Betriebsbesichtigung eines Weltmarktführers – Aircraft Cabin Modification GmbH in Memmingen

18. Januar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Hand aufs Herz: Wussten Sie, dass in jedem Airbus A350 dieser Welt etwas von der Memminger Firma ACM Aircraft Cabin Modification GmbH zu finden ist? Dass damit jeder A350 – ob er nun für die Emirates fliegt oder für die Lufthansa – von dem Memminger Pionier beliefert wird? Und das Unternehmen Weltmarktführer auf seinem Gebiet ist?

Es ist immer wieder erstaunlich, dass man in unserer Stadt von einer recht überschaubaren Größe immer wieder einzigartige und bemerkenswerte Firmen entdecken kann, die auch nicht seit gestern existieren. Grund dafür ist vor allem, dass viele Unternehmen in Bereichen arbeiten, mit denen man im alltäglichen Leben keine Berührung hat oder zumindest nicht weiß, dass man damit Berührung hat.

Das trifft auch auf das Unternehmen ACM Aircraft Cabin Modification GmbH mit Hauptsitz in Memmingen zu. Auch dies war ein Grund, warum der CRB Memmingen (Christlicher Rathausblock) zusammen mit dem Jungen Block, der Nachwuchsorganisation des CRB und dem FC Memmingen am vergangenen Montag eine Betriebsführung durch das interessante Unternehmen organisierte.

Partner in der Luftfahrtindustrie

Das Unternehmen, welches seit nun seit zwei Jahren an seinem Standort in der Woringer Straße im Industriegebiet Süd Memmingens zu finden ist, ist ein Partner in der Luftfahrtindustrie in Sachen Entwicklung, Produktion, Instanthaltung und Überarbeitung von Flugzeug-Innenausstattungen.

Das erfahren wir bei der Begrüßung der rund 20 Teilnehmer an der Betriebsführung von Personalchef Mike Laviani und Vertriebsleiterin Daniela Strauß.

In den 60-er Jahren war die Firma noch im Yachtbau tätig. 1997 Jahren stieg die Firma ACM in die Luftfahrtbranche ein, war bis vor zwei Jahren in der Mendelsonstraße in Memmingen beheimatet und verdoppelte innerhalb der letzten paar Jahre seine Fertigungs-, Büro- und Lagerflächen von 3.000 auf 6.000 m².

Was fertigt ACM?

Das Produktportfolio von ACM beinhaltet alle textilen Komponenten einer Flugzeugkabine.

Sitzbezüge für Flugzeuge und Helikopter in Serienproduktion und Sonderanfertigung gehören ebenso dazu wie Wand- und Deckenverkleidungen, Vorhänge zur Abgrenzung der Flugklassen und der Kabinen oder Akustikvorhänge für den Ruheraum der Kabinencrew, Teppiche für die kommerzielle Luftfahrt oder Spezialanfertigungen für high-class Inneneinrichtungen exklusiver Business- oder Luxusjets.

Neue Innenausstattung für den Hubschrauber der Bundeskanzlerin

So landete Anfang Dezember 2017 ein prominenter Hubschrauber in Memmingen, erzählte Produktionsleiter Fernando Gomes bei der anschließenden Führung durch die Fertigungshallen.

Dank der langjährigen Erfahrung wurde die Memminger Firma von der Bundespolizei beauftragt, das Interieur des Hubschraubers von Bundeskanzlerin Angela Merkel komplett zu modifizieren und komfortabler auszugestalten. Gleichzeitig soll er weiterhin für den Truppentransport einsetzbar sein.

Wenn auch nicht Angela Merkel selbst den Allgäu Airport besuchte, so landete doch der Regierungshubschrauber des Typs „SuperPuma“ von „Airbus Helicopters“ in Memmingen und wurde durch das Fachpersonal von ACM ausgemessen.

