500 Jahre Reformation – Luthers Schicksalsfrage und der moderne Mensch

2. November 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

„Wie steht Gott zu MIR? – Luthers Schicksalsfrage und der moderne Mensch“ war der Titel des Vortrages von Dr. Wolfgang Nestvogel, den der Doktor der Theologie am Reformationstag in der Memminger Stadthalle vor zahlreichen interessierten Zuhörern hielt. Teil seiner Fragestellung war, was die Reformation für uns heute bedeutet.

„Die Reformation hat die Geschichte Deutschlands, Europas und weltweit beeinflusst“, beginnt der der ehemalige Dozent für Praktische Theologie an der Akademie für Reformatorische Theologie (ART) in Hannover, heute Rektor derselben und Pastor der Bekennenden Evangelischen Gemeinde Hannover (BEG).

„In diesem Jahr werden 500 Jahre Reformation gefeiert, doch was feiern wir genau? Und welche Folgen, welche Auswirkungen hat die Reformation auf mein heutiges Leben?“ Fragte Dr. Wolfgang Nestvogel.

Wenn wir uns fragen, was wir mit der Reformation verbinden, falle u.a. als eines der ersten Stichworte der „Thesenanschlag“ Luthers 95 Thesen.

Das Dokument seiner Thesen, das Luther im Stil von Disputationsthesen verfasste, d.h. in Form eines wissenschaftlichen Streitgespräches, kritisierte u.a. die kirchlich geschürte Angst vor dem Fegefeuer und dem darauf aufbauenden „Ablasshandel“. Martin Luther bezeichnete dies offen als ein gutes Geschäft für die Kirche, jedoch ohne jegliche Wirkungskraft für den gläubigen „Sünder“.

Er stellte in seinen Thesen das gesamte Machtgefüge der damaligen römisch-katholischen Kirche offen in Frage einschließlich dem Papst an deren Spitze, sowie dessen kirchliche Bestimmungen etwa von Buße, Strafe und Straferlass, bis hin zur Finanzierung von Kirchen durch das arme Volk, trotz eines Papstes, der selbst sehr vermögend war.

Luther kritisierte zudem offen die Vormachtstellung der Institution der römisch-katholischen Kirche als alleinigen Vermittler zwischen Mensch und Gott und schrieb all dies nicht in einem Brief an einen anderen Theologen, sondern plakatierte es an Wände, ließ Flugblätter verteilen und trat so in direkten Kontakt mit der einfachen Bevölkerung.

Was war Luthers Antriebsfeder?

Was trieb Martin Luther an? Welche waren für ihn die bedeutenden Fragen des Lebens? Um Martin Luther und sein Wirken besser zu verstehen, stellte Dr. Nestvogel vor allem drei wichtige Abschnitte Martin Luthers Leben vor: „Der Student in der Krise“, „Die Entdeckung einer Quelle“ und „Die Entdeckung einer Person“.

Der Student in der Krise

Als Sohn einer einfachen Arbeiterfamilie, die es durch Bergbau zu bescheidenem Wohlstand brachten, kam er nach der Pfarrschule als Student nach Erfurt, wo er nach seinem akademischen Grundstudium Jura studieren wollte. Bei einem starken Gewitter, in dem er um sein Leben bangte, schwor er Mönch zu werden, sollte er dieses Gewitter überleben.

Er überlebte, trat in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein und wurde dort zwei Jahre später zum Priester geweiht.

Auf seine existentiellen Fragen „Wo finde ich Wahrheit über mein Leben?“, „Wo geht es hin?“, „Gibt es Ewigkeit?“, „Wie kann ich als Mensch vor Gott bestehen?“, hatte er jedoch nach wie vor keine Antworten gefunden und es plagten ihn weiterhin Zweifel an seiner als Mensch unüberwindlich scheinenden „Sündhaftigkeit“. Doch genau von diesen existentiellen Fragen wurde er angetrieben.

Seine Zeitgefährten waren Naturwissenschaftler wie Kopernikus und Galileo. Die Philosophen seiner Zeit widersprachen sich und fanden keine erschöpfenden Erklärungen. Und auch dem Papst konnte Martin Luther belegen, sich mehrfach geirrt und sich widersprochen zu haben.

Wer also hat die Wahrheit? Wer die Autorität und warum? – Martin Luther sei ein kritischer Denker gewesen, und fand sich wieder in einer tiefen Krise, so Dr. Wolfgang Nestvogel. Die Antwort, so fand Luther bald, könne nur von Gott selbst kommen und so beschäftigte er sich immer mehr und immer intensiver mit dem Studium der Bibel.

Die Entdeckung einer Quelle

Je länger sich Luther mit der Bibel befasste, umso mehr Klarheit fand er und umso mehr Gewissheit, dass die letztgültige Norm, die zuverlässige Grundlage aller Antworten nur aus dieser heiligen Schrift zu entnehmen sei als direktes Wort Gottes und nicht aus einer Instanz, die „Schulderlass verkauft“, das Wort Gottes allein der Sprache wegen für sich beansprucht, sowie einem päpstlichen Primat, dessen Stellung sich allein aus der Schrift nicht begründen ließe.

Ab diesem Zeitpunkt stand Luther der Institution der römisch-katholischen Kirche, die sich in all ihren Formen und Inhalten als Vermittlungsanstalt der Gnade Gottes an den Menschen sah, zunehmend kritisch gegenüber.

