„Wir haben nur diese eine Welt“

11. September 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Bei der Verleihung des 5. internationalen One World Award von RAPUNZEL Naturkost standen Mutmacher aus aller Welt als Gewinner auf der Bühne: Pioniere, die allen politischen, ökologischen und ökonomischen Schwierigkeiten zum Trotz, in ihrem Teil dieser einen Welt einen großen Beitrag geleistet haben. Pioniere, die aus wenig etwas Nachhaltiges schufen, die ihren Teil der Erde wieder fruchtbar machten, Tausenden ihrer Mitmenschen Arbeit und eine Zukunftsperspektive gaben und eine solide Lebensgrundlage schufen.

Wie etwa Professor Amin Babayev aus Aserbaidschan, Bodenwissenschaftler und Gründungsvater einer Organisation für Öko-Bauern, dem es zu verdanken ist, dass heute etwa 5.000 Landwirte auf rund 25.000 Hektar im Bergland Aserbaidschans Öko-Landbau praktizieren. Er brachte die Bauern aus kleinen Bergdörfern seines Landes zusammen, bildete eine Forschungsfarm, gründete einen Lehrstuhl und eine Fakultät für organische Landwirtschaft und ist heute Mitglied des „World-Board“ als Agrarökologe. In den schwierigen Konditionen der kaukasischen Berge schuf er ein ökologisches Paradies.

Oder Martha-Jean Shamiso Mungwashu aus Simbabwe, die in einem Land mit einer Arbeitslosenrate von 97 Prozent als Bio- und Fair-Handels-Pionierin 1.500 Bauernfamilien dauerhaft ein anständiges Leben ermöglicht. Martha-Jean Shamiso Mungwashu studierte Jura, Betriebswirtschaft und Psychologie und kehrte zu ihrem Ursprungsland zurück. Inspiriert durch ihre Großmutter, nahm sie die Herausforderung an, in ihrem Land etwas zu erreichen und gründete bäuerliche Frauengruppen, die mithilfe geldbringender Nutzpflanzen ein ausreichendes Einkommen generieren. In einem Land, das von den Folgen des Klimawandels gebeutelt ist zwischen Dürren und Fluten und ein Drittel der Kinder an chronischen Mangelerscheinungen leidet. „It only seems impossible, till it´s done.“ (Es scheint nur so lange unmöglich, bis es getan ist.)

Oder Nasser Abufarha aus Palästina, der in einem Staat mit großen politische Schwierigkeiten mit Bürgerkriegen und Restriktionen vom Nachbarland Israel Olivenhaine als ehemals traditionelle, zwischendurch zerstörte Einnahmequelle wiederaufleben ließ und eine Fair Trade Vereinigung (PFTA) gründete, die heute 2.500 Bauern vertritt. Heute ist die PFTA nicht nur der größte Lieferant von ökologischem, fair gehandelten Olivenöl weltweit, sondern restaurierte durch Nasser Abufarha auch die Menschenwürde seiner Landsmänner, auch wenn alles mit Frauenkooperativen begann.

Der mit jeweils 5.000 Euro dotierte OWA-Preis und die OWA-Madaille ging an die drei oben genannten Pioniere. Der OWA als gesamtes teilt sich auf in die OWA-Preise und den OWA-Grand-Prix und ist mit insgesamt 45.000 Euro Preisgeld dotiert. Gestiftet von Rapunzel wird er alle drei Jahre ausgeschrieben. IFOAM – Organics International hat die Schirmherrschaft für den OWA übernommen.

Der OWA-Grand-Prix wurde in diesem Jahr aufgeteilt auf zwei – besondere – Preisträger, die zusammen mit den drei oben genannten aus etwa 40 weltweit eingereichten Projekten von einer internationalen Jury ausgewählt wurden.

Einer der beiden OWA Grand-Prix-Gewinner war niemand geringeres als das Staatsoberhaupt eines Bundeslandes, der seines zum einzigen Bundesland der Welt gemacht hat, das zu 100% biologischen Anbau betreibt:

Ministerpräsident Shri Pawan Chamling des Bundesstaates Sikkim in Indien. In nur 12 Jahren schaffte er das “Undenkbare” aufgrund seiner festen Überzeugung, dass die biologische Landwirtschaft der einzig richtige Weg ist, um der Umweltzerstörung Einhalt zu gebieten, das Ökosystem zu bewahren, den Artenschwund aufzuhalten und einer weiteren Ressourcenverknappung vorzubeugen. 2003 beschloss er zusammen mit seiner Landesregierung, die gesamte Landwirtschaft Sikkims auf Bio umzustellen. Er förderte die Wiederaufforstung, Begrünung und Rekultivierung von Ödland und den integrierten Anbau ohne Chemikalien. „Sie sind fünfmal wiedergewählt worden, wegen Ihrer Liebe zu Ihrer Erde, ihrem Land und ihren Mitmenschen“, würdigte Dr. Vandana Shiva in ihrer Laudatio den geehrten Ministerpräsidenten aus Sikkim.

