DIE VERWANDLUNG von Franz Kafka am Landestheater Schwaben

30. Januar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die Verwandlung von Franz Kafka am Landestheater Schwaben spiegelt Kafkas Sicht auf die Welt perfekt wider: Hinabtauchend in die dunkelsten Ecken unseres Seins scheitert doch jeder Versuch, eindeutige Interpretationen zu finden für das, was geschieht, für das, was wir zu sehen glauben, wie wir es einordnen und was es in Wirklichkeit ist, falls es diese eine Wirklichkeit gibt – es bleibt „kafkaesk“.

Wir sehen in einen verzerrten Spiegel und je mehr wir darüber nachdenken, was wir eigentlich sehen, desto mehr werden wir auf uns selbst zurückgeworfen, um wieder ausgespuckt zu werden in das verzerrte Weltbild eines Menschen, eines Schriftstellers, dessen Werke wohl bis heute die meisten und widersprüchlichsten Interpretationsansätze produziert haben.

In ebenso kafkaesker Weise, heutig übersetzt von Pia Richter und unterstrichen durch die Dramaturgie von Anne Verena Freybott, erzählt die skurrile Geschichte von der Verwandlung des Handelsreisenden Gregor Samsa, der sich eines morgens als riesiges Insekt verwandelt wiederfindet und die Welt, in der er lebt, aus den Fugen gerät. Oder offenbart sich die Welt dadurch erst?

Die Erzählung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, findet im engen räumlichen Rahmen der Familienwohnung der Samsas statt, deren vier Personen das Bild prägen: Ein bankrottgegangener, despotischer Vater in Frührente, eine Mutterfigur, die eine äußerst untergeordnete Rolle spielt, der Sohn Gregor Samsa, der pflichtbewusst versucht, die Schulden des Vaters abzuarbeiten und für den Familienunterhalt zu sorgen und Gregors jüngere Schwester Grete Samsa.

Drei

Wer jedoch vier Personen auf der Bühne sucht, sucht vergeblich. Sei es, weil die Mutter eine untergeordnete Rolle spielt, sei es, weil die Zahl 3 eine wiederkehrende Schlüsselrolle in der –
dreiteiligen – Erzählung Kafkas spielt, oder sei es ein Wink in Richtung des psychoanalytischen Interpretationsansatzes der Erzählung – es sind drei Personen, die uns in die skurrile Geschichte des zum Insekt verwandelten Gregor Samsa mitnehmen. Oder verkörpern alle drei nur eine Person?

Die drei Schauspieler Jan Arne Looss, Tobias Loth und Sandro Šutalo verkörpern nicht etwa eindeutig drei der Charaktere der Familie Samsa, vielmehr lösen sich die Konturen der Personen auf, werden einmal Erzähler, schlüpfen in die ein- oder andere Rolle eines Familienmitgliedes oder werden drei Fragmente einer einzigen Person: Der Hauptfigur Gregor Samsa.

Eindeutig abgebildet wird Gregor Samsa somit nicht oder vielmehr teilweise und von drei Figuren, auf deren Rückseite drei Begriffe zu lesen sind: ICH, ES und ÜBER-ICH.

Psychoanalytische Ansätze

Unweigerlich denkt man bei diesen drei Begriffen an Sigmund Freud, zu dem Franz Kafka selbst wenig Beziehung aufbaut; eine viel größere Rolle spielt Sigmund Freud in den zahlreichen Interpretationsansätzen von Kafkas Erzählungen oder Romanfragmenten.

Wenn auch Kafka selbst sich viel mehr mit Nietzsche auseinandersetzte als mit Freud, können Bezüge zu bekannten Konzepten aus der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freuds bei Kafkas Erzählung sehr wohl hergestellt werden.

Pia Richter lenkt das Augenmerk durch die „Beschriftung“ der drei Darsteller mit ICH, ES und ÜBER-ICH, geschickt auf eben diese und tatsächlich kommen wir mit allen drei Instanzen – in drei Etappen von Gregor Samsas Dasein – in Berührung:

ES beschreibt nach Freud jene unbewusste, triebhafte Struktur wie etwa Nahrungstrieb, Sexualtrieb, Todestrieb, Bedürfnisse und Affekte, welche ein neugeborenes Kind aufweist.