Die ACM Aircraft Cabin Modification GmbH erhielt dann den sicher nicht alltäglichen Auftrag, die Kabinen des klimatisierten VIP-Hubschraubers der Bundespolizei komplett zu überholen und ebenso für VIP-Gäste als auch für Truppentransporte zu rüsten.

Auch für die Produktion und die für die Luftfahrt speziell benötigten Zertifikate zeichnet sich die ACM verantwortlich. Lediglich der Einbau des neuen Interieurs wird dann die Bundespolizei selbst übernehmen.

Renommierter Kundenstamm

ACM kreiert gleichermaßen kostengünstiges wie ästhetisches Design, das alle vorgeschriebenen Anforderungen in der Luftfahrt erfüllt. Dank der langjährigen Erfahrung, des internen Qualitätsmanagements und Sicherungsteams gehören sowohl kleine Flugzeughersteller als auch die weltweit größten Airlines zu ihrem Kundenstamm.

Auch Schaumplatten, Entflammbarkeitsprüfung und vollständige Bepolsterung übernimmt ACM, liefert Matratzen etwa für die Crew-Compartments, sowie Literaturtaschen, Kopfstützen- und Armlehnenüberzüge oder etwa Schwimmwestentaschen.

ACM ist zudem Alleinlieferant von der kompletten Ausstattung für die Crew-Compartments, in denen die Crew übernachten kann.

Pro Monat werden von ACM durchschnittlich 10 Flugzeuge ausgestattet, zwei weitere Maschinen erhalten von ihnen Ersatzteile, erklärt Fernando Gomes den interessierten Teilnehmern.

Spezialanbieter und Sonderanfertigungen

Allein die Wandverkleidung eines Airbus A350 bedeckt etwa 30 m² Fläche, jedoch besteht die Verkleidung eines Fliegers aus ca. 20 verschiedenen, sehr komplex geformten Elementen. „Das zu nähen ist oft ein Kunststück“, weiß Fernando Gomes und zeigt uns einige Beispiele.

Unter anderem liegt darin auch ihr Erfolg: Die Aircraft Cabin Modification GmbH in Memmingen bedient eine Nische und ist Weltmarktführer auf ihrem Gebiet.

Die Komplexität der einzelnen Bestandteile des „Soft-Furnishings“ eines Fliegers ist eines der Probleme, die ACM meistert. Denn jede Wand- oder Deckenverkleidung, jede thermische oder akustische Isolierung, jeder Sitzbezug und jedes Polster muss nicht nur aufwendig gefertigt werden, sondern in seinen einzelnen Bestandteilen und auch im Verbund brandgeschützt und zertifiziert sein.

Die meisten Bestandteile der Verkleidungen sind „Composite Panels“ bzw. Verbundteile, bestehen also aus mehreren Schichten völlig unterschiedlicher Materialien, die miteinander verbunden sind.

Zur Komplexität gesellt sich die Variationsvielfalt: Emirates etwa braucht andere Bezüge als Lufthansa, Swizz Air, Austrian Airlines oder Eurowings, welche alle zu ihrem Kundenstamm gehören.

Und auch an die Polsterung von Sitzen werden unterschiedliche Ansprüche gestellt, je nachdem, ob sie in einem Sanitätshubschrauber, einem privaten Business-Jet oder einem Linienflieger Anwendung finden.

Viel Handarbeit und Fingerspitzengefühl

„Da steckt sehr viel Handarbeit drin und sehr viel Präzision“, betonte Fernando Gomes. „All das wird nicht in Massen gefertigt, sondern höchstens in kleinen Serien, vieles sind Sonderanfertigungen. Das stellt uns und das Fachpersonal vor große Herausforderungen. Wir sind weltweit die einzigen, die diese Nische abdecken.“

Unter den zwischen 80 und 100 Mitarbeitern des erfolgreichen Unternehmens befinden sich ausgebildete Näher/innen, Innenausstatter und Sattler, doch auch ambitionierte Zuwanderer finden in einigen Bereichen ein Arbeitsfeld.

