Leidenschaftslos

6. November 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

„Leidenschaftslos“ umschreibt das Konzert von Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd wohl am besten. Ausgegangen ist diese Stimmung jedoch vor allem, oder besser ausschließlich, von Leadsänger Les Holroyd, der zudem offensichtlich keinerlei Interesse daran hatte, einen positiven Kontakt mit seinem Publikum im Memminger Kaminwerk aufzunehmen.

Seine Mitmusiker Michael „Mike“ Byron-Hehir (Gitarre), Colin Browne (Keyboard, Gitarre), Steve Butler (Gitarre, Keyboard) und Louie Palmer am Schlagzeug, bewiesen allesamt Klasse an ihren Instrumenten und zeigten, separat betrachtet, auch mehr Freude an ihrer Musik.

Die Atmosphäre, die von einer Band ausgeht, wird jedoch maßgeblich vom Leadsänger geprägt und der hatte weder Lust noch Spaß. Erschwerend kam hinzu, dass Les Holroyd keine Kontrolle mehr über seine Stimme zu haben scheint und sein E-Bass nur als hübsche Dekoration um seinen Hals hing.

Wohlwollende Kontaktaufnahme mit dem Publikum? Fehlanzeige. Etwa beim vierten Song drohte Les Holroyd das Spielen einzustellen, wenn weiterhin mit Handys gefilmt werde. Die nach oben ragenden Handys, die man übrigens an fünf Fingern abzählen konnte, verschwanden, und mit ihnen die Vorfreude, die die Zuhörer bis zu diesem Moment konserviert hatten, in der Hoffnung auf eine positive Gefühlsregung von Leadsänger Les Holroyd.

Als der jedoch weder mit Einleitungen seiner Songs oder irgendeinem anderen Kontaktversuch, nur eine lustlose und zudem ablehnende Haltung demonstrierte, war auch die Vorfreude der meisten Konzertbesucher dahin.

Professioneller Umgang mit den Pressefotografen? Ebenfalls Fehlanzeige. Wenn auch hier – wie bei allen bekannten Bands – die Vereinbarung galt, die ersten drei Lieder im „Graben“ vor der Absperrung zu fotografieren, wurden die Pressefotografen noch während des dritten Songs mit eindeutigen Gesten verscheucht. Zudem wurden alle drei der ersten Songs ausschließlich rot ausgeleuchtet. Rotes Licht ist der größte Feind aller Fotokameras und der Tod eines jeden detaillierten Fotos, der die Tiefenwirkung aufhebt und Details wegradiert. Ein Versehen? Bei einer namhaften Band mit eigenen Lichttechnikern wohl eher nicht.

Wer jedoch an Barclay James Harvest der späten 1970er Jahre dachte mit Songs wie „Hymn“, „Poor Man’s Moody Blues“ oder später „Child Of The Universe“, „Rock ‚N‘ Roll Star“, „Mockingbird“ oder „For No One“, lag hier so wie so falsch, denn Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd ist nicht Barclay James Harvest, die es als solches nicht mehr gibt. Denn 1998 hat sich die Band in zwei verschiedene Bands gespaltet.

Aus der einstigen Originalbesetzung von Barclay James Harvest (John Lees, Woolly Wolstenholme, Les Holroyd und Mel Pritchard) bildete sich einmal die John Lees’ Barclay James Harvest (JLBJH), bestehend aus Leadsänger und Gitarrist John Lees, Woolly Wolstenholme (Mellotron, Keyboard, Gitarre, Gesang), Jeff Leach (Keyboard) und Mike Bramwell (Keyboard) und auf der anderen Seite Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd (BJHFLH), damals bestehend aus Les Holroyd (Bass, Gitarre, Keyboard, Gesang), Mel Pritchard (Schlagzeug), Chris Jago (Schlagzeug) und Ian Wilson (Gitarre).

Was wir an diesem Abend im Kaminwerk hörten war also Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd, in der heutigen Besetzung, wie oben bereits erwähnt.

Bei vielen Konzerten werden Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd durch weitere Musiker ergänzt, bei großen Konzerten treten sie mit Orchestern auf. Doch hört man heute auf YouTube etwa ihr Konzert von 2006 während ihrer Tournee durch Deutschland, Frankreich und Belgien, aus der die Live-CD und -DVD Classic Meets Rock – Live with Prague Philharmonic Orchestra hervorging, fallen zwei Dinge auf:

Schon damals hatte Les Holroyd Probleme mit der Kontrolle über seine Stimme und die Musik lebte sehr stark vom Prague Philharmonic Orchestra. Natürlich rechnet es sich nicht, bei einem eher kleinen Kozert ein Orchester zu engagieren und wie erwähnt, sind allein die Musiker der Kernband hochklassig, doch reicht es offenbar nicht, eine Balance für seine mangelhafte Stimme zu schaffen.

Dennoch wäre es zu einfach, sein Alter oder seine fehlende Stimme verantwortlich zu machen, auch weil es andere Sänger und Musiker gibt, die im gleichen Alter noch immer mitreißen, obwohl das Alter ihre Stimmen gefärbt hat.

Den Unterschied macht die Leidenschaft und die Seele, die auch alt gewordene Musiker noch immer in ihre Musik zu legen vermögen – hier sei etwa an das Konzert von Wolfgang Ambros im Memminger Kaminwerk erinnert, welches nur Monate zurückliegt, oder das Konzert von Konstantin Wecker, der ebenfalls erst vor ein paar Monaten ein umwerfendes Konzert gab oder Michael Schenker, der zwar kein Sänger ist, aber als Weltklassegitarrist im vergangenen Jahr in der gleichen Location ein mitreißendes Konzert inszenierte, bei dem er selbst noch immer mit Leidenschaft und großer Spielfreude am Werk war.

Doch wo kein Funke ist, da springt eben auch keiner über. Und so endete das Konzert von Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd in Memmingen als eine laue Enttäuschung.

Auch weil die Beleuchtung (für die nicht das Kaminwerk-Team verantwortlich war, sondern bandeigene Techniker, die wiederum sicher auf Anweisung handelten) denkbar schlecht war, gibt es zu diesem Konzert auch kein Album.

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