Sehr deutlich wurde dies, als Luther der Ketzerei angeklagt wurde, so der Theologe Dr. Nestvogel, und nach der „Leipziger Disputation“ die Aufforderung, seine reformatorischen Hauptschriften zu widerrufen so beantwortete: Wenn seine Thesen durch Zeugnisse der Bibel oder die Vernunft wiederlegt werden können, dann – und nur dann – würde er sie wiederrufen.

Noch durch die Bibel, noch durch Vernunft konnten seine Thesen widerlegt werden und Martin Luther wurde daraufhin nicht verhaftet, jedoch hatte er sich die mächtigsten Männer zu seinen Feinden gemacht: Den Papst, das Konzil und König, später Kaiser Karl V., der sich für „einen Glauben, ein Reich und einen Herrscher“ stark machen wollte als „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches“.

Der Verlust der Souveränität dieser Instanzen und die Konzentration allein auf die Bibel selbst als direktes Wort Gottes bildete letztlich den Zündstoff für das Wirken Luthers und die darauffolgende Reformation, so Dr. Nestvogel.

Die Entdeckung einer Person

Eine brennende Frage Martin Luthers war jedoch, wie Gott zu ihm als Mensch steht – die Frage, die der Referent und Theologe Dr. Wolfgang Nestvogel zum Thema seines Vortrages machte. Zu ihm als Mensch, der wie alle anderen Menschen irgendwann irgendetwas getan hat, was gegen die Gebote verstoßen hat. Müsste dieser Gott nicht alle Menschen verurteilen? Fragte sich Luther. Und doch wolle Gott die Menschen retten…

In der Meditation über den Bibelvers Röm 1,17 habe Luther dann plötzlich entdeckt, was er seit einem Jahrzehnt vergeblich gesucht hatte: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt, wie geschrieben steht: `Der Gerechte wird aus dem Glauben leben´“.

Dieser Bibelvers führte Luther zu seinem neuen Verständnis, dass Gottes ewige Gerechtigkeit ein reines „Gnadengeschenk“ sei, welches dem Menschen nur durch den Glauben an Jesus Christus gegeben werde. Keinerlei Eigenleistung könne dieses Geschenk erzwingen.

Auch der Glaube selbst – das Annehmen der angebotenen Gnade – sei kein menschenmögliches Werk. Gott vollstrecke die Strafe an seinem eigenen Sohn und biete den Menschen dadurch die Rettung, die Vergebung an.

Jesus, der sich als stärker als der Tod erweise, schaffe so die Voraussetzung, die Schuld der Menschen auf sich zu nehmen, womit die Tür für den Menschen zu Gott geöffnet werde.

Damit erschloss sich für Luther der Begriff der „Gerechtigkeit“, der für ihn bis zu diesem Zeitpunkt eine unerreichbar scheinende Messlatte dargestellt hatte. „Von da an explodierte die Reformation“, so der Theologe Dr. Nestvogel.

Gleichzeitig war für Luther das gesamte Gebilde der mittelalterlichen Theologie mit ihrer kunstvollen Balance zwischen menschlichem Tun und göttlicher Offenbarung zerbrochen.

Die Bibel wird für alle zugänglich

Nach der inszenierten Entführung Luthers durch den ihm wohlgesonnenen „Kurfürst Friedrich der Weise“, die dem Reichstag zu Worms folgte und damit Luthers Todesurteil, begann Luther auf der Wartburg als „Junker Jörg“ getarnt, die Bibel in ein damals verständliches Deutsch zu übersetzen, um es allen Menschen zugänglich zu machen.

Das übersetzte Neue Testament zusammen mit der ersten Teilübersetzung des Alten Testaments erlebten bis 1525 viele autorisierte Auflagen und noch mehr Nachdrucke, so dass rund ein Drittel aller lesekundigen Deutschen dieses Buch besaß. Bis 1534 übersetzte Luther zusammen mit anderen Reformatoren und Professoren-Kollegen das übrige Alte Testament, welches die berühmte „Lutherbibel“ bildete.

Damit machte Luther die biblischen Inhalte auch dem einfachen Volk zugänglich.

Die Bedeutung heute

Heute, wie vor 500 Jahren, stellen wir uns irgendwann die gleichen, existentiellen Fragen, gibt der Theologe zu bedenken. Fragen nach dem Leben, dem Tod, der Vergebung, der Rettung der Seele, nach einem Ort, an dem man Frieden finde, so Dr. Wolfgang Nestvogel.

Nach dem auf Martin Luther zurückgehenden Kernsatz der Reformation „Sola scriptura“ (allein durch die Schrift), ist die Bibel die einzige Quelle und zugleich Norm des christlichen Glaubens der evangelischen Kirche. Dank Luther könne heute jeder Mensch ungefiltert selbst Rat und Antworten in der Bibel finden auf die fundamentalen Fragen des Lebens.

Nach dem Vortrag waren die Besucher noch eigeladen, im Foyer der Stadthalle eine informative Poster-Ausstellung über Martin Luther anzusehen, die der einstige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit dem Auswärtigen Amt konzipiert und bereitgestellt hat.

Info

Mehr Infos über Dr. Wolfgang Nestvogel auf www.wolfgang-nestvogel.de.

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