Seit 25 Jahren für Inklusion gearbeitet – der Memminger Behindertenbeirat feiert Geburtstag

19. September 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Über 25 Jahre Arbeit des Behindertenbeirates in Memmingen haben Spuren hinterlassen. Spuren, die im Stadtbild sichtbar sind, aber auch in den Köpfen der Menschen vieles bewirkt haben hin zu Öffnung, Akzeptanz und Inklusion. Menschen mit Behinderung werden heute wahr- und ernstgenommen und in das Leben in der Stadt integriert. Memmingen war hierfür ein Vorreiter und eine der ersten Städte Bayerns, die einen Behindertenbeirat ins Leben riefen.

Eigentlich sollte die 25-Jahresfeier bereits im letzten Jahr stattfinden, reicht doch das Gründungsdatum des Memminger Behindertenbeirates auf das Jahr 1991 zurück. Doch im letzten Jahr gab es Terminprobleme wegen den OB-Wahlen und zusätzlich Aktionsvorbereitungen im Behindertenbeirat, also wurde am vergangenen Freitag kurzerhand nachgefeiert.

Schon vor 1990 setzten sich Bürgerinnen und Bürger der Stadt Memmingen dafür ein, dass Menschen mit Behinderung, die etwa 10 % der Bevölkerung im Sinne des Schwerbehindertengesetzes ausmachen, sowie ältere Menschen mit ihren Bedürfnissen einen Ansprechpartner und ein Sprachrohr bekommen.

Als einziges noch heute aktives Gründungsmitglied des Behindertenbeirates führte uns die Vorsitzende der Behindertenkontaktgruppe und 1. Sprecherin des Behindertenbeirates Verena Gotzes durch die Geschichte des Memminger Gremiums, zusammen mit Regina Sproll (Regens Wagner), Dr. Rudolf Weinhart des Caritasverbandes MM-UA und Anna Karrer, neue Behindertenbeauftragte und Verantwortliche für Inklusion bei der Stadt Memmingen.

Die Anfänge

Während der Zeit des Neubaus des Klinikums begann alles damit, dass es kein behindertengerechtes Zimmer im damaligen Klinikum gab, erzählte Verena Gotzes, die für ihre Verdienste 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Acht Monate sollten vergehen, doch mit der Unterstützung durch die Bayerische Architektenkammer begannen sich die Zahnräder zu drehen.

Inspiriert durch das „Weilheimer Straßenfest“ wurde um 1988 das erste dieser Art in Memmingen veranstaltet. Die späteren Gründungsmitglieder gingen auf die Behindertenkontaktgruppe zu, denn schon damals wurde klar, dass man durch Vernetzung mit anderen Gruppierungen mehr erreichen kann. Also wurden alle 17 der damaligen Gruppierungen, die sich für sehbehinderte, körperlich oder geistig behinderte Menschen einsetzten, eingeladen.

Doch auch ohne die Unterstützung der Stadt wäre es nicht möglich gewesen, den Behindertenbeirat als feste Instanz zu etablieren, und so galt der Dank der Verantwortlichen vor allem dem offenen Ohr des damaligen Oberbürgermeisters und heutigen Alt-Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger, der den Behindertenbeirat stets begleitete, wie auch dem ehemaligen Leiter des Sozialamtes Manfred Mäuerle.

Offizielles Gremium in der Stadt Memmingen, lange vor der UN-Behindertenrechtskonvention

Als eine der ersten Kommunen in Bayern etablierten daraufhin die politisch Verantwortlichen einen Behindertenbeirat als offizielles Gremium in der Stadt Memmingen, und das lange bevor die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat und der Begriff „Inklusion“ Einzug hielt in den pädagogischen Wortschatz.