Als 2. Preisträger des OWA Grand-Prix, der jeweils auf zweimal 15.000 Euro aufgeteilt wurde, wurde ein Netzwerk von insgesamt 16 naturwissenschaftlichen Schulen auf der ganzen Welt gewählt, in denen etwa 9.000 Schüler aus mehr als 150 Ländern ausgebildet werden: den „United World Colleges“ (UWC). Sie verstehen sich als internationale Bildungsbewegung, die Menschen, Nationen und Kulturen verbindet und eine friedliche, nachhaltige Zukunft erschafft. Stellvertretend wurden die beiden United World Colleges in Freiburg (Deutschland) und Pune (Indien) geehrt. Ihre Hauptaufgabe: „Learning to be earth citizens again“ (Zu lernen, wieder Weltbürger zu sein.) Wieder in Kontakt zu treten mit der Erde, anstatt nur zu konsumieren, und nachhaltige Modelle zu entwickeln.

Lifetime Achievement Award – für Lebenswerke, die nachhaltig wirken

Daneben wurde ein „Lifetime Achievement Award“ vergeben. Diese Auszeichnung ehrt außergewöhnliche Persönlichkeiten, die sich Zeit ihres Lebens für die (Weiter-)Entwicklung der ökologischen Bewegung stark gemacht haben. In diesem Jahr ging der Preis an ein Ehepaar: Sue Edwards und ihren Ehemann Tewolde Berhan Begre Egziabher aus Äthiopien.

Markus Arbenz, Geschäftsführer von IFOAM begründete die Wahl: „Ihr ganzes Leben lang haben Tewolde und Sue sehr wirkungsvoll in abgelegenen, armen ländlichen Regionen wie z.B. Tigray (Äthiopien) gearbeitet, um das Leben von Frauen, Männern und Kindern mit Hilfe biologischer Landwirtschaft zu verbessern. Sie haben dazu beigetragen, dass ausgelaugte Böden und verarmte Regionen in blühende, biodiversifizierte und produktive Landschaften verwandelt wurden.“

Die beiden Preisträger wurden zunächst Zeuge von „gut gemeinter Modernisierung“ und fanden sich dann wieder in einem Land, in dem die Böden ausgelaugt und unfruchtbar waren, die Bevölkerung arm und perspektivlos. Heute werden durch den unermüdlichen Einsatz dieses Ehepaares – auf den Feldern, wie auch vor internationalen Gremien – die blühenden Böden Tigrays (Äthiopien) als Erfolgsgeschichte gefeiert.

Pioniere, die die Welt verändern können

All diese sind Pioniere, wie einst Joseph Wilhelm, OWA Gründer und Stifter des mit insgesamt 45.000 Euro dotierten One World Award (OWA). Der Gründer und Geschäftsführer von RAPUNZEL Naturkost hatte 1974 begonnen als Teil einer kleinen Selbstversorger-Gemeinschaft auf einem Bauernhof mit kleinem Naturkostladen in Augsburg.

Heute leitet er nicht nur ein international agierendes Unternehmen mit über 300 Mitarbeitern, sondern ermöglicht zudem mehreren tausend Bauern und Mitarbeitenden von Zulieferfirmen in vielen Ländern dieser Erde ein planbares und lebenswertes Leben durch langfristige Abnahmeverträge, Wissenstransfer und fairen Handel.

Joseph Wilhelm selbst erklärt, warum ihm dieses Engagement um den One World Award so wichtig ist: „Niemals zuvor war die Arbeit der mit dem OWA ausgezeichneten Mutmacher für unsere Zukunft wichtiger als heute. Denn sie zeigt, dass es Alternativen zu Ungerechtigkeit, Unterdrückung und egoistischem Nationalismus gibt.“

Der Naturkosthersteller möchte mit diesem Preis dazu beitragen, die Welt ein wenig besser und fairer zu gestalten. Denn es gibt sie: Menschen, die sich mit innovativen Ideen und außergewöhnlichem Engagement für eine gerechte Ausrichtung der Globalisierung einsetzen und damit viel bewirken.

„Wir haben nur diese eine Welt“

brachte es Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in seiner Ansprache auf den Punkt, der gemeinsam mit Joseph Wilhelm die Auszeichnungen an die fünf Gewinner aus Aserbeidschan, Deutschland, Indien, Palästina und Simbabwe überreichte.

