Shockheaded Peter – schrill und einzigartig am Landestheater Schwaben

19. Dezember 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

In einer schrillen, super-schrägen Junk Oper werden in SHOCKHEADED PETER am Landestheater Schwaben in unglaublich grotesken, überzogenen, skurrilen und aberwitzigen Szenen die Episoden aus dem Struwwelpeter erzählt und modern übersetzt. Die Inszenierung von Krystyn Tuschhoff wurde dabei eine Art Selbstläufer, der spontanen Ideen der Schauspieler am LTS bei den Proben Raum gab und daraus eine einzigartige Interpretation entstehen ließ.

„Das menschliche Bewusstsein ist voller Ungeheuer“, reflektiert Schauspieler Sandro Šutalo in der Figur des Erzählers und gleichzeitig des Inhabers des Haarstudios „Kre-haar-tief“ zu Beginn der Junk Oper SHOCKHEADED PETER von Julian Crouch, Phelim McDermott und The Tiger Lillies nach Motiven aus DER STRUWWELPETER.

Im Haarstudio „Kre-haar-tief“ tummeln sich in der Inszenierung von Krystyn Tuschhoff, bereichert durch zahlreiche ins Stück integrierte Inputs und Ideen der Schauspieler während der Proben, die Kundinnen zu Dauerwelle, Ansatzfärben oder Spitzenschneiden.

Während der Friseur sich um die Kundinnen kümmert, die allesamt mit sehr einfallsreichen, schrillen und karikaturistisch anmutenden Frisuren bzw. Perücken ausgestattet sind, denkt der gleichzeitige Erzähler laut über die dunkelsten Nischen unserer Träume und Phantasien nach: „Was ist ungeheurer, als die Vorstellung seines eigenen Kindes als eine kindliche Pyromanin, ein Tiere quälendes kleines Monster, oder ein Zappelphilipp, der nicht stillsitzen kann?“

Wie es der Zufall will, trifft eines Tages eine gutaussehende junge Frau in seinem „Haarstudio“ auf einen adretten jungen Mann. Sie verlieben sich Hals-über-Kopf und beginnen recht schnell Nachwuchspläne zu schmieden.

Als die Klapperstörche klappern und das Fieberthermometer den richtigen Moment anzeigt, kommen mit der Vorfreude 1000 Fragen auf, wie: „Mädchen oder Junge? Hausgeburt? Krankenhaus? Blaue oder rosa Kleidung? Schnuller? Holzspielzeug? Biologische Ernährung? Kindergarten? Kindergeburtstage zuhause?…“

Auch wenn der Entstehungsprozess auf der Bühne des LTS an ein Retortenbaby mit dezidierter Kombination an Eigenschaften erinnert, ist das, was die beiden erwartet eben dies nicht.

„Da muss eine Verwechslung vorliegen!“ ist sich das junge Paar einig, als „das Bündel“ dann bei ihnen abgeliefert wird und bunte lange Haare daraus hervorwabern. Im Hintergrund spielt die Band um Bettina Ostermeier „Meine Suppe ess ich nicht“, als das „Kind“ abgewiesen wird und zunächst vom Bildschirm verschwindet.

Parallel zur deprimierenden Geschichte der immer unglücklicher werdenden jungen Eltern, entrollen sich die Episoden des „bitterbösen Friederich“, der Frösche quält und von einem Hund totgebissen wird, während andere Episoden aktualisiert werden: Anstelle des „schwarzen Buben“, der einen „Mohr“ verspottet und deshalb zur Strafe in schwarze Tinte getaucht wird, tauchen Läuse in der KiTa auf, „sicher von den Migrantenkindern!“ hört man Stimmen sagen und deren Rufe verlangen nicht Moral, sondern „alle ausräuchern!“

Paulinchen hingegen verbrennt sich selbst, als sie zündelt in Abwesenheit ihrer Eltern „Messer, Gabel, Scher und Licht…“ und nur ein Aschehäufchen und ein Paar rote Schühchen übrigbleiben. „Mutter Natur schafft diese… `gar schrecklichen Individuen´“ und immer wieder eingestreut werden offene Fragen des Erzählers „Wer sind wir zu urteilen?“

