Ein Poetry-Slam voller Überraschungen

27. Dezember 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

11 Poetry-Slam Künstler waren am vergangenen Freitag angetreten, um im Memminger Kaminwerk ihre Lyrik und dichterischen Texte dem Publikum einer prall gefüllten Kaminwerkhalle zu präsentieren. Für sich waren sicher alle auf ihre Art bemerkenswert, in die Endauswahl kamen drei von ihnen, darunter eine Newcomerin, die erst 17 Jahre alt ist.

2011 war der letzte große Poetry-Slam im Memminger Kaminwerk und damals entstand die Idee, die Bühne wie einen Box-Ring zu gestalten. Der heute 33-jährige Slammer Daniel Wagner, einer der 11 Slammer in diesem Jahr, war auch damals mit dabei, erinnerte sich gern daran und schaffte es diesmal, in der Endausscheidung durch das Applaus-Barometer des Publikums eindeutig als Gewinner hervorzugehen. Sein Hauptgewinn: Die „Allgäuer Poetry-Slam Milchkanne“!

Doch der Reihe nach: Unter der Moderation von Flo und Joe wurden zunächst vier Freiwillige gewählt, um die Jury auf der Bühne zu bilden und damit zu einer Vorauswahl zu gelangen. Den Rest sollte das Publikum mit der Intensität des Applauses besorgen. Die Bedingungen: Jeder Slammer erhält 6 Minuten, der Text muss selbstverfasst sein und Hilfsmittel sind nicht erlaubt, was heißt: Ein Mensch, ein Text, ein Mikrofon.

Ivica Mijajlovic aus dem Kleinen Walsertal machte den schwierigen Anfang und setzte die Latte gleich einmal auf ein recht hohes Niveau. Sein Thema in der Form reimloser Lyrik: Die Apokalypse durch den Großausfall des Internets. Frauen, die ihre Körper für freies W-Lan anbieten, Facebook geht Pleite, die moderne Welt ist in Krisenstimmung. Und Schuld daran ist „die Zeit“. Die Zeit, er traf, als sie stillstand, nachdem uns viel von ihr gestohlen wurde, navigierend auf dem Internet.

Mit starker, durchdringender Stimme sprach Dario Sieber aus Lindau von seinen „Einschlafproblemen“. Das Gute daran: „Man hat mehr Zeit, um sich über die `wichtigen Dinge des Lebens´ Gedanken zu machen“. Darüber, was zu diesen `wichtigen Dingen´ gehört, gab er dem Publikum einen weitreichenden Einblick.

„Jay-Man“ aus Wangen richtete sich in einer ganz eigenen Reimform mit einer „tierischen“ Liebesgeschichte an alle Verliebte: In seiner „tierischen“ Liebesgeschichte nahm er seine Angebetete mit auf eine Reh-gatta, zappt mit ihr im TV Lurch, versucht den Saustall mit einem Waschbären zu putzen und wer die Wal hat, hat die Qual-le – Am Ende hei-Ratten die beiden, und das happy End heißt „DEL-FIN“.

Bo Wimmer aus Marburg stieß sein Publikum mit der Frage, wer „Thomas Müntzer“ war gleich einmal vor den Kopf und ging mit bewusst falsch zugeordneten Zitaten ins Eingemachte des Martin-Luther Jahres und das Thema `Freiheit´.

Die 17-jährige Newcomerin des Abends war Sara Heim aus Bonlanden, die aus den `Zuhörern´ mit einem wogenden Meer aus Metaphern `Zuschauer´ machte und ihnen einen Blick ermöglichte auf sie und eine zweite Person, deren Identität sich aus ihren poetischen Beschreibungen formte.

„Kind sein“ war hingegen das Thema von Raphael Breuer aus Bayreuth. „Wieder Ostereier suchen, bei Tetris die Steine querlegen und beim Auszählen Schummeln“ – mit Bezügen zu seiner von SMS-Kürzeln wie HDGDL geprägten „90-er Generation“ stellte er in Frage, dass Erwachsene tatsächlich so erwachsen sind wie sie meinen zu sein und rät, das Kind in uns nicht zu verstecken.

Aus diesen sechs Kandidaten aus der ersten Runde wurde die poetische Newcomerin Sara zur Finalistin gewählt.

Die zweite Runde leitete der 20-jährige Musiker Matze Mansion aus Obermaiselstein ein mit sehr schönen Wortspielen in offener Reimform, die an Geschwindigkeit zunahmen, an Rhythmik gewannen und wieder melodisch zerflossen in seiner Thematik, die an Sleepy Hollow erinnerte: Während der Gedanke um die Leiche in seiner Badewanne schweift und zuletzt der Verstand begreift, ist er es selbst, den er in der Badewanne liegen sieht.

