Die 13. Memminger Ausbildungsmesse stößt auf enormes Interesse

9. Oktober 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Was tun, wenn man noch gar nicht weiß, was man einmal beruflich machen möchte? Auf welchen möglichen Wegen gelange ich zu dem Beruf, den ich mir bereits ausgesucht habe? Für welche der vielen Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten entscheide ich mich? Und wie gelange ich dorthin? – Dies waren einige der Fragen, die wieder hunderte von Schülerinnen und Schülern zur 13. Ausbildungsmesse in Memmingen lockten.

Knapp 90 erfolgreiche Firmen aus unserer Region in den Bereichen Produktion, Serviceleistung und Handwerk stellten sich bei der vom Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT Memmingen/westliches Unterallgäu organisierten 13. Memminger Ausbildungsmesse vor. Zudem gaben im Berufsbildungszentrum (BBZ), der Johann-Bierwirth-Schule (JBS), sowie der Fachoberschule/Berufsoberschule (FOS, BOS) dutzende von spannenden Bildungsinstituten Einblick in weitere Bildungsmöglichkeiten und Verbände und Innungen präsentierten Berufsgruppen ihres interessanten Handwerks.

Doch wie orientiere ich mich in dem riesigen Angebot? Wie finde ich den geeigneten Beruf für mich und wer oder was kann mir bei der Orientierung helfen?

Die richtigen Fragen stellen

In diesem riesigen Angebot von spannenden Möglichkeiten, die unsere florierende Region bietet, scheint es vor allem wichtig zu sein, sich vorab die richtigen Fragen zu stellen.

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Aber auch: Was ist mir möglich? – Dies sind nach Ansicht von Bewerbungs- und Karriereberatungsexperte Jürgen Hesse die entscheidenden Fragen, die man sich vor und während der Berufswahl stellen sollte.

Jürgen Hesse vom Autorenteam Hesse/Schrader empfahl daher in seinem Kurzseminar, sich zunächst darum zu bemühen, seine eigenen Potentiale zu entdecken, denn nur wer seine individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften erkennen und definieren kann wird auf Dauer in seinem Job zufrieden sein und darin Erfolg haben. Erst danach stellt sich die Frage Wie? Wie komme ich dorthin?

Einen Beruf wählen, der Spaß macht

Der Soziologe Günter Schwanghart, Berufsberater der Agentur für Arbeit begründete in seinem Kurzseminar „Ich weiß noch überhaupt nicht, was ich werden soll“ diesen Zusammenhang auch aus einer anderen Perspektive: Die Schülerinnen und Schüler, die sich heute auf die Suche nach dem passenden Beruf begeben, gehören zu einem geburtenschwachen Jahrgang.

Was einerseits bedeutet, dass das Angebot an beruflichen Möglichkeiten, wie auch an weiterführenden Bildungseinrichtungen groß ist, andererseits jedoch auch bedeutet, dass diese Generation aller Wahrscheinlichkeit nach mehr leisten muss, als die geburtenstarke Generation vor dem „Pillenknick“ um das Jahr 1964.

Umso wichtiger ist es daher aus seiner Sicht, sich einen Beruf zu wählen, der Spaß macht, den man gerne macht und an den man mit Leidenschaft und Motivation herangeht, um darin Erfolg und langfristig Freude zu haben.

Was also hilft konkret beim Ausfiltern?

Es gibt momentan in Deutschland rund 350 Berufsausbildungen und knapp 19.000 Studiengänge. Wie kann ich aus diesem enormen Angebot das Passende für mich herausfiltern?

