Was kann Kultur leisten? – Das erste Memminger Kulturgespräch gab Antworten

24. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Was soll Kunst? Welche Aufgabe haben kulturelle Einrichtungen? Wie setzen Kultureinrichtungen ihren Bildungsauftrag um? An wen richtet sich der Bildungsauftrag? Was will Kultur und was wären wir ohne? – Um diese und mehr Fragen drehten sich die ersten Memminger Kulturgespräche, moderiert von Doris Bimmer, Korrespondentin beim Bayerischen Rundfunk.

Bildungsauftrag im Sinne von Bewusstseinsbildung, Emotionen anregen, Gedankenanstöße geben und Dinge in Frage stellen, neue Perspektiven aufzeigen und die Verbindung mit der Außenwelt herstellen, den Zeitgeist einfangen, seine Umwelt wahrnehmen und die Freiheit lassen, sich selbst dazu zu positionieren – diese und viele weitere spannende Antworten zum Thema gaben die beiden anwesenden Kulturvertreter Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle und Dr. Kathrin Mädler, Intendantin am Landestheater Schwaben auf viele weitreichende Fragen der Moderatorin.

„Was schätzen Sie, wie viele Menschen im vergangenen Jahr in der gesamten Bundesrepublik in Museen gegangen sind?“,

fragte Moderatorin von Doris Bimmer zu Beginn der ersten Memminger Kulturgespräche in die Runde der rund 50 interessierten Teilnehmer im neuen Atelier der MEWO Kunsthalle.

Die meisten Anwesenden schätzten zwischen 5 und 10 Mio Menschen, die vorgelegten Fakten von lediglich 2,3 Mio Menschen waren dann – vor allem im Verhältnis zu 82 Mio Einwohnern – eher ernüchternd.

„Warum sind das so wenige?“

fragte sie die beiden anwesenden Kulturvertreter. Dabei fügte sie hinzu, dass die deutschen Theater laut Allensbach Institut für Demoskopie mit 2,5 Mio Besucher im Jahr nur unerheblich mehr Besucher aufweisen konnten.

Den Antworten voraus schickte sie ein Zitat von Fons Trompenaars, einem zeitgenössischen niederländischen Wissenschaftler: „Ein Fisch spürt erst dann, dass er Wasser zum Leben braucht, wenn er nicht mehr darin schwimmt. Unsere Kultur ist für uns wie das Wasser für den Fisch. Wir leben und atmen durch sie.“

„Viele Menschen erkennen den Wert von Kultur nicht oder nicht mehr“, bestätigte Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle die Zahlen von Kulturinteressierten. Gerade heute spreche man viel über das Thema „Leitkultur“, „wenn man aber nachfragt, was damit gemeint ist, sind das Bratwürste. Kunst gehört wohl nicht dazu“, reflektierte er nicht ohne Ironie.

„Was ist Kultur eigentlich?“

Dr. Kathrin Mädler bezeichnet diese Frage in der Tat als „hochkomplex“. Kultur liege zwar außerhalb dessen, was wir pragmatisch zum Leben brauchten, was die Abwesenheit von Kultur jedoch bedeutet, zeigte sie am Beispiel Amerika auf: „In vielen Gebieten von Mittelamerika fährt man hunderte von Kilometern, bis man wieder an einen Ort kommt, in dem ein Museum oder ein Theater existiert. Man spürt, dass dort die Seele fehlt, es fehlt eine bestimmte Lebendigkeit“ und unterstrich damit den Vergleich von Kultur für die Menschen und Wasser für die Fische.

Sie betonte, dass Deutschland eigentlich fantastische Voraussetzungen biete für Kultur: „Wir sind hier im Gegensatz zu vielen anderen Europäischen Ländern in der tollen Situation, dass Kultur zum großen Teil von der öffentlichen Hand getragen wird“, das erlaube es, ein sehr breites und anspruchsvolles Kulturangebot bieten zu können.

„Bedeutet Kultur nur `Geschichten zu erzählen´? – Was soll man von einer Ausstellung oder einem Theaterstück mit nach Hause nehmen?“

Kultur zähle man zurecht zu den „weichen Standortfaktoren“, reflektierte dazu Axel Lapp, „es ist eine Verbindung zur großen, weiten Welt“. Kultureinrichtungen spiegelten immer ein Stück Zeitgeist wieder, der bekanntlich nicht an Grenzen Halt mache.

„Kulturelle Einrichtungen sollen dazu beitragen, unsere eigene Geschichte wahrzunehmen, sehen zu lernen und die verschiedenen Ebenen seiner Umwelt wahrzunehmen“, so der Vertreter der Kunst.

