Das neue Gesicht des Memminger Bahnhofsareals

6. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

In einer öffentlichen Stadtratssitzung wurden gestern die Weichen gestellt für die Entwicklung des Bahnhofsareals. Dabei wurde entschieden, auf Grundlage von welchem der zwei eingebrachten Entwürfe der beiden Investoren weitergearbeitet wird. Entschieden wurde dabei mehrheitlich für einen dem Stadtbild angepassten Entwurf der niederländischen Ten Brinke Group, der jedoch verbessert und überarbeitet werden soll. Mit nur knapper Mehrheit wurde dabei auch gegen einen zusätzlichen, externen Berater gestimmt.

Dass es sich noch nicht um einen konkreten Bauplan, sondern lediglich um die Grundlage für weitere Verhandlungen mit der betreffenden Baufirma handelt, betonte Oberbürgermeister Manfred Schilder im Vorfeld der Abstimmung.

Mit weiteren Verbesserungsvorschlägen des Gremiums weiterentwickelt und den Anforderungskriterien des Gremiums und der Stadt angepasst, soll der ausgewählte Entwurf somit die Basis sein für das zukünftige Bild an diesem Eingangspunkt der Stadt.

Ein realistischer und anstrebenswerter Zeitrahmen, um zu einer endgültigen Planung zu gelangen, werde um die Sommerpause liegen, verdeutlichte Oberbürgermeister Manfred Schilder im Zuge der Gespräche.

Letztlich abgestimmt wurde darüber, auf Basis welches der beiden Entwürfe weitergearbeitet werden soll und darüber, ob in die endgültige Ausarbeitung ein externer, d.h. unabhängiger Berater ins Boot geholt werden soll.

Einführung

2012 wurden die ersten Schritte unternommen, das Gesicht und die Nutzungsweise des Bahnhofareals neu zu definieren. 2014 beschloss der Stadtrat, Investoren mit an Bord zu nehmen, im selben Jahr folgte die Auslobung des Investorenwettbewerbs.

Aus anfänglich 8 Investorenvorschlägen wurden in mehreren Schritten 3 Vorschläge zur weiteren Verarbeitung ausgewählt. Nach einer zeitlichen Verzögerung sprang einer der 3 Investoren ab, bis heute verbleibende Interessenten sind daher zwei.

Die beiden Entwürfe der Baden-Württembergischen ACTIV-Group und der niederländischen Ten Brinke Group wurden nun, neben den vom Gremium definierten Vorgaben, von Fabian Damm und Uwe Weißfloch des Stadtplanungsamtes vorgestellt und gleichzeitig durch die wichtigsten Zahlen und Daten geführt.

Entwurf der Ten Brinke Group macht das Rennen

Der Entwurf der Firma Ten Brinke wurde letztlich mehrheitlich favorisiert, somit ausgewählt und soll nun die Grundlage sein, in die weitere Verbesserungsvorschläge sowohl optischer Natur, wie auch betreffend der Nutzungsflächen eingearbeitet werden sollen.

Bedeutendes Areal

Die Lage direkt gegenüber des Memminger Bahnhofes und gleichzeitig an einer Flanke eines wichtigen Stadteinganges gelegen, unterstreicht die Bedeutung dieses Areals, welches eine Gesamtfläche von 7.672 m² umfasst.

Eigentümer von rund 4.000 m² ist die Memminger Wohnungsbau eG, weitere rund 3.000 m² ist Eigentum der Stadt, die verbleibenden rund 700 m² verbleiben in privater Hand.

Anforderungen und Vorgaben seitens des Gremiums

Das Gremium, bestehend aus 9 Stadträten, dem Oberbürgermeister, zwei Vertretern der Memminger Wohnungsbau eG und einem Vertreter aus Handel und Gewerbe erarbeiteten bereits 2014 in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt die Vorgaben, die der Planentwurf für das Bahnhofsareal erfüllen soll.

Berücksichtigt werden solle dabei eine Belebung des Quartiers und des gesamten Umfeldes, die Erzeugung eines attraktiven Stadteinganges mit Wegebeziehung zur Altstadt, die Architektur soll hochwertig und offen gestaltet sein und in Konformität stehen mit dem Altstadtentwicklungskonzept.