Oberbürgermeister Manfred Schilder würdigte die Einrichtung des Behindertenbeirates als ein Gremium, das in Memmingen Maßstäbe gesetzt habe und sich allem voran für die Chancengleichheit aller einsetze:

„Behindert zu sein bedeutet lediglich, dass man etwas nicht kann, was andere können. Wenn alle anderen Menschen fliegen könnten, wäre ich schwer behindert – ohne dass sich an mir irgendetwas dafür ändern müsste“, zitierte er einen Aphorismus von Journalist, Verleger, Redakteur und Moderator Peter Hohl.

Und dass das gar nicht so schwierig ist, wie man denkt, zeigte ihm ein Erlebnis aus seiner eigenen Familie. Als seine Tochter einst eine Freundin zu ihnen nach Hause einlud, die an den Rollstuhl gebunden ist, machten er und seine Frau sich Sorgen, ob sie das wohl schaffen werden. „Wenn ich das kann, dann könnt ihr das auch“, sagte daraufhin seine Tochter und behielt Recht: Es sei alles möglich und auch halb so schwierig, wie man denkt, so der Oberbürgermeister. Vor allem müsse man Integration wollen und behinderte Menschen so annehmen, wie sie sind, um sie ganz selbstverständlich in die Gesellschaft zu integrieren – eine Erkenntnis, die Manfred Schilder aus dieser Situation mitnahm.

Errungenschaften des Behindertenbeirates in Memmingen

Bevor der junge Gast Tobias Polsfuß aus München mit WOHN:SINN ein sehr interessantes Wohnmodell für gelebte Integration vorstellte, lockerte das Musiker-Duo Tiefenbacher mit musikalischen Beiträgen auf.

Der Saxophonist Stefan Tiefenbacher verlor bei einem schweren Unfall seinen linken Arm und musste sich nach einem Schädel-Hirn-Trauma wieder alles beibringen. Für seine Musik ließ er sich ein Saxophon so umbauen, dass er es nur mit der rechten Hand spielen kann und das ausgezeichnet!

Anna Karrer, ein junges Mitglied bei der Stadt Memmingen und seit März dieses Jahres Behindertenbeauftragte und Verantwortliche für Inklusion in Memmingen, führte uns durch die Errungenschaften des Behindertenbeirates anhand der Buchstaben des Wortes Inklusion:

I – wie Inklusion, oder auch wie Infoflyer in leichter Sprache, der die Tätigkeitsfelder des Behindertenbeirates erklärt.

N – wie Niederflurbusse: Vorrichtungen wie etwa am Weinmarkt, die den Niederflurbussen die einfache Nutzung einer Rampe für Rollstuhlfahrer ermöglicht.

K – wie Kultur: Im Bereich Kultur ist etwa das Landestheater Schwaben heute vorbildlich behindertengerecht ausgestattet. Die Stadtbibliothek ebenfalls, Probleme mache nur das Pflaster im Innenhof. Auch das Kulturzentrum Kaminwerk ist behindertenfreundlich und immer mehr gesellen sich dazu.

L – wie Lift, Aufzug: Im Klinikum habe der Lift für behinderte Menschen 10 Jahre gedauert, im Rathaus mussten die Betroffenen 20 Jahre warten, doch heute sind sie vorhanden.

U – wie Unterführung in der Augsburger Straße: Dank toller Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt sei die Unterführung in der Augsburger Straße schnell und behindertengerecht umgesetzt worden.

S – wie Schrannenplatz: Dank vorbildlicher Sanierung des Elsbethenareals vom Landestheater ist dieser gesamte Raum um den Schrannenplatz nun barrierefrei und sehr gelungen.

I – wie Infrastruktur: Die DIN-Norm 18040-1 regle im Bereich Bauen und Wohnen barrierefreie Zugänge wie etwa Rampen.

O – wie Orientierungshilfe für sehbehinderte Menschen, die in die sanierte Fußgängerzone integriert wurde und im Nachhinein durch Verbindungsfräsungen durchgängig gestaltet wurde.

N – wie „Noch nicht alles perfekt“.