Er beklagte, dass in Schulen oft nurmehr eine Wochenstunde Kunstunterricht anböten – das Image von Kultur werde so nicht besser. Bildung und auch die Abhängigkeit von Geld spiele dabei sicher eine große Rolle.

Dr. Kathrin Mädler wünscht sich, dass das Theater `Freiheit im Denken und im Fühlen´ vermittelt. Dabei sei es sehr willkommen, dass ein Stück auch Emotionen auslöst, Gedanken anregt, zum Weiterdenken einlädt, oder Stoff für Diskussionen liefert:

„Der `Nutzen´ ist hier anders zu sehen als etwa in der freien Wirtschaft“. Der Nutzen sei hier sehr individuell – ein Theater solle ihrer Meinung nach auch Mut machen, sich selbst zu positionieren, sich selbst eine Meinung zu bilden, Dinge in Frage zu stellen oder zu überdenken. Die Offenheit und Freiheit von dem, was jeder für sich mit nach Hause nehme, sei essentiell. „Hauptsache ist, dass man etwas dabei mitnimmt – ob es dann Freude, Ärger, ein neuer Gedanke ist, eine neue Perspektive oder einfach auch einmal eine hochklassige Unterhaltung, ist dabei weniger wichtig“.

Zum Thema „Standortfaktor“ fügte sie hinzu, dass die `offenen Kulturräume´, wie sie momentan in Memmingen entstünden, sehr schön und fruchtbar seien. Im Gegensatz zu größeren Städten, in denen kulturelle Einrichtungen oft in Konkurrenz stünden, gebe es hier eine tolle Kooperation, man finde gemeinsam neue Formate und Wege, das sei ausgesprochen positiv.

„Nochmal zurück zum Thema Besucherzahlen. Wie können Hürden abgebaut werden? Oder – gibt es überhaupt noch Grund für die Vorurteile, im Theater oder im Museum müsse man leise sein, sich schick anziehen, möglichst intelligent schauen und auf gewisse Weise applaudieren?“

Dr. Mädler ist der Ansicht, dass sich diese Hürden bereits stark abgebaut haben. Um das noch zu erleichtern, sei sie zusammen mit Axel Lapp und anderen Kulturvertretern dabei, „Vermittlungsabteilungen“ zu formen, wie etwa Workshops, die „Lange Nacht der Kultur“, Jugendarbeit u. ä., um dieses Klischee des „klassischen Bildungsbürgertum“ zu durchbrechen. Kultur solle und könne alle einladen.

Leiter der Kunsthalle Axel Lapp unterstrich den Bildungsauftrag, den kulturelle Einrichtungen wie Museen oder Theater innehaben, es seien Orte, die Bewusstsein schaffen wollen und sollen. Er hält es für möglich, dass die Eintrittspreise mit eine Hürde sein könnten. Geld sei in vieler Hinsicht ein Thema und überlegte, ob Eintritt in Museen etwa nicht besser frei sein sollte.

„Was soll Kultur leisten? Soll Kultur auch der Integration dienen?“

„Dieser Aspekt wird uns oft zugewiesen“, erwidert darauf Axel Lapp. Integrative Projekte geben bekanntlich Förderungen. Doch „Integration“ müsse auch unter einem anderen Aspekt gesehen werden: Momentan sei der Prozentsatz an gut gebildeten Menschen beim Publikum noch immer sehr hoch, Arbeiter oder Besucher mit Hochschulabschluss eher eine Minderheit. Doch gebe es keinen Grund, warum sich der Besuch im Museum oder im Theater sich nicht auch für diese Menschen lohne. Daher suchen sie weiter nach „Vermittlungsangeboten“ und Formaten, die den Zugang für eine breitere Besucherschicht fördere.

„Kunst und Kultur als `Freiraum´, als Anregung zur Diskussion. Ist das noch solch ein kleiner Zirkel, den das anspricht?“

Dr. Mädler ist der Meinung, dass der `Bildungsauftrag´ abstrakter zu sehen sei und das Angebot ruhig breiter aufgestellt werden könne. Immer mit einer gewissen Tiefe und Intensität, jedoch weniger im Sinne eines `pädagogischen Auftrages´: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns hier nicht überschätzen“.