Zudem soll die Entwicklung des Quartiers und des Nutzungskonzeptes auf eine langfristige und nachhaltige Entwicklung ausgelegt sein und der Denkmalschutz ebenso eingehalten werden wie baurechtliche Rahmenbedingungen.

Der Nutzungsmix soll attraktiv und auf die innenstädtische Nutzung abgestimmt sein und sich gestalten aus Wohnen, Handel, Gastronomie und öffentlichen Räumen; ein geschlossenes Einkaufszentrum wird damit ausgeschlossen.

Zugleich soll die Wohnfunktion in der Innenstadt gestärkt und die Immobilienstruktur flexibel gestaltet werden, sodass etwa Flächenzusammenschlüsse als auch die Möglichkeit kleinerer Einheiten für Ladengeschäfte möglich sind.

Abschließend soll das Grundstück vernünftig erschlossen werden mit Parkmöglichkeiten und Verkehrsanbindung.

Vorstellung der Entwürfe

Entwurf ACTIV-Group, Ecke Bahnhof Straße/Kalchstraße
Entwurf ACTIV-Group, Ecke Bahnhof Straße/Kalchstraße
Entwurf ACTIV-Group
Entwurf ACTIV-Group

Bewertung der Entwürfe

Aufgrund der formulierten Rahmenziele wurde eine Bewertungsmatrix erarbeitet und die beiden vorliegenden Entwürfe vom Gremium in Zusammenarbeit mit dem städtischen Bauamt im Vorfeld bewertet nach der Erfüllung dieser Kriterien.

Modell der Firma ACTIV

Positiv bewertet wurde am Modell der ACTIV-Group vor allem die größere Nutzungsfläche von 14.600 m² und der verhältnismäßig große Anteil an Wohnungen mit 66 Wohneinheiten.

Alle weiteren Faktoren wurden als unzureichend oder negativ bewertet, wie etwa die ungünstige und unvorteilhafte Führung öffentlicher Wege, das Fehlen attraktiver offener Flächen mit Aufenthaltsqualität, der verkehrstechnisch schlecht gestaltete Anlieferungsbereich für die Gewerbeeinheiten und die mangelnde Flexibilität für die Laden- bzw. Gewerbeflächen.

Vor allem aber wurde kritisiert, dass die Ausformung der Baumasse optisch keinerlei Rücksicht nehme auf das Ensemble der umgebenden, städtebaulichen Strukturen und sich wie ein massiger Fremdkörper mit stark differierender Formgebung von der Umgebung abgrenze.

Zudem würde der große Baukörper Ecke Bahnhofstraße / Kalchstraße durch sein massiges Erscheinungsbild gerade zu dem Baukörper Bezug nehmen, der einen Fehler in der Entwicklung des Altstadtgefüges darstelle: dem Maxi-Center.

Gewinnentwurf der Ten Brinke Group

Gewinnentwurf Ten Brinke Group, Ecke Bahnhofstraße/Maxistraße
Gewinnentwurf Ten Brinke Group, Ecke Bahnhofstraße/Maxistraße

Positiv fielen hingegen die Bewertungen des Entwurfs der Firma Ten Brinke seitens des Gremiums aus, sowohl hinsichtlich der Einfügung in das städtebauliche Gesamtkonzept, wie auch in das Konzept der Altstadtentwicklung insgesamt.

Auch der Stadteingang an der Kalchstraße sei positiv gestaltet und unaufdringlich im Abschluss an die Kalchstraßenbebauung.

Ebenso wird positiv bewertet, dass die erdgeschossigen Gewerbeeinheiten flexibel gestaltet sind, und die Nutzungsfläche von insgesamt 11.500 m² ausgewogen auf die Nutzungen Handel, Dienstleistung und Hotel aufgeteilt seien.

Das öffentliche Wegenetz mit Anbindung an Heidengasse, Bahnhofstraße und Maximilianstraße werden ebenfalls in ihrer Lösung positiv gesehen, wie auch die Erschließung der Tiefgarage und der Anlieferzone von der Bahnhofstraße aus.