ICH bezeichnet nach Freuds Modell jene Instanz, die dem bewussten Denken entspricht und während der Entwicklung und der Bewusstseinsbildung eines heranwachsenden Menschen entsteht.

ÜBER-ICH beschreibt Freud als jene psychische Struktur, in der soziale Normen, Werte, Moral und das Gewissen angesiedelt sind. Vor allem durch Erziehung erworben, spiegelt sie die verinnerlichten Werte der Gesellschaft, insbesondere der Eltern wider.

Freud auf den Kopf gestellt

Vergleicht man die Entwicklungsgeschichte dieser drei Freud´schen Instanzen mit Kafkas Erzählung, fällt auf, dass sich die Entwicklung in Die Verwandlung gewissermaßen umgedreht entrollt:

Zwar beginnt die Erzählung bereits mit dem Erwachen des Handlungsreisenden Gregor Samsa verwandelt zu einem großen Insekt, doch vom bewussten Zustand, in dem er reflektiert über seinen eigentlich verhassten Beruf, in dem er seit fünf Jahren pflichtbewusst und ohne Krankheit arbeitet, um die Schulden der Familie abbezahlen zu können und zudem Anerkennung innerhalb der Familie zu erlangen, entwickelt er sich zurück zu einem triebgesteuerten Wesen.

Im zweiten Teil kämpft er noch gegen die reine Triebhaftigkeit an, nimmt die Veränderungen in seiner Familie bewusst wahr und versucht sie zu beeinflussen.

Bis zu dem Moment, an dem er sich dem Zustand des triebgesteuerten Tieres hingibt und resigniert, letztlich von der Familie abgekoppelt wird und stirbt.

Deutungen und Parallelen zu Kafkas Leben

Allein die reiche Symbolik Kafkas – einfallsreich und effektvoll übersetzt durch Bühne und Kostüme von Julia Nussbaumer – lässt allein schon ein Meer an Interpretationen zu.

Nimmt man noch Parallelen zu Kafkas Leben dazu wie etwa Kafkas zwiespältiges Verhältnis zu Frauen, den Namen „Grete“, wie seine konfliktreiche, gescheiterte Beziehung zu Grete Bloch (die zudem Tochter eines Handelsvertreters war), oder Franz Kafkas Schwester Ottla, die ihm als Verbündete gegen den Vater beigestanden hatte, bis sie sich später gegen ihn wandte, oder seine konfliktreiche Vater-Beziehung, drängen sich psychoanalytische Deutungsansätze geradezu auf.

Nichtsdestotrotz kann die Gestalt des Ungeziefers auch als drastischer Ausdruck der von Deprivation geprägten Existenz Gregor Samsas gedeutet werden: Reduziert auf die Erfüllung seiner beruflichen Pflichten, ängstlich um sein Fortkommen bemüht, gepeinigt von der Angst vor geschäftlichen Fehlern, ist er die Kreatur eines rein funktionalistischen Erwerbslebens.

Einige ausgesprochene Reflexionen in der Inszenierung von Pia Richter weisen auch darauf hin: „Der Horror ist die Erkenntnis über die Grenzen unserer Macht“, „Der Lauf der Dinge wird durch das Finanzgeschehen bestimmt. Doch das erscheint nur unumstößlich…“, „Sollte es uns nicht stolz machen, uns vom Affen zum Menschen verwandelt zu haben?“

Eindeutig interpretierbar ist bei Kafka wenig oder anders herum lädt alles dazu ein – die Inszenierung am Landestheater Schwaben wird diesem Anspruch mehr als gerecht.

Doch wie immer sind Sie eingeladen, sich Ihr eigenes Bild zu machen: Weitere Termine für DIE VERWANDLUNG im Studio des Landestheaters Schwaben finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan/…

Fotos:
aus eigener Quelle (Christine Hassler)

Ein Mini-Album von Die Verwandlung gibt es auf unserer Facebookseite.

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