Nicht nur Textilien werden hier verwendet, sondern gerade bei Privat-Jets oder Privat-Hubschraubern wird auch viel Leder verarbeitet und das bis in die höchsten Qualitätsstufen: Bis zu 150 Euro pro m² kann hier feinstes Leder kosten, mit dem ein solches fliegendes Schmuckstück ausgekleidet ist. Leider landen dabei bis zu 50-60% dieser feinen Leder im Abfall, da bei höchsten Qualitätsansprüchen jede Narbe im Leder vermieden werden muss.

Entwicklung und Prototypen

Wenn man einmal den Schaumkern eines Flugzeugsitzes ohne Bezug gesehen hat, wird man sich wohl beim nächsten Mal mit mehr Hochachtung in einen Fliegersessel setzen. Aus vielen, sehr unterschiedlichen Schichten formt sich das Innenleben eines Flugzeugsitzes – „bombieren“ nennt sich der Prozess.

Für ein Unternehmen, das nicht Sitze in Massenproduktion herstellt, sondern allenfalls kleine Serien, ist auch dies nur mit viel Handarbeit zu meistern, vor allem dann, wenn ein Sitz nur überarbeitet wird, was Teil des breiten Dienstleistungsprogrammes von ACM ist.

Die Kombination von Dienstleistungen räumt dem Unternehmen übrigens auch im internationalen Vergleich eine Sonderstellung ein: als einziges Unternehmen in der EU hat die ACM – ohne Originalausrüstungshersteller (OEM) zu sein – die Genehmigung der EASA für die Überarbeitung und den Austausch von Sicherheitsgurten und Haltesystemen.

Doch auch Prototypen werden bei der Aircraft Cabin Modification GmbH hergestellt: Entwickelt, hergestellt und für die Serienproduktion vorbereitet, auch 3-D Drucker kommen hier zum Einsatz.

Transparenz und gutes Betriebsklima

Auf dem Weg durch die äußerst gepflegt und sauber gehaltenen Fertigungshallen, deren Größe man von außen gar nicht einzuschätzen vermag, wurden überall Monitore angebracht, welche die Mitarbeiter informieren. So erschien heute die Nachricht „Betriebsführung des CRB und FCM um 16:00 Uhr.“ „So wird jeder Mitarbeiter ständig informiert“, erklärt Fernando Gomes den Zweck. Und auch die firmeneigene Kantine ist ein Ort zum Wohlfühlen: hell, warm und einladend.

Die letzte Etappe unserer Reise durch den Weltmarktführer in Sachen Soft-Furnishing von Flugzeugen war das Lager und die Qualitätssicherung, ohne die nichts das Werk verlässt, in dem alles, bis auf wenige Ausnahmen hier vor Ort gefertigt wird.

Wenn Sie also das nächste Mal in einem Airbus A350 sitzen, können Sie das Firmenlogo der ACM Aircraft Cabin Modification GmbH aus Memmingen vielleicht im Innenbereich des Sitzüberzuges oder der Kopfstütze entdecken. Wir wünschen schon jetzt „guten Flug“ im Bewusstsein, etwas aus Memmingen an Bord zu haben, außer Ihnen selbst und Ihrem Gepäck.

Fotos:
Bilder 1-5: Produktionsleiter Fernando Gomes führte die rund 20 Besuchern bei der Betriebsführung durch die Fertigungshallen von ACM Aircraft Cabin Modification GmbH, Memmingen.
Bild 6: (v. li.): Produktionsleiter ACM Fernando Gomes, Harald Mayer (FCM), Johannes Stefko (FCM), Personalchef ACM Mike Laviani, Thomas Mayer (stv. Vorstand CRB) und CRB Stadtrat Helmut Barth.

Fotos aus eigener Quelle (Christine Hassler).

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