from the rooftop – Konstanz

2014 Galerie Maurer – Inside – Frankfurt/Main

2013 Galerie Andreas Binder – Bridging a Gap – München
Landschaftsmuseum Seligenstadt – Einsicht – Seligenstadt
TS art projects Naturalisation – Berlin

2012 Galerie Maurer – Naturalisation – Frankfurt am Main
TS art projekts – Hide’n’Seek – Berlin
Kunstverein Stellwerk – black’n’white – Diessen

2011 Kunstclub Hamburg – Ruf der Menge – Hamburg
Galerie Maurer – Neue Bilder – Frankfurt
Galerie Terminus – Davidoff meets Polke – München

2010 Galerie Getreidegasse – Flüchtig Salzburg/Österreich

2009 Aando Fine Art – Überfüllung – Berlin
Galerie Schöneck – Neue Werke – Basel
Galerie Terminus – Crossing – München

2008 Galerie Maurer – black’n’gold – Frankfurt am Main
mbf Kunstprojekte – black’n’gold – Freiburg
Galerie Maurer – One Arti Show – Art Karlsruhe

2007 Galerie Maurer – Way in way out – Frankfurt am Main

2006 Galerie 18M T – Terminal 2 – Berlin
Galerie ArtMbassy – Terminal 1 – Berlin

2005 Kranhalle – Look @ – München

Gruppenausstellungen/Group exhibitions

2017 Galerie Andreas Binder – Geometrics Soloshow – München

2016 Galerie Tore Suessbier – Opening – Berlin
Galerie Nir Altman – Absolute Präsens – München
Galerie Andreas Binder – claire obscure – München
Galerie Thomas Modern – Künstler der Galerie – München
Galerie Andreas Binder – claire obscure – München
Rarity Gallery – Mykonos/Greece

2015 Gallery Hal Bromm New York – 40year – New York/USA
KIK SEVEN – Time lies – Berlin
Galerie Thomas – POtPourri – München
MANA CONTEMPORARY ESKFF – New Jersey/USA

2014 TS art projects – paperworks – Berlin
Galerie Thomas Modern – München – Gabriel – München
Kunstclub – Hamburg
ZK Gallery – San Francisco/USA
Aaartfoundation – summertimesadness – Kitzbühel/Österreich

2013 Aaartfoundation – Munichmodern – Wunderland – Kitzbühel/Österreich
Eileen S. Kaminsky Family Foundation – 2×2 – New York/USA
Van Treeck Bayerische Hofglasmalerei – Power of Glas – München
Munichmodern – Portrait today – München

2012 Galerie Terminus – Fir Choice – München
Galerie Maurer – Summertime 3 – Frankfurt am Main
Studios of Key West – Abstract realities – Key West/USA
Stadtgalerie Altötting – Delikatessen – Altötting

2011 Munich Modern/11 – Les Fleurs du Mal – München

2010 Galerie Maurer – Summertime 2 – Frankfurt am Main
Essenheimer Kunstverein – Jahresgaben – Essenheim

2009 Galerie Terminus – Künstler der Galerie – München
Galerie Biedermann – Künstler der Galerie – München
Frankfurter Kunstkabinett – Architekturen – Frankfurt am Main
Galerie Maurer – Summertime 1 – Frankfurt am Main

2008 Galerie ArtMbassy – Künstler der Galerie – Berlin
Raum 500 – Kleine Arbeiten – München
Galerie Biedermann – Künstler der Galerie – München
Galerie Terminus – Neun Positionen der AdBK – München

2007 Galerie Biedermann – Künstler der Galerie – München.

Fotos:
Christine Hassler

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