„Fleisch? Oder ist es (euch) Wurst?“

2. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Unter diesem Titel veranstalteten Schülerinnen und Schüler des Bernhard Strigel Gymnasiums Memmingen einen Info-Abend zu ihren Recherchen innerhalb eines P-Seminars Sozialkunde, das den Blick auf den Fleischkonsum in unserer Gesellschaft wirft. Welternährung, Ressourcen, Tierethik, Artenvielfalt, Gesundheit und viele weitere Themen nahmen sie dabei unter die Lupe. Ihr Stargast: der vegane Starkoch Björn Moschinski.

„Welche Ressourcen werden für die Herstellung von Fleisch benötigt? Welche Rolle spielt Fleisch in der Welternährung? Ist es moralisch vertretbar, das Wohl von Tieren menschlichen Interessen unterzuordnen? Welchen Einfluss hat die Massentierhaltung auf die Artenvielfalt? Braucht unser Körper tatsächlich tierische Proteine und wenn ja, wie viel davon?“

Diese und weitere Fragen stellten sich acht Schüler innerhalb eines P-Seminars Sozialkunde des Bernhard-Strigel Gymnasiums und teilten ihre Erkenntnisse in einer Info-Veranstaltung mit ihrem Publikum.

Starkoch Björn Moschinski zu Gast

Als Gast hatte die Schülergruppe – selbst zu Gast in der Aula des Vöhlin Gymnasiums – den veganen Starkoch Björn Moschinski eingeladen, dem sie eine Menge Fragen stellten und die Möglichkeit gaben, zu zeigen, dass Veganer keine verdrehten Missionare sind und vegane Gerichte sogar sehr lecker schmecken können. Vegane Snacks aus seiner Hand zubereitet, konnten im Anschluss auch probiert werden.

Welternährung

Agrarökonomen sind sich einig, dass die Menschen heute genügend Lebensmittel anbauen, um alle ernähren zu können. Dennoch hungern heute laut UN ca. 800 Mio Menschen auf der Welt. Wieso also funktioniert es nicht? fragt Justus, der sich über das Thema Welternährung schlau gemacht hat.

Während in anderen Teilen der Welt mit im Labor entwickeltem Fleisch experimentiert wird, mit der Begründung, Lösungen für die Welternährung zu finden, stellt uns Justus vor eine einfache Kalkulation:

Momentan werden nur 67% der geernteten Pflanzen (55% der Kalorien) direkt zu Nahrungsmitteln verarbeitet, 24% der angebauten Pflanzen werden als Tierfutter verwendet, der Rest wird anderweitig verbraucht, etwa zur Energiegewinnung.

Extrem wird dieses Verhältnis im Land des führenden Rindfleischproduzenten USA: Nur 35% des Getreides wird zu Nahrung verarbeitet und 65% des Getreides landen im Futtertrog.

„Wenn wir unsere Ressourcen nicht verschwenden würden, könnten heute bereits 13 Mia Menschen ernährt werden“, bestätigt auch Starkoch Björn Moschinski die aussagekräftigen Zahlen.

„Anstatt dessen bräuchten wir angesichts unseres unproportionalen Fleischkonsums – vor allem in den Industrieländern – 1,5 Erden, um alle zu ernähren“.

Denn nur 3% der Energie aus Pflanzen steckt anschließend im Rindfleisch, welches besonders energie-ineffizient ist, klärt Justus auf, Schweinefleisch und Huhn sind etwas energie-effizienter.

 

 

 

Würden die Menschen allein auf Rindfleisch verzichten und nur Schweine- und Hühnerfleisch konsumieren, könnten 357 Mio Menschen mehr ernährt werden – knapp die Hälfte der heute hungernden Menschen.

Dazu kommt, dass der Bedarf an Energie-tragenden Pflanzen zur Energiegewinnung weiter steigen wird, je mehr andere Energiequellen versiegen.

Lösungsansätze für die Welternährung

Einen Lösungsansatz sieht Justus darin, alle pflanzlichen Nahrungsmittel direkt zu verwenden und wenn Tiere geschlachtet werden, alle Teile des Tieres zu verwenden.

„Anstatt minderwertige Fleischabfälle in Entwicklungsländer zu schicken und deren Ökonomie auch noch nachhaltig zu schädigen“, ergänzte Björn Moschinski.

Zudem sollten Nutztiere besser gewählt werden, schlägt Justus vor: Fischzucht etwa brauche weit weniger Fläche und beinhalte noch ein großes Verbesserungspotential – Stichwort „Aquaponik“.

Nur Grünland, das nicht zum Ackerbau geeignet ist, sollte zum Weiden für Tiere dienen und jeder Einzelne könne seinen Fleischkonsum verringern.

Ressourcen

Auf Ressourcen im Speziellen ging Johanna ein, die neben Land als Ressource auf die wahrscheinlich wichtigste Ressource Wasser hinwies.

