Geschichte im Spiegel der Gegenwart – Zeitreise am Memminger Hühnerberg

2. August 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Am vergangenen Freitag landete die „Zeitmaschine Freiheit“ im Stadtteil Hühnerberg, der eine ganz besondere Geschichte hat. Eine Vergangenheit, die viel von Flucht und Vertreibung spricht und in diesem Projektteil Problematiken der Gegenwart wiederspiegelt.

Die „Zeitmaschine“, die sich mit verschiedenen Aspekten von Freiheit auseinandersetzt, setzt sich hier im Besonderen mit dem Thema Flucht und Vertreibung auseinander und taucht mit Hilfe eines der Projektpartnern – dem Historischen Verein Memmingen – in die Geschichte dieses Stadtteils ein, um die Gegenwart zu reflektieren.

In einem Rundgang wird hier durch Tafeln – erarbeitet durch den Historischen – über die Geschichte des Hühnerberges informiert, der am Bismarckturm beginnt. 1908 erbaut, diente er als Aussichtsturm, um einen besseren Blick auf die Alpen zu haben. Mit dem Bau einer SA-Schule 1933 schloss sich daran ein düsteres Kapitel an.

Ab 1940 waren in den Baracken des ehemaligen „Stalag“ mehr als 2.000 Kriegsgefangene untergebracht, und auch die Befehlsstelle für mehr als 20.000 Zwangsarbeiter war dort angesiedelt.

Das wohl prägendste Kapitel der Stadtteilgeschichte war nach Kriegsende ab 1946 die Unterbringung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in den gleichen Wohnbaracken.

Die aktuelle Installation am Rübezahlplatz von den Künstlern Alexandra Vogt und Jörg Hartmann wurde mit minderjährigen Flüchtlingen und den Unterallgäuer Werkstätten erarbeitet und spiegelt im wahrsten Sinne des Wortes das Thema „Flucht und neue Heimat“ wieder: In Inneren des Kubus der „Zeitmaschine“ sind Reiter auf Pferden als Symbol für Fortbewegung dargestellt, die Gesichter der Reiter wurden durch Spiegelfolie ersetzt.

Zum einen kann damit der Identitätsverlust von geflüchteten Menschen assoziiert werden, zum anderen spiegelt sich der Betrachter selbst darin wieder, was zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anregen soll, wie auch dazu, sich selbst einmal in die Situation zu versetzen.

„Wie schwierig und gleichzeitig wertvoll Freiheit ist, muss man sich immer wieder bewusst machen“, betonte Oberbürgermeister Manfred Schilder bei der Veranstaltung am Hühnerberg. Ihre Freiheit zurückzugewinnen ist für Vertriebene wie auch für vor Unfreiheit flüchtende Menschen das entscheidende Thema, erinnerte er die Besucher.

Bevor Stadtarchivar Christoph Engelhard mit den Besuchern durch eine Führung in die Vergangenheit reiste, reisten wir mit Hans-Peter Fischer der Memminger Wohnungsbaugesellschaft in die Zukunft:

Denn genau hier, am Rübezahlplatz, soll durch den MEWO in einem Mix aus 2-, 3- und 4-Zimmerwohnungen 37 Wohneinheiten für weniger gutverdienende Mitbürger entstehen – barrierefrei, mit den neuesten ENEV-Vorgaben, mit Tiefgarage, Stellplätzen und Kinderspielplatz.

Dieses Vorhaben stehe jedoch nicht alleine, sondern sei im Zusammenhang mit den Bauvorhaben an der Dobelhalde zu sehen. Hier sind bereits 54 Wohnungen entstanden und weitere 48 Wohnungen sind geplant und vom Bausenat der Stadt Memmingen genehmigt worden. In der Stifterstraße sind weitere Projekte vorgesehen, so Hans-Peter Fischer.

Stadtarchivar Christoph Engelhard führte die Besucher indes weiter in der Geschichte des Hühnerberges, wo im Anschluss an die Unterbringung von Heimatvertriebenen 1955 das Stadt- und Wohnungsbauprogramm einsetzte.

Er erinnerte auch daran, dass vor allem die sudetendeutschen Vertriebenen sich um den Eissport bemüht haben und das Wissen darüber mitbrachten. Der Hühnerberg sei ein Spiegelbild der Zeit, so der Stadtarchivar, der wie kaum ein anderer Stadtteil durch die Politik und die Gesellschaft geprägt wurde.

„Schön, dass heute mit dem Museumsprojekt „Zeitmaschine Freiheit“ auch die Informationstafeln des Historischen Vereins Memmingen „Erinnerungsort Hühnerberg“ da angekommen sind, wo sie hingehören – am Ort des Geschehens und sichtbar für Alle.“

Die Tafeln, die an diese Geschichte erinnern sollen, werden später durch wetterfeste Stelen ersetzt und sollen bis Ende Oktober Spaziergängern und Interessierten als Informationsquelle dienen.

Kulturamtsleiter Dr. Hans-Wolfgang Bayer wies auf die Aufgabe des Projektes „Zeitmaschine Freiheit“ hin, die aufbauend auf den 12 Bauernartikeln das Thema Freiheit in verschiedenen Blickpunkten thematisiert und ermöglicht, durch die Zeit zu reisen.

Er lud dazu ein, die Installation als einen Erlebnisraum zu nutzen, der auf die Schicksale von aktuell von Flucht betroffenen Menschen hinweist. Unbegleitete Jugendliche haben sich dabei auf Pferden, in der „Wildnis“ ablichten lassen und die Gesichter durch eine Spiegelfolie ersetzt, auch um darauf hinzuweisen, dass das Thema Flucht auch etwas mit uns persönlich zu tun habe.

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