Auch wenn Sophia Juen aus dem Vorarlberg ihren Vortrag „Einkaufen“ nannte, ging es bei ihr mehr um die Körpergröße von kleinen Menschen, die sie lyrisch dazu ermunterte, die positiven Seiten davon zu sehen und selbstbewusst dazu zu stehen.

Daniel Wagner aus Heidelberg, der jedoch ursprünglich aus Basel stammt, räumte daraufhin gleich zweimal ab: Zunächst an dieser Stelle, als er mit irrwitzigen Wortgebilden und Geschwindigkeiten beider Extreme auch thematisch mit „dem Deutschen und seiner Vorliebe für alles Technologische“ humorvoll und ebenso geistreich aus dem Vollen schöpfte. Ihr wisst es schon, er wurde Finalist und räumte auch ein zweites Mal ab.

Doch das wohl bemerkenswerteste an ihm ist seine Ganzheit: Mit einer unglaublichen Energie und ebensolcher Selbstverständlichkeit verkörpert er jedes seiner Worte, die sich weder nur in seinem Kopf noch nur in seinem Herzen zu bilden scheinen, sondern als Produkt von intensivem Leben, vom ganzen Kerl interpretiert, humorvoll wieder den Weg nach außen suchen und in die offenen Arme der Zuhörer fallen. – Er musste einfach Finalist werden!

Dietmar Wielgosch aus Kaufbeuren als ältester Slammer der Runde befremdete hingegen ein wenig gegenüber der übrigen Runde mit seiner Fassung des Märchens der „Prinzessin auf der Erbse“. Was jedoch nicht an seinem Alter lag, sondern wohl an der epischen Form seines Vortrages, der nach viel freien Rhythmen, moderner und oft reimloser Lyrik ein wenig verstaubt wirkte.

Von ehrlicher, melancholischer Tiefe war Sebastian Shaws Vortrag. Der Augsburger Slammer zog das Publikum mit „kantenlos schneidenden“ Wortspielen, feinsinnigen Gedankenkonstrukten und sedierender Stimme beim Versuch, „Antagonist, Statist und Protagonist im eigenen Leben zu sein“ in seinen Bann.

Was dazu führte, dass Daniel Wagner, Sebastian Shaw und die 17-jährige Newcomerin Sara im viel applaudierten Finale landeten.

Als Daniel bei der Endausscheidung mit all seiner Energie und Totalität durch den Tod seines besten Freundes – seines Smartphones – ins „Todlichtmilieu des Postzeitalters“ abrutschte, das „Orakel von Selfie“ nicht mehr antwortete und er realisierte, dass Marc Zuckerberg sein Dealer war, er sich handysick nicht mehr an Dr. Google.com wenden konnte und die Infos verschwammen zwischen „Aleppo geht es schlecht“ und „Alessio geht es gut“, wir uns selbst verappelt haben und das ganze mit einem „Glasfaser unser im Himmel“-Gebet abschloss „Mein Like komme, …doch führe uns nicht in ein Funkloch, …in alle Megabite- Amen“, war die Entscheidung endgültig gefallen.

Mit ihrem zweiten Text „Warum es nicht funktioniert hat“ gab es für Sara immerhin das „Spätzlemehl“ als zweiten Preis und Sebastian Shaw erhielt als dritten, ungeplanten Preis einen Muffin nach seinem zweiten Text über Sex und „Belletristiker im Hugendubel“.

Dass das sehr verdient war, untermauerte der stürmische Applaus des Publikums für die drei Finalisten, der jedoch am Ende auch die anderen acht Slammer miteinbezog und sie für ihre zweifellos sehr wertvollen Beiträge würdigte.

Fotos:

Bild 1: Daniel Wagner (Bühne links) räumte beim Poetry Slam im Kaminwerk Memmingen den ersten Preis ab. (Rechts neben ihm): Auf Platz 2 wurde Sara Heim applaudiert und den guten 3. Platz erreichte Sebastian Shaw (Bühne rechts). Neben den Slammern re. u. li.: die beiden Moderatoren Flo und Joe.
Bild 2: Dario Sieber, Bo Wimmer und Raphael Breuer.
Bild 3: Jay-Man, Matze Mansion und Sophia Juen.
Bild 4: Insgesamt 11 talentierte Slammer nahmen beim Poetry Slam 2017 im Kaminwerk teil, legten die Messlatte allesamt hoch an und machten es dem Publikum nicht einfach zu wählen.

Ein kleines Album vom Poetry Slam Abend im Kaminwerk auf unserer Facebookseite.

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