Gewinnentwurf Ten Brinke Group
Gewinnentwurf Ten Brinke Group

Kritikpunkte sind hier der Zugang von der Bahnhofstraße, der nach Ansicht des Gremiums offener gestaltet werden sollte, der „Erschließungsturm“ an der Ecke, welcher in der Fassade besser integriert werden sollte und der erhöhte Flächenverbrauch der innenliegenden Anlieferzone sei nachteilig.

Hauptkritikpunkt sind die lediglich 9 geplanten Wohneinheiten, was auch im Anschluss von den meisten Fraktionssprechern als Änderungs- bzw. Nachbesserungsanliegen vorgebracht wurde.

Gewinnentwurf Ten Brinke Group
Gewinnentwurf Ten Brinke Group

Flächenzusammensetzung der beiden Entwürfe

Stimmen aus dem Stadtrat

CSU

Stefan Gutermann stellte stellvertretend für die CSU-Fraktion fest, dass beide Entwürfe nicht alle Interessen abdecken, grundsätzlich favorisiere seine Fraktion jedoch den Entwurf der Ten Brinke Group.

Er bat darum, einen externen, unabhängigen Berater für die endgültige Ausarbeitung des Planes ins Boot zu holen, nachdem die Entwicklung des Bahnhofsareals ein wichtiger und zukunftsweisender Schritt sei für die Stadtentwicklung.

Prof. Dr. Schwarz, selbst Architekt, regte gerade beim langgezogenen Baukörper in der Bahnhofstraße trennende Elemente bzw. angemessene Unterbrechungen an. Seine Hauptforderung war mehr Wohnungen zu integrieren und auch er befürworte ein Gremium mit externem Berater.

MdL Klaus Holetschek schloss sich der Entscheidung für den Ten Brinke-Entwurf an, regte aber mehr Innovation an und wünscht sich eine Optimierung des Flächenverbrauchs.

CRB

Für Wolfgang Courage tun sich beim Entwurf der Ten Brinke gute Möglichkeiten auf. Die Bezüge zum denkmalgeschützten „Goldenen Rad“ und Funden der Stadtmauer seien jedoch transparenter zu gestalten. Auch schlug er mehr vertikale Entwicklung der bebaubaren Fläche vor. Grundsätzlich stimmte seine Fraktion für den Ten Brinke-Entwurf.

Auch er ist der Meinung, dass die Zahl der Wohnungen steigen müsse und fragte nach der Konzeption der Wohnungen: Zu klären sei, ob es sich hier um 1-2 oder 3- Zimmer Wohnungen handle.

SPD

Matthias Ressler sprach sich stellvertretend für die SPD und FDP-Fraktion ebenfalls grundsätzlich für den Ten Brinke-Entwurf aus. Seiner Ansicht nach ist ein externer Berater nicht notwendig.

Auch seine Fraktionen fordern mehr Wohnraum, wenngleich er darauf hinwies, dass diese keine günstigen Wohnungen sein werden, sondern einer höherklassigen Kategorie angehören werden.

Mehr Wohnraum könne entstehen, indem entweder der Innenbereich mehrgeschossig angedacht werde, oder der Bereich für das Hotel verkleinert werde, dessen Größe er auf dem Plan hinterfragte. Auch die Handelsflächen könnten zulegen – sogar der Vertreter des Handels habe sich dafür ausgesprochen.

MdL a.D. Herbert Müller (SPD) kritisierte zunächst das Verhalten der Memminger Zeitung, die durch das Vorschießen von bis dato internen Informationen aus einer nicht-offiziellen eine offizielle Sitzung gemacht habe.

Beispielsweise hätte er sich vorab gerne mit denjenigen abgeklärt, die für einen externen Berater sind, was sie unter externem Berater verstehen. Eine Jury über der Jury oder aber ein zusätzlicher Berater, der Informationen auch aus seiner Erfahrung miteinfließen lässt?

Für Herbert Müller gibt auch das Thema „Belebung“ des Areals Anlass zu weiterer Klärung: Ist es die Anzahl an Wohnungen, die belebt? Oder das Gewerbe? Was genau will erreicht werden und womit – diese Fragen signalisieren seiner Ansicht nach weiteren Diskussionsbedarf, den er gerne vorab intern geführt hätte.