„Für 1 kg Fleisch wird mehr Wasser benötigt, als für tägliches Duschen ein ganzes Jahr lang“, sensibilisierte die Schülerin. So werden für 1 kg Rindfleisch als größtem Wasserverbraucher in der Tierhaltung, 15.000 Liter Wasser benötigt.

Doch auch Land wird knapper mit der steigenden Weltbevölkerung, dennoch werden 30% des eisfreien Landes auf der Welt für die Tierzucht verwendet, gab sie zu bedenken.

Leidtragende sind dabei die ärmeren Länder dieser Welt: Für den Soja- und Getreideanbau, der zum großen Teil für die Tierzucht verwendet wird, werden gerade ärmeren Ländern Flächen für den eigenen Anbau genommen, erläuterte die Schülerin. Die Folgen: Die Nahrungsmittelknappheit in armen Ländern steigt, der Hunger in den armen Ländern wird verschlimmert, Verarmung oder Migration sind die Folgen.

Auch mit der kritischen Frage, ob Veganer und Vegetarier als Sojakonsumenten diese Situation nicht verschlimmern, räumte sie auf: Nur 2% der weltweiten Sojaernten werden zu Nahrungsmitteln verarbeitet, der Rest geht in die Futtertröge.

Tierethik – zwiespältiges Verhältnis zu Tieren

„Es ist die Anonymität unserer Tieropfer, die uns taub macht für ihre Schreie“, zitiert die Schülerin die Schriftstellerin Luise Richter und weist auf unser zwiespältiges Verhältnis zu Tieren hin:

Es sei doch widersprüchlich, sich einerseits liebevoll um das eigene Haustier zu kümmern, auf der anderen Seite aber möglichst billiges Fleisch zu kaufen, ohne Rücksicht darauf, wie Tiere gehalten werden, auf welch geringem Raum, oder ob sie schon vor ihrem Tod leiden an abgetrennten Hörnern, Ringelschwänzen oder Schnäbeln, abgesehen von Leiden beim Schlachten durch Fehlbetäubungen, gab sie zu bedenken.

Dabei brachte sie auch zur Sprache, dass allein in Deutschland jedes Jahr 42 Mio männliche Küken getötet werden, weil sie keine Eier legen und sich nicht für die Mast eignen – schlichtweg aus mangelndem Profit.

Sie appellierte an die Verbraucher, mit ihrem Kaufverhalten über den Markt mitzuentscheiden und somit darüber, was zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen „hergestellt“ und angeboten wird, denn die mediale Aufklärung sei heute umfassend.

Artenvielfalt

Dass die Massentierhaltung die Artenvielfalt unseres Planeten beeinträchtigt, veranschaulichte ein weiterer Schüler des P-Seminar Teams:

Das Artensterben werde mitverursacht durch die Klimaerwärmung, an die sich viele Tiere nicht schnell genug anpassen können. Die Klimaerwärmung wird wiederum mitverursacht durch die Massentierhaltung, die mit ca. 15% am Klimawandel mitverantwortlich sei mit CO²- und Methan-Emissionen beim Transport und durch die Ausscheidungen von Rindern. Prominentestes Beispiel der Folgen von Klimaerwärmung: Das Korallensterben am Great Barrier Reef als eines unter vielen.

Gentechnik in der Landwirtschaft, Pestizide und Herbizide sowie Monokulturen nannte er als weitere Mitverursacher am Artensterben, den größten Anteil aber habe die Abholzung der Regenwälder:

„Auf einem Hektar Regenwald leben durchschnittlich 700 Baum- und Pflanzenarten und 20.000 Tier- und Insektenarten“, erklärt Tobias, „und jährlich wird für die Viehhaltung und Monokulturen für den Futtermittelanbau eine Fläche dreimal so groß wie die Schweiz abgeholzt“.

Neben vielen anderen Tierarten, sei auch unsere heimische Honigbiene betroffen. Die Folge: Die Bestäubungsarbeit des fleißigen Insektes wird massiv beeinträchtigt, um nur eine von vielen ökologischen und gleichzeitig ökonomischen Folgen zu nennen.

Es sei ein Skandal, dass Glyphosat nochmals durchgewunken wurde, meinte auch der vegane Starkoch Björn Moschinski auf die Frage, wie er darüber denke. „50 % des Bienenbestandes stirbt momentan“, die Haupursache dafür sei Glyphosat, welches eben nicht nur Pflanzen abtöte.

Gesundheit – kein Problem für Vegetarier oder Veganer

Gesundheitlich kritisch zu sehen seien vor allem drei Faktoren bei der Fleischproduktion: Cholesterin, Antibiotika und Hormone, so die Schülerin, die sich dem Thema Gesundheit annahm.

Seit vielen Jahren sei bekannt, dass sich Antibiotika im Fleisch befinde, „verbessert wurde daran jedoch nichts“, kritisiert sie.

