Meistergesang – ein Vorläufer des Poetry Slam?

21. November 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Regeln galt es zu beachten in Form, Notation, Rhythmik und Melodik, um ein Mitglied der Memminger Meistersinger-Gesellschaft werden zu können. Im Rahmen der Tagung „Schwaben und Franken“ des Memminger Forums für schwäbische Regionalgeschichte im Rathaus gaben Prof. Dr. Klaus Wolf und Prof. Dr. Johannes Hoyer vor rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörern Einblicke in dieses Regelwerk der Memminger „Singschule“ und die daraus entstandenen Kunstwerke im 17. bis 19. Jahrhundert.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Wolf stellte das Kulturphänomen „Meistergesang“ vor, das durch Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ nachhaltige Aufmerksamkeit erfuhr.

Nicht nur in Nürnberg, sondern auch in einigen schwäbischen Freien Reichsstädten bezog der Gesang seine Stärke aus der Gründungslegende des deutschen Meistergesangs, derzufolge Kaiser Otto der Große 962 alle „Alten Meister“ um sich versammelt habe, darunter Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach.

Literarische Grundlagen der Memminger Meistergesänge waren vielfach Martin Luthers Psalmen-Übersetzungen. Zur Aufführung gelangten die Gesänge in der Memminger Dreikönigskapelle vor den versammelten Meistersingern oder auch vor interessierten Männern und Frauen, die durch Applaus abstimmten, welches Lied ihnen am besten gefiel.

Im Stadtarchiv Memmingen haben sich zwei Stammbücher mit Texten, Noten und Bildern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert erhalten, die ein herausragendes Zeugnis von der Kunst der Memminger „Singschule“ geben.

Im zweiten Teil des Abends erläuterte der Musikwissenschaftler Johannes Hoyer einige dieser musikalischen Quellen und ihre Bezüge etwa zum mittelalterlichen Kirchengesang. Gesungen wurde einstimmig, vorhandenen Melodien wurden oft mehrfach neue Texte zugrundegelegt.

Viele der Gesänge aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeugen vom Widerstand gegen die katholische Gegenreformation und die überstandene Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Hoyer brachte drei Gesänge zu Gehör, und mit knapper Mehrheit entschied sich das faszinierte Publikum für die „Gezierte Zaumweis“ des Memminger Sattlers Hans Georg Veit auf Psalm 22 aus dem Jahr 1652.

Die Stammbücher der Memminger Meistersinger sind auf den Webseiten des Stadtarchivs Memmingen online einsehbar: www.stadtarchiv.memmingen.de/3328.html.

Fotos:
Bild 1: Illustration aus dem Stammbuch der Memminger Meistersinger, ca. 1628/29 (Quelle: Stadtarchiv Memmingen).
Bild 2: Johannes Hoyer (links) und Klaus Wolf referierten zum Thema „Die Meistersinger von Memmingen“.
Fotoquelle: Julia Mayer / Pressestelle Stadt Memmingen.

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