Historische Authentizität am Beispiel des Bahnhofsareals in Memmingen

22. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der Historische Verein Memmingen befasst sich seit längerem mit der bevorstehenden Sanierung des Gebietes zwischen Kalch-, Bahnhof- und Maximilianstraße. Über Städtebau und das gestalterische Spiel mit Geschichte jenseits der Originale“ wird in diesem Zusammenhang der Essayist, Analytiker und Historiker PD Dr. Stefan Lindl vom Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte am 1. März 2018 um 20 Uhr im Memminger Antoniersaal referieren.

Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger aus Memmingen Stadt und Land sind sehr herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei!

Dem Historischen Verein Memmingen ist es gelungen, PD Dr. Stefan Lindl vom Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte
der Universität Augsburg nach Memmingen zu holen.

Historisches Erbe ging insbesondere im ausgehenden 19. und noch vermehrter im 20. Jahrhundert verloren. Trotz des bemerkenswerten historischen Bestands macht auch Memmingen darin keine Ausnahme.

Jedoch bedeutet der Verlust originaler Bauwerke noch lange nicht, dass auch auf Geschichte und historische Authentizität verzichtet werden muss. Es zeigt sich vielmehr, dass der Umgang mit historischem Erbe trotz Zerstörung der Originale reichhaltig sein kann.

Wie historische Authentizität jenseits der Originale möglich ist, wie sie erfasst und mit ihr neuer historischer Wert in zeitgemäßer Architektur erschaffen werden kann, sind die Fragen, die dieser Vortrag am Beispiel des Bahnhofsareals in Memmingen mit einem Kategoriensystem historischer Authentizitäten erläutert.

Der Vortrag versucht Wertmaßstäbe im Umgang mit dem Historischen zu vermitteln und plädiert neue Wege zu beschreiten, um vielfältige historische Dimensionen in einer langweiligen, weil ahistorischen Gegenwart einzuziehen.

Möglichkeiten und Grenzen für moderne Architektur in historischen Ensembles

Diskussionen um modernes Bauen in historischen Ensembles kreisen oft um Fragen, wie moderne Architekturformen und insbesondere Fassadengestaltungen stimmig in eine gewachsene Umgebung eingepasst werden können. In den vergangenen Jahren erließen einige Städte Altstadtsatzungen mit detaillierten Vorgaben hinsichtlich Dachform, Fenstergestaltung, Materialverwendung etc. – in der Annahme, dass die Denkmalschutzgesetzgebung allein den Erhalt historischer Ensembles nicht sichern kann.

Dieser Weg kann erfolgversprechend sein, sofern ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens in der Stadtgesellschaft darin besteht, ein historisches Stadtbild vor modernen Gestaltungs- und Planungsmerkmalen zu schützen. Wird jedoch der Modernität eine besonders hohe Priorität zugewiesen wird, gilt es jedes Denkmal per Eintragung in der Denkmalliste zu schützen, da ein allgemeiner Ensembleschutz vielfach versagt.

Bahnhofsareal – lebendige Geschichte

Der Historische Verein Memmingen hat sich mit diesem Fragenkomplex im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sanierung des Gebietes zwischen Kalch-, Bahnhof- und Maximilianstraße bereits mehrfach befasst. Die von Drees-Sommer erarbeitete Grundlage des nun angelaufenen Investitionswettbewerbes enthält nur wenige konkrete Vorgaben für potentielle Investoren hinsichtlich Städtebau und Denkmalschutz.

Deshalb wird sich der Historische Verein Memmingen in den folgenden Monaten um zwei Bereiche kümmern:

  • Recherche und Publikation von Informationen zur Häusergeschichte. Hinweise des Bayer. Landesamtes für Denkmalpflege zur hohen Bedeutung einzelner Gebäude im Bahnhofsareal sollen unterstützt werden. Auch Häuser an der Memminger Reichsstadt-Peripherie (Kalchstraße) und am Tor Memmingens zur Moderne (Bahnhofstraße) besitzen ihre je eigene Geschichte, die sie als Zeugnisse einer kraftvollen Entwicklung Memmingens im Spätmittelalter und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ausweist.
  • Weiterführende und grundsätzliche Überlegungen zur Flächensanierung. Da der Schutz einzelner Gebäude für sich allein noch keine städtebaulich gelungene Sanierung herbeiführen kann und wird, sind jenseits der möglichen Denkmaleigenschaft einzelner Gebäude Mittel und Wege zu finden, die eine Neubebauung brachliegender Flächen ohne Schaden für die benachbarten Ensembles möglich machen.