Unterdessen entwickeln sich Gespräche im Friseursalon über das Thema Kindererziehung um Fragen wie „Suchen Sie für ihr Kind die Kleidung aus? Laden Sie für ihr Kind die Geburtstagsgäste ein? Kontrollieren Sie, wie lange ihr Kind im Internet sein darf?“

Zwischen Hans-Guck-in-die-Luft, der mit dem Handy in der Hand unter die Räder kommt, der Episode vom Daumenlutscher, der verblutet, weil ihm dessen Daumen mit der Schere abgeschnitten werden und dem wilden Jäger, der vom Hasen überrumpelt wird, wird man sich immer wieder über die versteckten Nachrichten bewusst, die all diese Geschichten in sich tragen.

Man fühlt sich erinnert an den Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann (1809-94), der sich auch als Lyriker und Kinderbuchautor betätigte, weil er die meisten Kinderbücher albern und langweilig fand und als Weihnachtsgeschenk für seinen Sohn für dieses Kinderbuch, das später erst den Namen „Struwwelpeter erwarb“, selbst zu Papier und Stift griff.

„Der Weise sieht, wo sein Weg in die Irre führt, der Narr geht weiter.“ – Gerade die Episode des wilden Jägers etwa ist nicht die Geschichte eines unartigen Kindes, sondern die über eine „verkehrte Welt“, in der die Autorität – der Jäger – verhöhnt wird und der Schwächere – der Hase – triumphiert.

Mit unglaublich grotesken, überzogenen, skurrilen und aberwitzigen Szenen werden weitere Episoden wie die des am Ende verhungerten Suppenkaspers von Claudia Frost, Miriam Haltmeier, Jan Arne Looss, Jens Schnarre, Regina Vogel, neben Erzähler und dem später „großen“ Struwwelpeter Sandro Šutalo phantasievoll bunt erzählt und gesungen.

Begleitet werden die gesanglich sehr talentierten Schauspielerinnen und Schauspieler am LTS in der großen musikalischen Inszenierung dieser Saison von der Band um Bettina Ostermeier, die die musikalische Leitung übernahm und auch selbst mehrere Instrumente spielt neben Sebastian Kern, Andreas Kerber und Frank Thumbach.

So auch in der letzten Episode vom kleinen Robert, der mit dem Regenschirm auf Nimmerwiedersehen ins Ungewisse davonfliegt, obwohl die Mutter sagte, er solle nicht bei dem Wetter vor dir Tür gehen und außerdem: „nirgends ist es so schön wie daheim“.

„Daheim“ wartete auch der mittlerweile groß gewordene Struwwelpeter mit Riesenmähne und ellenlangen Fingernägeln auf das in der Zwischenzeit in Depression verfallene Paar, das den Struwwelpeter zu Anfang nicht haben wollte, als sie sahen, wie er ist. „Aber schau, er hat Deine… Augen!“ sagt er nun – „Ja, und Deine… Fingernägel,“ antwortet sie – „Ja, und unsere… Haare“ hören wir das Paar sagen und man denkt unweigerlich an die häufigen Identifikationen und Projektionen von Eltern auf ihre Kinder.

„Der Weise sieht, wo sein Weg in die Irre führt, der Narr geht weiter – und unter,“ wiederholt da der Erzähler.

Doch entgegen der allgemeinen Zuordnung von der Geschichte des Struwwelpeters als „Warngeschichte“, die die bösen Folgen kindlichen Ungehorsams thematisiert, ist die Nachricht des Erzählers ans Publikum hier umgekehrt: „Man versucht, etwas auch nur ein bisschen anders zu machen und was hat man davon? Hohn und Spott!“

Und die Moral von der Geschicht: „Kehre besser zuerst den Dreck vor Deiner eigenen Tür weg und – wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!“ sagt Shockheaded Peter alias Sandro Šutalo trotzig, dreht sich um und geht.

Sicher ist die schräge, bunte Junk Oper SHOCKHEADED PETER auch ein sehr passendes Stück für den großen Silvesterabend mit Party und „Dinner for One“ am Landestheater Schwaben. Karten dafür sind übrigens noch erhältlich auf www.landestheater-schwaben.de/silvester.

Weitere Termine für SHOCKHEADED PETER finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan/…

Fotos: © Forster.

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