Prof. Dr. Schwaz (CSU) erläuterte dazu, seine Forderung nach einem externen Berater beinhalte einen zusätzlichen Berater, nicht eine zusätzliche Jury. Es gebe keinen Grund, Angst zu haben vor einem zusätzlichen, unabhängigen Berater, der den Prozess sogar beschleunigen könne.

Ziel des Einsatzes eines externen Beraters sei es, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern und das Ergebnis insgesamt zu optimieren. Unabhängige Berater bei dieser Art von Entscheidungen miteinzubeziehen, sei ein übliches Verfahren. „Man sollte sich nicht davor scheuen, schlauer werden zu wollen“, betonte er und gab zu bedenken: „Mit dem Ergebnis dieser Entscheidung müssen wir lange gut leben.“

Verena Gotzes (SPD) wünscht sich ebenfalls mehr Wohnungen, stellte aber in Frage, ob es Wohnungen sind, die die entsprechenden Magnete darstellen für mehr Frequenz, sondern ob nicht vielmehr zusätzlicher Handel das größere Magnet darstelle, vor allem angesichts der IKEA-Ansiedlung.

Freie Wähler

Helmut Börner lobte die Vorarbeit der Verwaltung bzw. des Stadtplanungsamtes von den Kriterien, die in den Wettbewerb einflossen, wie auch die Ausarbeitung der Bewertung. Zum Thema Wohnungen gab er zu bedenken, dass gegenüber, auf dem ehemaligen Pendlerparkplatz auch neue Wohnungen entstehen werden, darunter auch sozial geförderte Wohnungen.

In Sachen externer Berater befürchtet er, dass sich die Entscheidung dadurch nochmals nach hinten verschieben könnte.

GRÜNE

Fraktionsvorsitzender Bernhard Thrul gefällt der Entwurf der ACTIV Group grundsätzlich besser, gestand jedoch ein, dass dieser wenig zu Memmingen passe, daher stimme auch er für den Gegenentwurf. Jedoch plädierte auch er für mehr Wohnungen und weitere Verbesserungen.

Corinna Steiger schloss sich an, am Entwurf der Ten Brinke festzuhalten, jedoch mit zahlreichen Verbesserungen, wie etwa der Forderung nach mehr Wohnraum. Sie schlug vor, Bereiche, die für Dienstleistung vorgesehen sind, dafür zu schmälern.

Bezüglich externer Berater vertritt sie die Ansicht, dass der Investor über entsprechende Architekten verfüge und riet daher ab, „von außen hineinzugehen“.

ÖDP

Für Michael Hartge ist zu klären, ob der Entwurf der Ten Brinke wirtschaftlich genug sei, denn wichtig sei es, das Quartier zu beleben und die Frequenz zu erhöhen. Bringt der Einzelhandel die Frequenz? Oder Wohnungen, oder Gastronomie, oder das Hotel? Fragte auch er offen.

Der Entwurf der Ten Brinke Group sei brav, aber wenig innovativ und biete zu wenig Wohnraum. Grundsätzlich sei er dennoch vorzuziehen, jedoch mache er seine Entscheidung davon abhängig, wieviel mehr Wohnungen bei diesem Entwurf dazukommen könnten.

ÖDP-Fraktionsvorsitzender Prof. Dr. Dieter Buchberger plädierte für den Entwurf von Ten Brinke, fordert jedoch ebenfalls mehr Wohnraum, der allerdings nicht zulasten des Hotels gehen dürfe, aber gerne auch neue Wohnkonzepte enthalten könne. Die Belebung der Stadt sei ein sehr wichtiges Kriterium.

Abstimmung

Für den Entwurf der Ten Brinke Group stimmte der Stadtrat anschließend mehrheitlich mit lediglich 5 Gegenstimmen gegenüber 34 Ja-Stimmen.

Mit 18 Ja und 21 Nein-Stimmen wurde letztlich gegen eine externe Beratung gestimmt.

Bilder:
Bilder 1 & 2: Der Entwurf der ACTIV-Group
Bilder 3 & 4: Der Gewinnentwurf der Ten Brinke Group
Bild 5: Grafik Flächenverteilung

Bildquelle: Stadt Memmingen

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