  • Informationssammlung: sei natürlich gut und wichtig, das allein reiche aber nicht, so Günter Schwanghart.
  • Die richtigen Fragen stellen: Wer bin ich? Wo liegen meine Talente? Wohin will ich? Und letztlich: wie gelange ich dorthin.
  • Berufsfelder definieren: Um die Auswahl einzugrenzen sei die Definition von Berufsfeldern sehr hilfreich. Ist es ein Werkstoff, ein Material, das mich inspiriert? Oder bestimmte Produkte oder Prozesse?
  • Visionen, Träume, Perspektiven: An diesem Punkt verweist der Soziologe auf die Eigenart von Hummeln. Nach den Gesetzen der Aerodynamik dürfte eine Hummel nicht fliegen können, sie tut es aber dennoch. Ein junger Mensch, der Träume hat, solle sich heute nicht davon abschrecken lassen, seinen Träumen nachzugehen. Das Finden und Ausfüllen von Nischen, die Entwicklung ganz eigener Ideen sei heute erfolgversprechender denn je und natürlich auch sehr befriedigend.
  • Geld verdienen: sei natürlich wichtig, aber sollte nicht als der wichtigste Faktor bei der Berufswahl betrachtet werden. Wenn mehr geleistet werden muss, gehe es auch darum, selbst körperlich wie auch mental gesund zu bleiben, zufrieden und ausgefüllt und für seinen Arbeitgeber langfristig eine wirkliche Unterstützung zu sein.
  • Fünf Personen nach seinen eigenen Stärken fragen: Die meisten Menschen seien es nicht gewohnt, eigene Stärken und Fähigkeiten zu benennen, nachdem das Input während des Heranwachsens meist das Gegenteil ist und einem vermittelt, was man nicht kann bzw. lernen muss. Er empfiehlt daher, fünf oder mehr Personen zu fragen, was deren Ansicht nach die eigenen, persönlichen Stärken des Fragenden sind. Sehr häufig sorge das Ergebnis für großes Staunen und enthülle Stärken und Fähigkeiten, über die man sich selbst gar nicht bewusst war.
  • Muster und Prägungen herausfiltern: Unabhängig von jeglicher Wertung seien die Eltern der wichtigste Impulsgeber. Es gelte daher, herauszufinden, ob man tatsächlich ähnliche Neigungen wie ein oder beide Elternteile hat, oder ob man entgegen seiner eigenen Charakteristika etwa in eine Berufsnachfolge oder ein Berufsbild gedrängt wird. Gerade bei letzteren führe dies sehr häufig im besten Falle zu Studienabbrüchen und damit verbunden zu Verlusten an Zeit und Geld, im schlimmsten Falle zu massiven psychischen und/oder körperlichen Störungen und allen weiteren Folgen.
  • Rahmenbedingungen klären: Möchte ich in meiner Heimat bleiben? Möchte ich auch in anderen Ländern arbeiten? Möchte ich reisen, möchte ich wegziehen? In eine große Stadt? Aufs Land?
  • Offenheit – Der „Sterntaler-Effekt“: Nach der Theorie des US-amerikanischen Psychologen und Karriere-Theoretiker John Krumboltz, der „geplanten Zufallstheorie“ (planned happenstance theory), ist es ok, nicht immer zu planen, denn ungeplante Ereignisse könnten zu guten Karrieren führen. Was fällt mir besonders auf? Wer/was zieht mich besonders an? So sei dies auch eine Möglichkeit, an die Ausbildungsmesse heranzugehen, wenn ich keinen Plan habe: Fällt mir eine bestimmte Firma besonders positiv ins Auge? Erweckt eine bestimmte Präsentation großes Interesse bei mir? Ein bestimmtes Material? Erweckt eine bestimmte Idee oder ein Konzept meine Neugier?

Wie geht es weiter?

Wurde man sich einmal klar über seine Neigungen, Stärken und Visionen, hat seine Rahmenbedingungen definiert, ein Berufsfeld herausgearbeitet oder auch eine Firma identifiziert, oder ein Material herausgefiltert, mit der/dem man gerne arbeiten möchte, geht es zum nächsten Schritt: Wie gelange ich dorthin?

Viel Information bei der Ausbildungsmesse

Von Ausbildung und Lehre in einem der rund 90 ausstellenden produzierenden Betrieben, Handwerksbetrieben und Serviceanbietern, über Behörden und Ämter, die verschiedensten Berufsfachschulen und Bildungseinrichtungen, bis hin zu wissenschaftlichen und akademischen Berufen – letztere präsentiert vom Rotary Club Memmingen und RC Memmingen-Allgäuer Tor – konnte man sich bei der Ausbildungsmesse an Ständen, in Workshops und in Seminaren ein reichhaltiges Bild machen über das „Wie“, im Berufsbildungszentrum (BBZ), der Johann-Bierwirth-Schule (JBS), sowie der Fachoberschule/Berufsoberschule (FOS, BOS).

Nachdem das duale Studium eine Brücke zu sein scheint zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Anwendung, die ganze Welt uns um dieses System beneidet und es auch viele Antworten verspricht im Zusammenhang mit der voranschreitenden Digitalisierung, zog es mich nach einem Rundgang zu einem weiteren Kurzseminar: „Studium mit Praxis – Duale Studiengänge“ von Rolf Katzek, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit.

Duale Modelle – Die Verbindung von Theorie und Praxis – welche Möglichkeiten gibt es?

  1. Studium an einer dualen Hochschule (Baden-Württemberg)
  2. Verbundstudium mit integrierter Ausbildung
  3. Studium mit vertiefter Praxis an der Hochschule
  4. Hochschule des öffentlichen Dienstes

Beim Studium an einer dualen Hochschule sucht man sich zunächst eine duale Hochschule (DH) in Baden-Württemberg aus, die den gewünschten Studiengang anbietet und bewirbt sich bei einem Betrieb, der mit der entsprechenden HS kooperiert und auch in Bayern oder anderen Bundesländern angesiedelt sein kann.

Der Studierende erhält eine Vergütung vom Betrieb über die gesamte Dauer der Ausbildung.