Die Fragen seien hier vielmehr: Wer repräsentiert mich in diesem Stück, in dieser Ausstellung? Fühle ich mich widergespiegelt? Ist der Ausstellungsort/das Theater mein Ort, fühle ich mich wohl an dem Ort? Wer sucht die Themen aus? Berühren mich die Themen? Neben Inhalten habe auch im Museum oder im Theater ein gewisser Unterhaltungswert durchaus seine Daseinsberechtigung.

„Sind die Ansprüche anders als die Umstände?“

„Die Gesellschaft verändert sich“, ist Dr. Mädler sicher, es gebe immer neue Themen, neue Herausforderungen, neue Chancen. Das zu hinterfragen sei eine tolle Aufgabe. In jedem Falle sei der `Bildungsauftrag´ kein festes `Produkt´ im Sinne von einer eindeutigen Message. „Dann wird es eng“.

Vielmehr propagiert sie Freiheit in der Deutung und Offenheit: „Wir wiederholen am Theater häufig, dass wir das Theater öffnen und tun das auch und meinen das auch so, wie viele neue Formate auch zeigen, wie auch die Möglichkeiten, hinter die Kulissen zu schauen oder mitzumachen. Und auch was ankommt beim Besucher soll offen sein – es darf, soll sich jeder sein eigenes Bild machen“.

Welche Ansprüche hat man an Sie als Museumsleiter?

„Das wird nicht als `Anspruch´ formuliert. Natürlich freut sich das Publikum über eine bestimmte Art von Ausstellung – Julius Guggenheimer im letzten Jahr kam zum Beispiel super an“, erinnert sich Kunsthallenleiter Axel Lapp. Auch Henry Moore in Verbindung mit Madleners Schafen sei besonders gut aufgenommen worden. „Aber wenn ich nur so etwas mache, wird es auch langweilig“, gibt er zu bedenken.

„Ist das also eine Gratwanderung?“

Die Schwelle dürfe nicht zu hoch sein, aber auch nicht nur `gefällig´, Videokunst etwa sei hier schwer zu vermitteln. Es müsse immer auch eine gewisse Leichtigkeit dabei sein.

„Beim Theater haben wir es da etwas einfacher“, meint Intendantin Dr. Mädler. Denn auch wenn sie ein `gefälligeres´ Stück wählten, könne man dennoch auf ästhetisch hohem Niveau arbeiten.

Sie versuchen, eine spannende Mischung herzustellen.

Sie sind eine Institution in der Provinz, für viele das erste Museum, das erste Theater. Wie gehen Sie damit um?

Axel Lapp wie auch Dr. Mädler sind sich einig: „Man muss mit Leidenschaft dahinterstehen, sonst geht es nicht.“

„Ich finde es auch wichtig, Vertrauen zu schaffen. Denn auch in einer Stadt mit überschaubarer Größe darf man das Publikum nicht unterschätzen“, gibt Dr. Mädler zu bedenken. Unter `Vertrauen schaffen´ versteht sie, `vielleicht hat es mir heute einmal nicht so gefallen, oft aber schon, also gehe ich auch nächstes Mal wieder mit spannender Vorfreude hin´, klärt sie auf.

Auch die Vor- und Nachgespräche kämen sehr gut an, zudem sei es wichtig, eine Balance zwischen zeitgenössischen Stücken und Klassikern zu schaffen.

„Was sehen Sie für Möglichkeiten, neues Publikum zu generieren?“

„Wir müssen stärker auf `Vermittlung´ setzen, Projekte entwickeln, mit denen wir die Menschen abholen können“, ist sich Axel Lapp sicher. Etwa die Kooperation „Zeitmaschine“ habe erfahrungsgemäß andere Gruppen von Menschen angesprochen. Schulen sei dabei für ihn ein schwieriges Thema.

Dr. Mädler hat dagegen mehr Glück, wenn es um Schulen geht: „Die Kooperation mit Schulen funktioniert für uns hier sehr gut.“ Vor- und Nachgespräche zu den Stücken kämen ebenfalls sehr gut an. Doch auch sie sieht große Chancen darin, mehr nach außen zu gehen und die Menschen abzuholen: Andere Formate, Kooperationen mit anderen kulturellen Einrichtungen oder der Stadt, oder theaterferne Orte bespielen seien hierfür geeignete Mittel.