Zahlreiche erfolgreiche Aktionen rund um das Thema Inklusion

Regina Sproll von Regens Wagner stellte darüber hinaus die zahlreichen Aktionen vor, die sich über die Jahre erfolgreich entwickelt haben vom Straßenfest über das Kreuzeder Konzert des verstorbenen Saxophonisten Klaus Kreuzeder, Schulungen für Institutionen mit Publikumsverkehr, den Verkehrssicherheitstag der Polizei, die Bahnaktion 2011, das 20-jährige Jubiläum, die Mitorganisation von „Sport ohne Grenzen“, die Stadtrundgänge mit den OB-Kandidaten und in diesem Jahr ein weiterer Stadtrundgang mit unserem neuen OB Manfred Schilder.

Moderne, inklusive Wohnformen aus Sicht eines 23-jährigen Studenten

Welche modernen Wohnmodelle für gelebte Integration möglich sind und bereits vielfach erfolgreich praktiziert werden, stellte uns der junge Gast Tobias Polsfuß aus München mit dem Projekt WOHN:SINN vor.

Was für ihn – Tobias Polsfuß – aus der Not heraus begann, als er als Student keinen bezahlbaren Wohnraum in München fand und deshalb das Angebot eines Zimmers in einer inklusiven WG „vorübergehend“ annahm, hat er mittlerweile zu einer weit vernetzten Plattform und Wohn- und Infobörse für inklusive WGs ausgebaut.

Nach einer Erfahrung in einer Zweier-WG, bei der ihm der Gemeinschaftsaspekt zu kurz kam, wohnt der 23-jährige Student des exotischen Studienganges „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe“ (Masterstudiengang an der HS München) seit vier Jahren in einer inklusiven WG mit drei weiteren Menschen ohne Behinderung und fünf behinderten Menschen zusammen.

Die WG ist eine von etwa 30 inklusiven WGs in ganz Deutschland, betrieben wird sie von „Gemeinsam Leben Lernen e.V.“ Sein Verein betreibt in München acht solcher WGs, weitere sind in Planung.

Menschen mit und ohne Behinderung leben in diesen Wohnungen nicht nur gemeinsam, sie machen zusammen Ausflüge, essen gemeinsam, feiern Partys und jeder trägt manuell und/oder finanziell etwas zum Funktionieren des Alltagslebens der WG und deren Bewohner bei. Es wird zusammen geplant, besprochen und abgestimmt, jeder hat die gleichen Rechte und ebensolche Pflichten.

Und was macht WOHN:SINN?

Seine Plattform dient der Vernetzung von ähnlich strukturierten WGs, um Erfolgskonzepte und Erfahrungen zu teilen, aufzuklären und zu informieren, Zimmer, Anbieter oder Interessierte zu vermitteln und bietet im WOHN:BLOG die Möglichkeit zum direkten Austausch. Zudem gibt Tobias Polsfuß auf WOHN:SINN einen Gründungsleitfaden für all die, die eine solche WG gründen möchten.

Weitere Infos über WOHN:Sinn auf www.wohnsinn.org.

Fotos:
Bild 1: (v. li.): Anna Karrer, Regina Sproll, Verena Gotzes.
Bild 2: (v. li.): Alt-OB Dr. Ivo Holzinger, Regina Sproll, verena Gotzes und am re. Rand OB Manfred Schilder.
Bild 3: (v. li.): Anna Karrer, Verena Gotzes und OB Manfred Schilder in der inneren Tür des Rathauseinganges, die erst vor Kurzem – ähnlich wie die Außentür – zu einer selbstöffnenden Tür aufgerüstet wurde, die nun während der Öffnungszeiten behinderten Menschen den problemlosen Zugang zum Rathaus ermöglicht, auch ohne jegiche Assistenz.
Bild 4: (li.): Der 23-jährige Tobias Polsfuß stellt WOHN:SINN vor. (Re.): Der Saxophonist Stefan Tiefenbacher spielt sein Saxophon mit nur einem Arm: seinem rechten. Und das hervorragend.

Fotos aus eigener Quelle.

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