Heterogenes Ensemble

Das Memminger Quartier des Bahnhofsareals zeigt sich als heterogenes Ensemble, wenn man seine Entwicklung in den vergangenen 150 Jahren analysiert. Genau gesehen haben wir es mit
zwei Ensembles zu tun:

  • Ensemble „Östl. Kalchstraße, Heiden-/Rosengasse“
  • Ensemble „Nördliche Bahnhofstraße / östliche Maximilianstraße“

Ensemble „Östl. Kalchstraße, Heiden-/Rosengasse“ (Reichsstadt)

Die geschlossene Straßenrandbebauung entlang der Kalchstraße zeugt vom Werden der Stadt seit dem Spätmittelalter. Erhebliche Teile der Bausubstanz aus reichsstädtischer Zeit sind erhalten – durchaus vielfältig, aber fast durchwegs basierend auf den mittelalterlichen Parzellenzuschnitten.

Dieses herausragende und größtenteils in seiner originalen Bausubstanz erhaltene Ensemble sollte weder (weiter stadteinwärts) durch einen Steg, noch durch eine Neubebauung (zwischen Heidengasse und Bahnhofstraße) gefährdet werden, zumal Teile im 2. Weltkrieg schwer beschädigt und östlich der Heidengasse größtenteils nicht mehr vorhanden sind.

Entstehungszeit: vor 1800.

Ensemble „Nördl. Bahnhofstraße / östliche Maximilianstraße“ (Gründerzeit)

Südlich der Kalchstraße entstanden seit den 1860er Jahren entlang der neuen Bahntrasse staatliche, gewerbliche und private Gebäude – hohe, dreigeschossige Solitärbauten ohne geschlossene Straßenrandbebauung. Der Platz am Bahnhof wurde zum neuen Eingangsbereich Memmingens.

Auch wenn 1862/63 reichsstädtische Bausubstanz mit dem Abbruch des Kalchtores und langer Partien der Stadtmauer in großem Umfang beseitigt wurde, kann doch auch festgestellt werden, dass sich die Neubauten der Gründerzeit durchaus an alten Strukturen orientierten und sie funktional fortentwickelten (Verlängerung von Kalchstraße und Maximilianstraße zum Bahnhofsplatz).

Leider ist ein Teil der gründerzeitlichen Bausubstanz durch Fliegerangriffe (1944/45) oder vorbereitende Maßnahmen für eine Flächensanierung (zuletzt im Oktober 2014 Bahnhofstraße 4) erheblich geschädigt. 1976 wurde sogar erstmals die ursprüngliche Parzellierung an der Maximilianstraße im Zuge des Baues des Maxi-Centers missachtet.

Entstehungszeit: 1862 (Bahnhof) – 1901 (Alte Post) – 1926 (Mayser-Villa).

Geschichtsorientierte Parzellierung im Memminger Bahnhofsareal

Seit der Bahnverkehr gegenüber dem Individualverkehr auf Autobahnen und Bundesstraßen zurückgegangen ist, haben Platz, Straße und Gebäude vor dem Bahnhof ihre einstige singuläre Bedeutung allmählich eingebüßt.

Der Einsatz rücksichtsloser Planierraupen und die Durchführung großflächiger Sanierungen (möglicherweise auch noch ohne archäologische Sondierungen) würde das Zerstörungswerk der letzten Jahrzehnte weiter fortsetzen und dem Stadtquartier seinen individuellen Charakter rauben.

Sollte letztlich ein überdimensionierter Solitärbau in zeitgenössischer Architektur an die Stelle von Häusern des 16. bis 19. Jahrhunderts treten, wird dieser mit Sicherheit der historisch gewachsenen Umgebung widersprechen und in einem unvereinbaren Kontrast zur Bebauung auf der jeweils anderen Straßenseite stehen – in der (reichsstädtischen) Kalchstraße, in der (seit Jahrzehnten modernisierten, aber meist noch kleinparzellierten) Maximilianstraße und in der (gründerzeitlichen) Bahnhofstraße.

Dass die Sanierung des Bahnhofsareals auch mit einem neuen Verkehrskonzept verbunden sein sollte, braucht nicht weiter erwähnt zu werden.

Daher plädiert der Historische Verein Memmingen dafür, die Bebauung entlang der Bahnhofstraße nach historischen Vorbildern zu parzellieren, um eine Kleinteiligkeit der Architektur zu gewährleisten.

Vortrag von PD Dr. Stefan Lindl

Wie historische Authentizität jenseits der Originale möglich ist, wie sie erfasst und mit ihr neuer historischer Wert in zeitgemäßer Architektur erschaffen werden kann, sind die Fragen, die dieser Vortrag am Beispiel des Bahnhofsareals in Memmingen mit einem Kategoriensystem historischer Authentizitäten erläutert.

Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger aus Memmingen Stadt und Land sind herzlich willkommen zum Vortrag am 1. März 2018. Der Eintritt ist frei!

Bilder:
Historische Abbildungen des Bahnhofsareals in Memmingen.

Bildquelle: Historischer Verein Memmingen.

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