EINE FAMILIE – ein aufreibend-amüsantes Familiendrama

5. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Mit EINE FAMILIE bringt das Landestheater Schwaben einen bitterbösen und zugleich äußerst amüsanten Abgesang auf den „amerikanischen Traum“ der US-amerikanischen Dramatikerin Tracy Letts auf die Bühne. Doch was in Zeiten des Trump’schen Aktionismus zunächst als gesellschaftskritischer Kommentar über den zu Tode getrampelten amerikanischen Traum anmutet, schwappt in einer bedrohlich spiegelnden Welle über den Ozean und landet als akkurates Abbild unserer eigenen modernen Familienstrukturen direkt vor unserer Tür.

Was wir in dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten und anschließend mit großem Erfolg verfilmten Drama EINE FAMILIE (Originaltitel: „August: Osage County“) – zunächst – sehen, ist eine amerikanische Familie, die uns aus zahlreichen amerikanischen Seifenopern und TV-Shows sehr bekannt vorkommt:

Die Kinder sind weit versprengt und haben sich andernorts seit langem eine Existenz aufgebaut, oder eigene Familien gegründet. Während sie sich – erfolgreich, oder in gescheiterten Karrieren oder Ehen – von ihren anderen Familienmitgliedern entfremden, vereinsamen die Eltern, der Vater wird Alkoholiker, die Mutter krank oder tablettenabhängig.

`Klar, die abgedrehten amerikanischen Familien, deren amerikanischer Traum nicht aufging´, denkt sich wohl so mancher Zuschauer höhnisch zu Beginn: `Völlig kaputt, allesamt ein Fall für den Psychiater, dennoch meint jeder einzelne, super-hip oder ein Held zu sein… typisch amerikanisch eben´.

Bis zu einem Punkt, an dem uns bestimmte Mechanismen merkwürdig vertraut vorkommen und sich der Abstand zwischen dem, was wir dort unter amerikanischem Label sehen und unserem eigenen direkten oder indirekten Erfahrungsumfeld hier, immer mehr verringert – Bis das, was wir gerade noch aus sicherer Distanz selbsterhaben bewertet haben, bedrohlich ähnelt.

Denn wer kennt sie nicht, die Tochter, die vehement versucht, anders zu sein als die Mutter (Barbara Fordham) und ihr am Ende immer ähnlicher wird? Wer kennt nicht das befremdende Gefühl, von einem oder mehreren anderen Familienmitgliedern nie wirklich wahrgenommen oder verstanden worden zu sein (Ivy Weston) oder plötzlich zu entdecken, dass das Bild, das man selbst von einer Mutter, einem Vater, einer Tochter oder einem Sohn hat, sich als ein selbstgebasteltes Phantombild aus Wunschwelt oder Reflexion entlarvt?

Wer kennt nicht die Angehörige, die so verzweifelt versucht, glücklich zu sein, dass es schmerzt (Karen Weston), oder das Familienmitglied, das einen Fehler im Leben macht, den es sein Leben lang bereut und nie in der Lage war, geradezubiegen (Violets Schwester Mattie Fae), stellvertretend dafür aber auf ihrem Sohn herumhackt, wo sie kann, bis er komplett verunsichert zum Tölpel der Nation wird (Little Charles Aiken).

Kein Wunder also, dass gerade Ivy Verständnis hat für Little Charles. Dass sie sich in ihn verliebt und der vermeintliche Cousin sich als Halbbruder herausstellt, konnte sie schließlich nicht wissen…

Und die, die all das wahrnahm, aber nie ein Wort darüber verlor, es nie vorwarf, sich nie beschwerte, sich selbst von innen zerfraß und sich auf ihre Weise zu gegebener Zeit mit den klaren Worten einer brutal anmutenden Wahrheit rächt, wie Mutter Violet Weston.

Wer kennt nicht den Vater, der nie in der Lage war, seine wahren Gefühle zu zeigen, weil er Angst hatte, die Welt um ihn herum würde sonst einstürzen, oder aus Angst, Schwäche zu zeigen, bis er selbst von der Last seiner Gefühle in die Knie gezwungen wird – wie Vater Beverly, der plötzlich verschwindet.

Oder plötzlich zu entdecken, dass der, den man immer für den Schwächeren hielt, in Wirklichkeit der ist, der am Ende die größte Stärke beweist…

Weil wir in unserer egozentrischen Welt so mit uns selbst beschäftigt sind und damit, etwas zu sein oder zu werden oder zu wollen, dass wir blind werden für das, was ist.

Und wer kennt nicht Geschichten aus nächster Nähe von Kindern, die sich ständig beklagen, wie schwierig ihre Kindheit ist oder war, bis sie erfahren, mit welchen Problemen die eigenen Eltern zu kämpfen hatten und ihr Murren plötzlich verstummt…

An die Tradition von Eugene O’Neill, Arthur Miller, Anton Tschechow erinnernd, beschreibt das epische Familienmelodrama EINE FAMILIE in Peter Kestens Inszenierung und Dramaturgie aus der Hand von Kathrin Mädler, sensibel, ebenso abgeklärt und mit viel satirischem Humor, den ausgeträumten amerikanischen Traum.

Doch aus einer zunächst oberflächlich anmutenden Familiengeschichte unter amerikanischem Label entwickeln sich die scharf gezeichneten Konturen eines sehr heutigen Generationenporträts – Gerade noch zeigten wir mit dem Finger auf die „Anderen“: „Schau, wie kaputt“, bis unsere Geste einfriert, unser Finger nachdenklich oder amüsiert auf unserer eigenen Nase zu ruhen kommt und wir abwechselnd lachen, den Kopf schütteln oder den Blick reflektiert nach innen richten.

Das einzige, was wir daran vielleicht nicht kennen, ist die Haushälterin indigener Abstammung, die letztlich der Fels in der Brandung dieses Familienwahnsinns zu sein scheint.

Jedoch ist sicher auch die Cheyenne als Hauhälterin nicht zufällig gewählt, zeigt sie uns doch durch ihre ausgewogene Ursprünglichkei, ihre Bodenständigkeit und Einfachheit auf, wie sehr wir uns von uns selbst entfremdet haben und wie viel wir – vor allem heute – von denen lernen könnten, die wir gerne als „unzivilisiert“ bezeichnen.

Der ausgiebeige Applaus bei der Premiere am Landestheater Schwaben reflektierte sicher auch die großartig verkörperten Charaktere durch die Ensemblemitglieder André Stuchlik in der Doppelrolle des verschwundenen Vaters Beverly Weston und Charles Aiken, Ehemann von Violets Schwester Mattie Faes, sowie den drei Töchtern von Mutter Violet, Barbara (Claudia Frost), Ivy (Miriam Haltmeier) und Karen (Elisabeth Hütter), neben Jens Schnarre als Steve Heidebrech, Fritjof Stolzenwald als Bill Fordham, Barbaras Ehemann, und Regina Vogel als Hausmädchen Johanna Monevata.

Neben den Ensemblemitgliedern konnte das Landestheater bei diesem Familiendrama als herausragende Hauptfigur der Mutter Violet, Annagerlinde Dodenhoff als Gastschauspielerin gewinnen neben Josepha Grünberg als hasch-rauchende, pubertierende Tochter von Barbara und Bill, sowie Georg Grohmann als etwas tölpelhafter Little Charles Aiken, Sohn von Mattie Fae, Violets Schwester.

Weitere Termine für das aufreibend-amüsante Familiendrama finden Sie hier verlinkt.

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