4Min 12Sek – Ein modernes Märchen über unser und das digitale Gewissen

19. Oktober 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

4Min 12 Sek, das am Landestheater Schwaben seine deutschsprachige Erstaufführung unter der Inszenierung von Peter Kesten feiert, ist ein modernes Märchen, das in den zersplitterten Spiegel unserer Zeit sieht, dessen Fragmente nahezu ungefiltert durch das world-wide-web fliegen und es uns überlassen, welches Bild wir daraus zusammensetzen wollen. Und was wir warum tun – im Angesicht eines digitalen Gedächtnisses, das nichts vergisst.

Während einer malerischen Szene im Strandkorb lernen wir das Ehepaar Di und David kennen und durch ihr Gespräch bereits etwas von ihrem gemeinsamen (einzigen) Sohn Jack: Als ausgezeichneter Schüler, der in seiner Wohngegend als Spießer gehänselt wird, weil er immer Blazer trägt und sich offenbar vom Durchschnitt abhebt, ist Jack der Augapfel seiner Eltern, Jurastudium und Karriere scheinen bereits in greifbarer Nähe.

Doch plötzlich klebt Blut an Jacks Hemd und Mutter Di fragt aus Sorge bei ihrem Ehemann nach. Ein für Di immer beunruhigender werdendes Gewirr aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unausgesprochenem veranlasst Di zur Recherche, während Vater David etwas zu vehement versucht, mit einem großen Schwamm alles als „halb so wild“ vom Tisch zu wischen.

Aus Dis unermüdlicher Recherche in Sorge um ihren Sohn, der in Ihren Augen „noch ein Kind“ ist und ein Abbild eines mustergültigen Sohnes, entstehen immer mehr Zweifel. Warum redet ihr Mann um den heißen Brei? Warum wird ihr „Kind“ verprügelt? Warum hat dieses Mädchen – „ausgerechnet die!“ – ihren Mustersohn verlassen? Und warum wurde deshalb ihr Liebling Jack verprügelt?

Als plötzlich auch noch ein 4 Minuten 12 Sekunden dauerndes Video auftaucht, welches ihren Sohn „und dieses… Mädchen beim – Sex!?“ zeigen soll, offenbar in den Sozialen Medien verbreitet wurde und immer mehr verwirrende Halbwahrheiten zutage treten, sieht sie sich veranlasst, aktiv zu werden.

Wer hat das Video hochgeladen? Und warum? Noch sucht sie nach Gründen, um die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen, um schlimmeres abzuwenden und vielleicht auch aus Angst, ihr eigenes Bild von ihm korrigieren zu müssen. Doch auch die Suche nach der Wahrheit treibt sie weiter.

So sucht sie einen Freund Jacks auf, dann das Mädchen selbst. Während sie erfährt, dass in dem Video auch noch Gewalt von ihrem Sohn ausging und ihre Zweifel bei jeder neuen, beunruhigenden Information wachsen, versucht David weiterhin alles unter den Teppich zu kehren.

Die Räume zwischen Di, ihrem Mann und ihrem Sohn vergrößern sich rapide, vor allem als Di das Video ansieht und als klar wird, wer das Video tatsächlich hochgeladen hat…

Dennoch versteht es James Fritz in seinem Schauspiel 4Min 12Sek meisterlich, Ursachen, Auswirkungen und Verantwortlichkeiten wie Spielbälle hin und herzuwerfen, wirft eine Menge Fragen auf, überlässt die Antworten aber dem Betrachter, der am Ende weniger an der Frage hängen bleibt, wer nun „Schuld“ trägt, sondern vielmehr woran und wie man sich selbst zu den vielen übrigen Fragen positioniert.

Sind die sozialen Medien Segen oder Fluch? Inwieweit bilden sie Realität ab und wenn ja, welchen Teil davon?

Macht es häusliche Gewalt weniger schlimm, wenn sie sich gegen ein Mädchen aus einem weniger gehobenen Milieu richtet?

Rechtfertigen die Karrierepläne von Eltern das Verdecken von Unrecht, das ihr Sprössling begeht?

Sind die sozialen Medien Segen oder Fluch, wenn es um das Aufdecken von faktischer Wahrheit geht?

Ist die faktische Wahrheit „schuld“, der, der sie ausspricht, der, der sie schafft, oder der, der sie (be-)wertet?

Was ist Schuld, was ist Wahrheit überhaupt, und welche Rolle spielen dabei flüchtige Ausschnitte einer Realität, die sich fast beliebig neu anordnen lassen können? Und welche Rolle spielen wir dabei?

4Min 12 Sek, das am Landestheater Schwaben seine deutschsprachige Erstaufführung unter der Inszenierung von Peter Kesten feiert, ist ein modernes Märchen, das in den zersplitterten Spiegel unserer Zeit sieht, dessen Fragmente nahezu ungefiltert durch das world-wide-web fliegen und es uns überlassen, welches Bild wir daraus zusammensetzen, wie wir es sehen, wie wir es werten und auf welcher Basis.

Es trifft den Nerv einer Zeit, in der wir die Freiheit haben, zu wählen, woran wir glauben wollen, in der Werte neu definiert werden und zwischen Smartphone, Social Media und weltweiter Vernetzung alles offen zu liegen scheint.

Alles, inklusive unserer Privatsphäre. Was uns jedoch andererseits dazu zwingt, uns genau zu überlegen, ob wir das tun sollten, was wir gerade dabei sind zu tun, oder ob wir es besser lassen sollten, im Angesicht des `digitalen Gewissens´ – dem digitalen Gedächtnis, das nichts vergisst.

Infos

Schauspiel von James Fritz, Deutschsprachige Erstaufführung

Inszenierung: Peter Kesten – Bühne und Kostüme: Britta Lammers – Dramaturgie: Miriam Grossmann
Besetzung: Anke Fonferek – Elisabeth Hütter – Rudy Orlovius – Jens Schnarre.

Altersempfehlung: ab 15 Jahren, auch als Schulmaterial empfohlen.

Weitere Aufführungstermine finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de,

zudem werden die Termine auf unserem Veranstaltungskalender regelmäßig angekündigt.

Fotos:

Fotocredit: © Karl Forster.

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