Studiengänge in den Bereichen Technik, Wirtschaft, Sozialwesen und Gestaltung sind an dualen Hochschulen möglich. Meist im 3-monatigem Rhythmus zwischen Schule und Betrieb dauert das Studium drei Jahre und endet mit einem Bachelor.

Ein Verbundstudium, welches einen Berufsabschluss mit einem Studienabschluss kombiniert, kann man in unserer Region in Kempten, Augsburg und Ulm absolvieren. Die Bewerbung erfolgt im Betrieb als auch an der Hochschule.

Auch hier gibt es eine Ausbildungsvergütung, die auch die Studienabschnitte während des 4,5-jährigen Studiums abdeckt. Studiengänge sind hier etwa Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau, Elektro- und IT-Technik, Tourismusmanagement, Fahrzeugtechnik und ähnliches. Abgeschlossen wird mit einem anerkannten Ausbildungsberuf und einem Bachelor.

Das Studium mit vertiefter Praxis entspricht inhaltlich und zeitlich dem herkömmlichen Hochschulstudium, die zusätzliche Praxis wird in der Regel in der vorlesungsfreien Zeit bzw. den Semesterferien absolviert und soll mindestens 50% mehr Praxis als im regulären Studium beinhalten.

Die Bewerbung erfolgt bei einem Betrieb, der mit der HS kooperiert. Im Anschluss an den Bildungsvertrag mit der Firma erfolgt die Bewerbung an der Hochschule. Studierende erhalten vom Betrieb eine verhandelbare Vergütung: Am Anfang sollten es mindestens 80% sein, ab dem 3. Semester 100% der Vergütung entsprechender Ausbildungsberufe.

Die Regelstudienzeit beträgt 3,5 Jahre und endet mit dem Bachelor.

Auch möglich ist ein Studium mit vertiefter Praxis, das mit einem Master endet, hierfür wird die intensive betriebliche Praxis mit einem Masterstudium kombiniert, welches in Voll- oder Teilzeit erfolgen kann.

Beim Studium an einer Hochschule des öffentlichen Dienstes findet die Praxis in einer Behörde der Kommune, des Landes oder des Bundes statt. Während des 3-jährigen Studiums ist man Beamtenanwärter oder auch Angestellter und wird mit Anwärterbezügen bzw. Gehalt vergütet.

Der Abschluss ist ein Bachelor oder Diplom und gleichzeitiger Befähigung zur Beamtenlaufbahn des entsprechenden Qualifikationsniveaus mit nachfolgender Verbeamtung.

Der Teilzeitstudiengang Systems Engineering am Hochschulzentrum Memmingen

Der Teilzeitstudiengang Systems Engineering am Hochschulzentrum Memmingen ist ein Kooperationsstudiengang der Hochschulen Augsburg, Kempten und Neu-Ulm im Rahmen des Verbundprojekts „Digital und Regional“.

Er kann entweder als Verbundstudium, oder als Studiengang mit vertiefter Praxis absolviert werden und endet mit dem Bachelor of Engineering.

Beim Studienmodell Digital und Regional sind die Studierenden – anders als bei anderen dualen Studiengängen – im Regelfall mindestens drei Tage je Woche im Unternehmen. Durch diese besonders enge Verzahnung von Theorie und Praxis können die Studieninhalte während der Studienzeit von 4,5 Semestern im Unternehmenskontext unmittelbar umgesetzt werden.

Der Studiengang Systems Engineering wurde speziell auf die inhaltlichen und organisatorischen Bedürfnisse der Region zugeschnitten und als Antwort auf einen Wandel in der Wirtschaft: Flexibilisierung der Arbeitsplätze, höhere Qualifikationen, intelligente Fabriken, Internet der Dinge sowie die Vernetzung von Prozessen verlangen nach fachübergreifenden Kompetenzen vor allem aus den Bereichen Informatik und Produktionsprozesse.

Auf diese Entwicklung hin zur Industrie 4.0 haben die drei schwäbischen Hochschulen in Augsburg, Kempten und Neu-Ulm reagiert und dieses Studienkonzept erarbeitet, das sich durch die intensive Kooperation mit mittlerweile 50 Unternehmen der Region auszeichnet.

Hilfe bei Berufswahl und Bewerbung

Für all die, die nach der Ausbildungsmesse weitere oder spezifische Beratung benötigen, hier ein paar Tipps:

Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit hilft nicht nur individuell bei der Wahl der Ausbildung, oder bei der Wahl eines Studiums, sondern auch bei der Bewerbung, sei es direkt bei Betrieben oder bei der Bewerbung um ein Studium.

Daneben gibt es in den meisten Schulen einen Berufsberater der Schule.

Zudem gibt es eine „trägerneutrale Bildungsberatungsstelle“ vom Landkreis für den Wirtschaftsraum Memmingen-Unterallgäu, hier der entsprechende Link dazu.

Auch die Allgäu GmbH bietet ein Bildungsportal, auch hier der entsprechende Link dazu.

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