„Ankkommen in der neuen Heimat“ feierte seinen Abschluss

30. Oktober 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat“ als Teilprojekt der „Zeitmaschine Freiheit“ schloss am Stadtmuseum Memmingen am vergangenen Freitag unter anderem mit einem Vortrag von Ortfried Kotzian, Träger des Ostdeutschen Kulturpreis für kulturelle Jugendarbeit. Unter dem Titel „Warum Sie hier sind!“ beleuchtete er die Gründe der Migration von deutschsprachigen Völkergruppen vor und nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Ausstellung „Ankommen in der neuen Heimat“ wurde nicht von einer Vielzahl von Exponaten getragen, sondern von Lebensgeschichten. Lebensgeschichten, die eine Verbindung herstellen zwischen dem Verlust einer alten und dem Ankommen in einer neuen Heimat und die Unmöglichkeit oder Möglichkeiten von Freiheit in diesem Zusammenhang beleuchtet.

„Warum Sie hier sind!“

„Warum sie hier sind!“ war der Titel des Vortrages des Hauptreferenten der Abschlussveranstaltung Dr. phil. Ortfried Kotzian, der für seine wissenschaftliche Arbeit unter anderem 1994 mit dem Ostdeutschen Kulturpreis für kulturelle Jugendarbeit des Bundesministeriums des Inneren ausgezeichnet wurde.

Ortfried Kotzian wurde 1948 in Fellheim im Unterallgäu geboren. Seine Eltern stammten aus Hohenelbe im Riesengebirge und waren nach Vertreibung bzw. Kriegsgefangenschaft 1946 und 1947 nach Illertissen in Bayerisch Schwaben gekommen.

„Ich bin quasi das Produkt des Wiederfindens meiner Eltern“, erzählte Ortfried Kotzian, dessen Eltern sich zweieinhalb Jahre lang aus den Augen verloren hatten während der Vertreibungen und „Umsiedlungen“ von deutschsprachigen Völkergruppen aus den mittleren, östlichen und südöstlichen Teilen Europas, sowie Teilen der ehem. Sowjetunion und dem ehemaligen Jugoslawien vor und nach dem zweiten Weltkrieg.

Obwohl seine Eltern in ein Haus in Illertissen eingewiesen wurden, das nur 100 Meter vom Kreiskrankenhaus entfernt lag, musste seine Mutter ihn in einem „Entbindungsheim für Flüchtlingskinder“ auf die Welt bringen.

Einerseits konfrontiert mit Diskriminierung, stießen sie seitens der Bevölkerung andererseits auch auf Unterstützung und menschliche Wärme, sodass sich in seinem, wie auch im Gedächtnis vieler anderer Betroffener, die neue Heimat als eine „kalte und auch warme neue Heimat“ offenbarte.

16 Millionen deutschsprachige Menschen zur Migration gezwungen

Die Eltern von Ortfried Kotzian waren zwei von 16 Mio deutschsprachigen Menschen, so erfahren wir in seinem Vortrag, die seit 1939 aus insgesamt 16 verschiedenen Völkergruppen in Ländern in und um das heutige Europa vertrieben, ausgewiesen, umgesiedelt, oder deportiert wurden, oder flüchten mussten.

Von den ursprünglich 18,3 Mio Deutschsprachigen, die in Teilen der ehemaligen Sowjetunion, in Polen, des ehemaligen Jugoslawien, etc. angesiedelt waren, leben dort heute noch rund 2,3 Mio Menschen. Der Rest, rund 16 Mio Menschen, wurde zur Migration gezwungen und könne somit heute als „deutschsprachige Mitbürger mit Migrationshintergrund“ betrachtet werden.

Verantwortlich für diese große Migration waren die großen Diktatoren Hitler und Stalin und deren Idee von „ethnischer Reinigung“ – einer Trennung und gegenseitiger Ausgrenzung von verschiedenen kulturellen, sprachlichen und religiösen Gruppierungen, erläutert der kulturpolitische Wissenschaftler.

Migration in mehreren Wellen

Zwangsumsiedlungen

Diese große Migration deutschsprachiger Menschen erfolgte in mehreren Wellen. Die erste Welle erfolgte um 1939 im ehemaligen „Deutschen Reich“ mit Zwangsumsiedlungen sowie der anschließenden Deportation von sog. „Stalin-Deutschen“, die nur etwa 10% der Betroffenen überlebten.

