Ein Ausflug zu den Bregenzer Festspielen

14. August 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Was 1946 auf zwei Kieskähnen begann – einer für die Bühnenaufbauten von Mozarts Jugendwerk Bastien et Bastienne, der andere für das Orchester – als erste Bregenzer Festwoche, ist heute ein Kulturereignis, das Menschen aus der ganzen Welt anlockt. In diesem Jahr erwartete die Oper Carmen des Komponisten Georges Bizet vor einer atemberaubenden Kulisse die mehreren tausend Zuschauer in einer einzigen Vorstellung auf der Bregenzer Seebühne.

In einer Stadt, die ein Jahr nach dem zweiten Weltkrieg nicht einmal über ein Theater verfügte, schien die Idee, Festspiele abzuhalten, aberwitzig, doch die Notlösung, den schönsten Teil der Stadt – den Bodensee – als Bühne zu wählen, erwies sich als durchschlagender Erfolg.

Bereits im ersten Bestandsjahr wurde die Bregenzer Festwoche mit Besuchern aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und aus Frankreich ein internationales Ereignis. Von Beginn an bildeten die Wiener Symphoniker das Festspielorchester und haben bis heute großen Anteil an der Entwicklung und dem Erfolg des Festivals, das zuletzt 2015/16 mit Turandot über 170.000 Menschen aus aller Welt als Gäste begrüßen durfte.

Grund genug, es zumindest einmal im Leben mitzuerleben, dachte ich mir, ergatterte die letzte Karte mit Hin- und Rückfahrt beim Memminger Busunternehmen Amos und feierte so am vergangenen Freitag meine Besucher-Premiere bei den Bregenzer Festspielen mit der Oper Carmen.

Von Beginn an war klar, dass die Wetterbedingungen mit leichtem, aber konstantem Regen schlecht sein werden, aber einen Ersatztermin zu finden war keine Option. Also rüstete ich mich für Regen und relative Kälte und los ging es.

Ausgeklügelte Technik mit höchsten Anforderungen

Zwei Stunden vor der Vorstellung bereits vor Ort, hatte ich Gelegenheit, die Bühne schon einmal aus der Nähe zu bestaunen. Noch ohne Beleuchtung und vor grauer Regenkulisse, aufragend aus dem grün-grauen Wasser des Bodensees, beeindruckte mich zunächst allein die Dimension und die zugrundeliegende Technik dieser enormen Seebühne.

Alle zwei Jahre wird das Bühnenbild auf Holzpiloten rund um eine fixe Konstruktion aus Beton aufgebaut, die fest im Bodensee verankert ist und Technikräume und Künstlergarderoben beherbergt.

Der jeweilige Bühnenbildner kann auf dieser Grundkonstruktion seiner Fantasie freien Lauf lassen und mit Hilfe von zusätzlichen, neu gezogenen oder neu geschlagenen Holzpiloten seinen Entwurf realisieren. Jede Bühnenkonstruktion für die Bregenzer Seebühne muss allerdings drei Voraussetzungen erfüllen, die im Grunde in völligem Widerspruch zu einander stehen:

Um sich aus der Umgebung hervorzuheben und auch die letzten Zuschauerreihen als wahrnehmbares Gesamtbild zu erreichen, muss die Kulisse bis zu zwei Drittel größer sein als ein normales Bühnenbild. Gleichzeitig ist die Bühne in ihrer zweijährigen Spielzeit nicht nur Gewitterstürmen und sommerlichen Regengüssen ausgesetzt ist, sondern muss auch überwintern mit bis zu 50 cm Schnee und Temperaturen bis zu 20 Grad unter Null.

Das erfordert ganz andere Materialien als die einer normalen Theaterbühne, die zudem ein möglichst geringes Gewicht haben müssen, was immer wieder aufs Neue Ideenreichtum, Kreativität und Querdenken seitens der Festspieltechnik aber auch seitens der beauftragten Firmen erfordert.

Zudem muss die Bühne so konstruiert sein, dass alle Verwandlungen der Oper schnell und lautlos über die Bühne gehen können, denn ein Freilichttheater arbeitet ohne Vorhang.

Doch das ist noch nicht alles: Oberstes Gebot bei den Bregenzer Festspielen ist es, die wetterfesten, windsicheren und möglichst leichten Materialien nach dem Ende der zweiten Spielzeit umweltverträglich zu entsorgen: verschiedene Kunststoffarten werden nicht verwendet, Holzteile werden nicht imprägniert und alles, was nicht wiederverwendet werden kann, muss umweltgerecht entsorgbar sein.

All dies ging mir durch den Kopf, als ich vor dieser enormen Konstruktion stand. Doch neben der Technik beeindruckte mich die Ausdruckskraft der durch die Luft fliegenden Karten aus zwei enormen Frauenhänden, die trotz der Größe und Stabilität der Konstruktion Leichtigkeit und eine flüchtige, grazile Bewegung vermitteln: die flüchtige Bewegung einer rassigen, charismatischen Spanierin, einer Zigeunerin, die sich aus der Menge der Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik in Sevilla besonders hervorhebt: die betörende, leidenschaftliche, verhängnisvolle Carmen.

Für die erfolgreichste Oper des französischen Komponisten Georges Bizet entwarf die britische Künstlerin Es Devlin das Bühnenbild im Bodensee und als ich gerade daran dachte, dass in ihren Kulissen auch Popstars wie Adele, U2, Take That, Pet Shop Boys und Kanye West auftraten, wurden die Neugierigen wie ich aufgefordert, den Bereich zu verlassen, um den Zugang zur Tribüne für die letzten Vorbereitungen zu schließen.