In den vier Jahren als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe er viel gesehen: zerstörte Böden, abgeholzte Wälder, die Folgen von Massenviehhaltung, enteignete Bauern.

Die Menschheit stehe an einem Scheideweg: Vor der Verantwortung, 10 Milliarden Menschen zu ernähren und die Welt durch falsche Maßnahmen zu zerstören, oder 10 Milliarden Menschen zu ernähren und die Welt gleichzeitig zu schützen und zu erhalten.

„Im Jahr 2050 müssen wir 60% mehr Nahrungsmittel bereitstellen bei abnehmenden Anbauflächen und abnehmenden Wasserressourcen“, erinnerte uns der Bundesminister, doch die Antwort müsse gefunden werden in nachhaltiger, ressourcenschonender Landwirtschaft, ökologisch verträglichen Innovationen, sozialverträglichen Lieferketten und Wissensaustausch.

15 neue Innovationszentren wurden in den letzten Jahren aufgebaut, die in mehrere Länder vernetzt seien und bessere Partnerschaften bilden sollen. Im Juni 2017 habe er zudem einen runden Tisch initiiert, an dem sich gezeigt habe, dass die ökologische Bewegung das nötige Wissen habe, was es gelte, in jedes Dorf dieser Welt zu bringen.

„500 Millionen Kleinbauern brauchen Innovationen, Wissen und Methoden.“ Doch die Methoden müssten nachhaltig sein, so Dr. Gerd Müller, und im Einklang mit den Gegebenheiten, die die Welt nicht ausbeuten und zerstören, sondern „diese eine Welt“ respektieren und sie erhalten.

Dass Gentechnik hierfür keine Lösung bietet, hat der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereits im Vorfeld des OWA-Awards bei der Aktion „FOODprint – Essen ohne Gentechnik“ durch seinen Fußabdruck manifestiert.

„Eine Welt ohne Hunger ist möglich“, ist sich Dr. Gerd Müller sicher. Dazu brauche es Pioniere wie die heute Geehrten und wie Joseph Wilhelm selbst, der ihn im übrigen inspiriert habe, ein Buch zu schreiben mit dem Titel „Globalisierung gemeinsam gerecht gestalten“, dessen Erlös an ein Kinderprojekt in Indien gehe.

„Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben in Würde“, so Bundesminister Dr. Gerd Müller abschließend.

Die Laudatoren

Die Laudationes für die ausgezeichneten Pioniere hielten Dr. Vandana Shiva (Umweltaktivistin und Öko-Feministin), Roberto Ugas (Vizepräsident IFOAM – Organics International), Steffen Reese (Naturland Deutschland) und Helmy Abouleish (Sekem Ägypten). Durch den Abend führte Dr. Tanja Busse, Journalistin und Buchautorin.

Musikalisch umrahmt wurde der Gala-Abend von Walter Abt und seiner Band SOL Y SOMBRA, neben einer kleinen Einlage auf dem Piano durch einen Schüler eines der „United World Colleges“.

Die Jury

Bernward Geier war Preiskoordinator und Vorsitzender der OWA Jury, die Mitglieder der OWA Jury waren Nnimmo Bassey (Alternativer Nobelpreisträger, Nigerien), Roberto Ugas (IFOAM Organics International, Peru), Vandana Shiva (Alternative Nobelpreisträgerin, Indien) und Joseph Wilhelm (Rapunzel Naturkost, Deutschland).

Um sich von der Qualität des Engagements der Nominierten zu überzeugen, besuchte eine OWA-Delegation die Gewinner vor Ort.

Über den One World Award

Diese Welt besser und fairer zu machen und als Lebensgrundlage für alle zu erhalten, beschäftigte den deutschen Bio-Pionier und Gründer von Rapunzel Naturkost Joseph Wilhelm lange Zeit. Als seinen Beitrag rief er 2008 den One World Award (OWA) ins Leben. Der OWA ist inzwischen einer der wichtigsten Auszeichnungen der Bio-Bewegung. Die Zielsetzung basiert auf den vier Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kultur.

Der OWA ist mit insgesamt 45.000 Euro Preisgeld dotiert – gestiftet von Rapunzel – und wird alle drei Jahre ausgeschrieben. IFOAM – Organics International hat die Schirmherrschaft für den OWA übernommen.

Weitere Infos zum OWA finden Sie unter: www.one-world-award.de.

Fotos:
aus eigener Quelle.

Mehr Fotos vom Gala-Event des One World Award auf unserer Facebookseite.

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