In Memmingen kamen um diese Zeit innerhalb kurzer Zeit über 6.540 Menschen aus dem ehemaligen „Sudetenland“ an und vermehrten die Einwohnerzahl von 16.346 (1939) schlagartig um 40 Prozent.

Unkoordinierten Aktionen und Flucht

Die zweite Welle umfasste die Zeit während des Krieges mit unkoordinierten Aktionen und Flucht, und mündete nach dem 2. Weltkrieg in eine dritte Welle, die von „wilden Vertreibungen“ geprägt war durch die Staaten, die die Herrschaft wiedergewinnen wollten.

Wilde Vertreibungen

Ortfried Kotzians Eltern waren Opfer der dritten Welle von „wilden Vertreibungen“. Sie hatten genau fünf Stunden Zeit, um ihr Haus zu verlassen, mussten den Schlüssel dann außen stecken lassen und durften nur mitnehmen, was sie selbst tragen konnten.

Sie mussten alles zurücklassen und mussten davon ausgehen, nicht mehr dorthin zurückkehren zu können. Willkürlich in verschiedene Transportmittel gepfercht wurden sie aus dem Riesengebirge nach Thüringen gebracht. Zweieinhalb Jahre lang wusste seine Mutter nicht, wo ihr Mann war.

Offizielle Vertreibungen

In einer vierten Welle kam es dann zu „offiziellen Vertreibungen“, um die neuen Staatsgrenzen zu manifestieren. Züge aus Sammellagern rollten über Grenzen nach Bayern oder in die „Russische Zone“.

Allein in Augsburg kamen 1946 innerhalb von neun Monaten 180.000 Menschen aus dem Sudetenland an, klärte der kulturpolitische Wissenschaftler auf, um sich konkret anhand eines nahe gelegenen Beispiels eine Vorstellung zu machen. Von dort aus wurden diese Menschen in Regierungslagern innerhalb Schwabens weiterverteilt.

Ein Aspekt ist die Unterbringung in Zwischenlagern, wie in Memmingen etwa in der „Burg“ oder der Barackensiedlung auf dem „Hühnerberg“. Die „Willkommenskultur 1946″ schwankte zwischen Diskriminierung und nachhaltigen Überlebens- und Aufbauhilfen.

Spätaussiedler

Nach 1950 migrierten in einer fünften Welle etwa 2,5 Mio deutschsprachige Menschen v.a. aus Russland als sog. „Spätaussiedler“ in die neue Bundesrepublik und die ehemalige DDR.

Ortfried Kotzian hat über diese Zusammenhänge übrigens ein Taschenbuch veröffentlicht unter dem Titel „Statistisches Taschenbuch der Vertriebenen in Deutschland“. Das 1. Kapitel beinhaltet den Vortrag, den der kulturpolitische Wissenschaftler an diesem Abend hielt.

Großes Interesse

Der Kreisvorsitzende des Bunds der Vertriebenen in Schwaben und Historiker Armin M. Brandt sprach von großem Interesse an der Ausstellung, die auch während der sonst schwach besuchten Sommermonate rund 20 Besucher pro Tag anlockte.

Ein Teil der Ausstellung – ein Rundgang am Hühnerberg, der noch bis Mitte November dort besucht werden kann – zählte bei den geführten Rundgängen von Herrn Schütterle und Herrn Engelhard durchschnittlich rund 40 Teilnehmer.

Sein Dank galt Ursula Winkler als Kuratorin der Ausstellung, die die Zeitzeugen gesucht und ausgewählt hat und gemeinsam mit Veronika Dünsser Yakci die Interviews führte, sowie Ute Perlitz als Leiterin des Stadtmuseums und Ronja Hartmann für die Begleitung dieses Projektes.

Mehr Infos auf http://zeitmaschine-stadtmuseum-mm.de/.

Fotos:
Bild 1: Ortfried Kotzian, Träger des Ostdeutschen Kulturpreis für kulturelle Jugendarbeit des Bundesministeriums des Inneren und Hauptreferent des Abends.
Bild 2: Die Ausstellung „Ankkommen in der neuen Heimat“ schloss mit dieser Veranstaltung ab.

Fotos aus eigener Quelle.

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