All das Schöne

30. November 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Man stelle sich vor, ein sieben Jahre altes Kind zu sein und zu erfahren, dass die eigene Mutter die Freude am Leben verloren hat. Dass ein sieben Jahre altes Kind mit dem Begriff „Depression“ sicher nichts anzufangen weiß liegt auf der Hand, aber kann ein siebenjähriges Kind begreifen, was Leben überhaupt bedeutet? Was Tod bedeutet? Und begreifen, oder gar in Worte fassen, wofür es sich zu leben lohnt?

Auch das ist schwer vorstellbar, doch sind es genau die Fragen, dem dieses Kind in „All das Schöne“ im Monolog von Duncan Macmillan am Landestheater Schwaben ausgesetzt ist und in Worte zu fassen, wofür es sich zu leben lohnt, wurde seine Aufgabe.

Als das Kind eines Tages von ihrem Vater anstelle ihrer Mutter von der Schule abgeholt wird, spürt sie, dass etwas Schlimmes passiert ist, „noch bevor unser Verstand begreift, spüren wir in unserem Körper, dass etwas Schlimmes geschehen ist. Es ist wie eine Falltür unter Dir“, beschreibt Anke Fonferek in der Rolle des heranwachsenden Kindes dessen Gefühlswelt in ihrem Monolog in „All das Schöne“, für den sie am Ende mit Standing Ovations vom Publikum in einer ausverkauften Vorstellung im Studio des Landestheaters Schwaben gewürdigt wurde.

„Mama hat etwas Dummes gemacht“ war die einzige Information, die das Kind bekam, als ihre Mutter bei ihrem ersten Selbstmordversuch ins Krankenhaus eingeliefert wurde und ihr Vater sie von der Schule abholte, unfähig seiner Tochter zu erklären, was genau passiert ist und warum.

Als sie zu begreifen beginnt, dass ihre Mutter die Freude am Leben verloren hat und lieber tot wäre, als zu leben, denkt sich das Kind, wie das wohl sein kann, wo es doch so viel Schönes gibt, wie etwa… Eiscreme! Oder länger aufbleiben dürfen als sonst, oder mit Vati den Tannenbaum schmücken, oder Wasserschlachten, oder… die Farbe Blau, Federball, Achterbahnfahren, oder Leute, die stolpern…

Da kam ihr die Idee, all diese tollen Dinge aufzuschreiben. Als ihre Mutter nach einer Woche nach Hause kann, war ihre Liste bereits auf 85 Einträge herangewachsen: „Nr. 83: Sich in den ersten Schnee fallen lassen“, „Nr. 84: Sein Lieblingslied lauthals in der Badewanne singen“, „Nr. 85: Das Geräusch eines platzenden Luftballons“…

Sie pinnte die Liste für ihre Mutter an die Küchentür. Ihre Mutter sagte nie ein Wort darüber, doch dass sie die Liste gelesen hatte, erkannte das Kind daran, dass alle Rechtschreibfehler darin korrigiert worden waren…

Immer wieder wird dabei das Publikum im Studio des Landestheaters miteingebunden, rezitiert Einträge aus der Liste des Kindes oder spielt kurze Parts eines Beteiligten.

Bis man sich nicht mehr als Publikum fühlt, sondern sich diesem Kind nahe fühlt, Anteil nimmt an der Geschichte und tief eintaucht in die Gefühlswelt des Kindes, das mit Lebenswut nach all dem Schönen Ausschau hält und es festhält in einer Liste magischer Momente.

 

 

Sie schrieb weiter an ihrer Liste, auch wenn sie nun daran zweifelte, dass es ihrer Mutter helfen werde. Aber sie fand so viel tolles, so viel aufregendes und konnte einfach nicht aufhören zu schreiben. Bis sie als Teenager irgendwann die Liste vergaß.