Jährlich sterben zwischen 10.000 und 30.000 Menschen, bei denen keine Medikamente mehr wirken, weil sich resistente Bakterien gebildet haben. Ein Grund dafür sei Antibiotika bei der Fleischproduktion, was zwar seit 2006 verboten sei, woran sich jedoch wenige halten, so die Schülerin.

Cholesterin sei grundsätzlich für den Körper notwendig, zu großer Konsum von fetthaltigem Fleisch könne jedoch Probleme verursachen wie etwa Gefäßerkrankungen, die gravierende Folgen auf die menschliche Gesundheit nach sich ziehen.

Auch auf die Diskrepanz bei der Hormon-Anwendung wies die Schülerin hin: Laut EU-Recht sei es verboten, Hormone bei der Tierzucht zu verwenden, das Arzneimittelgesetz jedoch lasse es zu – oft werde dies ausgenützt. Das Problem daran sei, dass 85% der Hormone von den Tieren wieder ausgeschieden werden, Kläranlagen sie nicht ausfiltern können und sie daher ungehindert in unser Ökosystem gelangen.

Proteine hingegen seien bei keiner Ernährungsform ein Problem. Dass sogar ein Leistungssportler etwa durch Lupine zu Hochform gelangen kann, beweise etwa der US-amerikanische Triathlet Dave Scott, einer der bekanntesten Ausdauerathleten, der mit veganer Ernährung im internationalen Spitzensport erfolgreich war, wusste dazu Björn Moschinski.

Auch die Aufnahme von genügend Vitaminen sei für einen Vegetarier kein Problem, Veganer müssten allein Vitamin B12 als Ergänzungsmittel zu sich nehmen. Doch dass das Vitamin B12 auch Tieren zugeführt werden muss, um im Fleisch enthalten zu sein, das wüssten die wenigsten, fügte Björn Moschinski an.

In Sachen Mineralstoffe sei sowohl bei Mischköstlern, Vegetariern und Veganern auf ausreichende Zufuhr von Eisen zu achten, des Weiteren seien Vegetarier ausreichend mit allen weiteren Mineralien abgedeckt. Veganer müssten zusätzlich auf genügend Kalzium und Jod achten.

Kultur: Fleischkonsum in den Weltreligionen

Im Christentum ist mit Ausnahme während der Fastenzeit, dem Karneval, jedes Tierfleisch erlaubt. Im Islam ist nur Schweinefleisch verboten und im Judentum nur Tiere, die eine zweigespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sind.

Die traditionellen Hinduisten sind eigentlich Vegetarier, doch schon heute essen viele Hinduisten Fleisch, mit Ausnahme von Rindfleisch, welches als heilig gilt.
Das Problem: Fleisch gilt weltweit als Zeichen von Luxus, die Industrienationen werden nachgeahmt und so nimmt der Fleischkonsum heute auch in Ländern wie Indien und Indonesien stark zu.

Fazit und Ausblick

Warum so viel Fleisch gegessen wird hat für Starkoch Björn Moschinski vor allem drei Gründe: Mangelnde Informiertheit der Konsumenten, geschmackliche Gründe und ein kulturelles Problem.

Ein düsteres Bild würde sich abzeichnen, wenn die Nachfrage nach Fleisch, die bereits heute ein Problem darstelle, sich bis 2050 verdoppeln würde, wie Forscher heute prognostizieren: Der zusätzliche Bedarf würde der Nahrungsmenge für 4 Mia Menschen entsprechen, von welchen bereits heute 800 Mio auf der Welt hungern.

2050 wären es nicht nur das Vielfache an hungernden Menschen, sondern die Ernährung der Weltbevölkerung insgesamt würde eines der größten Probleme für die Menschheit darstellen, resümierten die Schüler.

Mit ein paar provokativen, vor allem aber fordernden Fragen beschlossen die acht Schüler/innen unter der Leitung von Marco Sonnleitner ihren Info-Abend:

„Wollen wir wirklich weiterhin diese extreme Ausbeutung unterstützen und finanzieren? Wollen wir wirklich weiterhin die Natur dem Fleischkonsum opfern? – Ist es das wert?“

Um für Verbesserungen in der Landwirtschaft, tiergerechte Haltung, Schonung der Ressourcen und Linderung des Welthungers zu sorgen, sollte jeder Einzelne als Konsument seinen Beitrag leisten – darüber waren sich die acht Schüler des BSG einig.

Fotos:
Bild 1, 3 und 4: Acht Schüler eines P-Seminars Sozialkunde des Bernhard Strigel Gymnasiums Memmingen erarbeiteten einen Infoabend über Gründe und Folgen des derzeitigen Fleischkonsums auf der Welt.
Bild 2: Als Gast hatte die Schülergruppe – selbst zu Gast in der Aula des Vöhlin Gymnasiums – den veganen Starkoch Björn Moschinski eingeladen.

Fotos aus eigener Quelle (Christine Hassler)

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