Eine berauschende Oper in spektakulärem Bühnenbild

Als dann eine Stunde später die bunte Schar von 7000 mit Regencapes und Regenjacken aller Farben vermummten Zuschauern auf der Tribüne es sich so gut es ging bequem gemacht hatte, ging es endlich los: Es erklangen die Töne der berühmten Overture, gespielt von den Wiener Symphonikern, an diesem Tag unter der Leitung von Jordan de Souza.

Von allen begehrt fasziniert die feurige Zigeunerin, die in einer Zigarettenfabrik arbeitet, auch die Wachsoldaten in ihrem Alltag zwischen Rauchen und Kartenspielen: Carmen. Doch gerade der Soldat, der sie kaum beachtet, erweckt ihr Interesse, als Zeichen wirft sie ihm eine Blume und einen verführerischen Blick zu: „…liebst du mich nicht, bin ich entflammet, und wenn ich lieb, nimm dich in Acht!“ (Habanera).

Indes liebt die emanzipierte Zigeunerin ihre Freiheit am meisten und einen Mann nur so lange, bis ein anderer sie in seinen Bann zieht:

Nach einer Auseinandersetzung soll der Soldat Don José sie verhaften, doch sie wickelt ihn um den Finger. Für seine Schwäche wird er verhaftet, kommt aber schnell wieder frei. Die Blume, die Carmen ihm zugeworfen hat, versteht er als Zeichen ihrer Liebe und träumt von einer gemeinsamen Zukunft, wofür er sogar seine Stellung aufs Spiel setzt und seine Verlobte Micaëlas verlässt.

Er verschanzt sich mit Carmens Schmugglerbande, überhört Micaëlas mahnende Worte und sieht sich selbst dem stolzen Stierkämpfer Escamillo überlegen. Dieser hat aber längst Carmen erobert und bringt Don Josés Eifersucht zum Rasen…

Während der ersten beiden Akte kommen die riesenhaften Karten der Kulisse nur verhalten zum Einsatz: Zunächst zeigen sie nur die Rückseiten der Karten, mit der „Habana“ dreht sich die oberste Karte und zeigt die Herzkönigin. Im weiteren Verlauf entfalten sich die Möglichkeiten allmählich, die die großflächigen Karten bieten.

Die Strukturen, die die Rückseite der Karten darstellen, sind gerade so intensiv, dass man sie als Muster der Kartenrückseiten wahrnimmt. Gleichzeitig sind sie hell genug, um sie als Leinwände für Projektionen zu nutzen: Spanische Motive wechseln sich ab mit Spielkartenmotiven, die mal blutrot aufleuchten, mal in faden Graustufen erlöschen.

Erst in den beiden letzten Akten entfaltet sich das Bühnenbild in all seinen Möglichkeiten: Teile der Bühne drehen sich, gelegentlich spiegelt sich in einer Karte das Bild der großartigen Mezzosopranistin Gaëlle Arquez als Carmen wieder, oder das des fantastischen Tenors Daniel Johansson als Don José oder das des wundervollen Bariton Scott Hendricks, der Escamillo verkörpert.

Die Choreographie von Signe Fabricius mit fantastischen Tanzszenen wird ergänzt durch die Stuntchoreographie von Ran Arthur Braun, Stuntmen klettern auf den Karten herum, seilen sich ab und verschwinden wieder, purpurrote Röcke von sich drehenden Tänzern spiegeln sich in den Karten wieder und das gesamte Bühnenbild gerät in eine atemberaubende Bewegung.

In Georges Bizets mitreißender Musik der Oper Carmen jagt indes ein Hit den anderen, dennoch gibt es Höhepunkte: neben der „Habanera“ zählt die „Seguidilla“ sicher ebenso dazu wie „Escamillos Couplet“, Langeweile ist bei der Oper Carmen Fehlanzeige.

Für den dänischen Regisseur Kasper Holten handelt diese „Oper über Schicksal und Besessenheit“ von „zwei Menschen, die als Außenseiter behandelt werden, deren Wege sich kreuzen und die sich in einer leidenschaftlichen, aber ungesunden Beziehung aneinander klammern“.

Was in der klassischen Oper mit einem Dolchstich des verzweifelten Soldaten Don Josés in Carmens Herz endet, nachdem sie ihm unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie sich von ihm ab- und Escamillo zugewendet hat, endet auf der Seebühne damit, dass er sie – passend zum Ambiente – ertränkt.

Vom faszinierenden Geschehen so eingenommen, lief ich im Anschluss an einen rauschenden Applaus mit Standing Ovations zum falschen Busparkplatz, doch zum Glück hatte der nette Fahrer von Amos vorher Karten verteilt, auf denen nicht nur die Autonummer des Busses, sondern auch seine Telefonnummer vermerkt war. Also rief ich ihn an und bat ihn zu warten, während ich mich zum richtigen Busparkplatz durchfragte, um bei meinem Ankommen festzustellen, dass ich nicht die Einzige war, die sich verlaufen hatte.

Wer es dieses Jahr nicht geschafft haben sollte, eine Karte für Carmen auf der Bregenzer Seebühne zu ergattern, der kann dies getrost im nächsten Jahr nachholen. In jedem Falle ist es ein unvergessliches Erlebnis.

Fotos: © Bregenzer Festspiele / Karl Forster.

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