Nachdem ihre Mutter das zweite Mal nach einem Selbstmordversuch aus dem Krankenhaus kam, kochte sie ein Essen für sie, wofür sie sich viel Mühe gab, doch ihre Mutter nahm all das nicht wahr. Sie wurde wütend, weil sie sich so viel Mühe gegeben hatte und ihre Mutter anstatt dessen nur daran dachte, tot zu sein! Als sie wütend begann, ihr Zimmer aufzuräumen, fand sie durch Zufall ihre Liste wieder.

„Mein jüngeres Ich war… hoffnungsvoller“, dachte sie sich, als sie in der Liste las und machte genau dort weiter, wo das Kind einst aufgehört hatte. Mehrfach versuchte sie im Folgenden, ihrer Mutter die lebensbejahende Liste nahezubringen, um ihr zu zeigen „Schau, es gibt doch so viel Schönes!“

Ihre Mutter erreichte sie damit jedoch nie. Doch für sich selbst wurde ihre Liste ein Wegbegleiter, der sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zog und sie immer wieder daran erinnerte, welch magische Momente das Leben bereithält, wie einzigartig und bemerkenswert auch kleine Ereignisse sein können, die das Leben reich und bunt und inspirierend machen.

Wieder vergisst sie die Liste. Um sie später erneut wiederaufzunehmen, während sich ihre erste Liebesgeschichte entwickelt – „Nr. 1001: Mit seinem Freund bei Kerzenlicht sein Lieblingslied anhören“… „Nr. 1010 In der Öffentlichkeit tanzen ohne Angst“… „Nr. 2002: Hand in Hand im Regen rennen“…

Auch nachdem sie heiraten wächst die Liste weiter „Nr. 10.123: Spät mit jemandem aufwachen, den man liebt“. Liebe. Das machte ihr Angst. Ihre größte Angst war jedoch, so zu enden wie ihre Mutter, an deren Schicksal sie sich mitschuldig fühlte: „Es heißt, Kinder von einem depressiven Elternteil fühlen sich häufig schuldig, und auch wenn ich wusste, dass ich daran nicht Schuld trug, fühlte ich mich schuldig,“ dachte sie laut.

An einem Punkt kam die inzwischen erwachsene Frau selbst der Depression gefährlich nahe, als sich Routine in ihrer Ehe einstellte und sie begannen, häufig zu streiten. Wieder brach die Liste ab, um später wieder fortgesetzt zu werden – nach dem Tod ihrer Mutter durch Abgase, sitzend im Auto in der Garage, auf dem Beifahrersitz ein leerer Block mit einem Stift…

Was als kindlicher Versuch begann, mit der Depression der Mutter umzugehen, wurde für sie, die selbst später der Depression manchmal gefährlich nahekam zum Weggefährten, zum Mittel für Reflexion, zur Tür für Inspiration, auf die vielen kleinen, magischen Momente im Leben zu achten, sie wahrzunehmen und in sich aufzunehmen.

Die Liste hatte ihr Bild der Welt geändert. Auch über die Trennung ihres Mannes und den Tod ihrer Mutter hinweg war es die Aufmerksamkeit für „All das Schöne“, all das, was das Leben bunt und magisch und lebenswert macht und dem sie letztlich erlaubte, sie zu tragen.

Feinfühlig, behutsam, doch auch humorvoll setzt sich die Erzählung von Duncan Macmillan in der Inszenierung von Kathrin Mädler mit dem Thema Depression auseinander, lässt des Publikum Teil werden an der Gefühlswelt des heranwachsenden Kindes, seinen Freuden und Ängsten und erzeugt gleichzeitig ein Elixier, das Lust auf das Leben macht: Ein Elixier aus Hoffnung, Wahrnehmung von Schönheit, Zuversicht und den Glauben an das Leben selbst.

Weitere Vorstellungstermine finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan/.

Alle Vorstellungen werden auch regelmäßig in unserem Veranstaltungskalender angekündigt.

Fotos: © Forster.

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