„Was halten Sie von Instagram-Führungen? Ist der digitale Wandel in der Gesellschaft eine Herausforderung?“

Die Verwendung von neuen Medien findet Axel Lapp eine großartige Sache. „Man muss sehen, wie so etwas angenommen wird.“

Für Dr. Mädler sind hierbei auch die Inhalte von Bedeutung: „Aktuelle, zeitnahe Inhalte oder über neue Medien kamen bei uns sehr gut an, ich denke dabei an „Verbrennungen“, ein Stück, das die Perspektive der Migration umdreht, oder etwa 4 Min 12 Sek, in dem es darum geht, wie eine Veröffentlichung in den sozialen Netzwerken das Leben eines Menschen verändern kann. Darauf reagieren die Menschen sehr stark“.

„Wie wurde die Bürgerbühne angenommen?“

„Die Spielclubs wurden toll angenommen und sind immer gut belegt. Auch damit bauen einige Menschen Vertrautheit zum Ort `Theater´ auf“, freut sich Dr. Mädler.

„Wie ist Ihre Erfahrung mit dem neuen Atelier?“

„Wir bieten hier einige unterschiedliche Formate an: Für zwei Altersgruppen von Kindern, den Seniorenworkshop und auch eine Mutter-Kind-Gruppe. Das läuft sehr gut an“, freut sich auch Axel Lapp.

„Was ist Memmingen Kultur wert im Sinne von Kosten?“

„Wir haben eine begrenzte Geldsumme, mit der wir nicht auskommen, wenn wir einen bestimmten Anspruch erfüllen wollen, versuchen das aber mit Förderungen aufzustocken“, erklärt der Museumsleiter. Schwierig werde es v. a. beim Marketing. Was mit ein Grund sei, warum das Museum nicht eine größere Strahlungskraft innerhalb der Region oder darüber hinaus habe.

Mit etwas Neid schaue er nach Baden-Württemberg und die Einrichtung von „Kulturagenten“, die es auch in fünf weiteren Bundesländern gebe. Damit könne man etwa Künstler an Schulen vermitteln, Künstler bezahlen.

Am Theater sei es mehr eine personelle Grenze, sie haben eine Mannschaft, mit der muss es klappen. Sehr dankbar zeigte sie sich über die Unterstützung durch den Förderverein, ohne den das alles gar nicht ginge, so die Intendantin.

„Was wäre, wenn man Museen oder Theater plötzlich schließen würde?“

„Wichtige Erfahrungsmöglichkeiten würden wegfallen“, ist sich Axel Lapp sicher. Gerade Ausstellungen wie etwa kuratierte Ausstellungen, die mehrere, auch internationale Künstler unter einem bestimmten Thema behandeln und von der Bundeskulturstiftung unterstützt werden, brächten wichtige, globale Erfahrungswerte für die Besucher, welche weit über die örtlichen Grenzen hinausgehen und größere, globale Zusammenhänge reflektierten.

Auch Kathrin Mädler ist überzeugt: „Viel ginge verloren“. Das Theater helfe u.a., Empathie zu lernen, sich in andere zu versetzen. Auch sieht sie das Theater in der Pflicht, gegen die „neue Härte“ in der Gesellschaft und Ausgrenzungen etwas entgegenzustellen. Das Theater biete eine substantielle Chance der „Vermittlung“, des Miteinanderredens.

Sie zeigte sich glücklich, dass diese Stadt von doch überschaubarer Größe über ein solch neues und modernes Theater verfüge und gute Strukturen aufweise sowie einen Zweckverband, der das Theater großartig unterstütze. Nur würde sie sich wünschen, im übrigen Spielgebiet mehr wahrgenommen zu werden.

In Memmingen in privilegierter Situation

Eine Besucherin machte den Anwesenden bewusst, in welch privilegierter Situation wir in Memmingen seien: „Wenn ich mit einer Freundin in München spreche und ihr erzähle, was ich hier kulturell unternehme, wird sie fast neidisch. Denn in München sich abends noch allein als ältere Frau auf den Weg zu einem Theater oder einer Ausstellungseröffnung zu machen, bringt nicht nur lange Anfahrwege mit sich, sondern ist auch ein Sicherheitsproblem.“

Mehr junge Menschen ansprechen

Ein weiterer Besucher fragte sich laut, warum nicht mehr junge Menschen auch hier bei den Kulturgesprächen teilnehmen und sich einmischen und Anregungen bringen, v. a. für ihre Altersgruppe.

Axel Lapp würde das ebenfalls sehr begrüßen, doch könne man Lehrer, die etwa in der Schule zu so etwas anregen, an einer Hand abzählen. Nicht nur fehlten auf Grund der Personalsituation Austauschmöglichkeiten etwa für einen Klassenbesuch einer Ausstellung, die Lehrer müssten auch „Lust haben“ so etwas anzuregen.

Moderne Konzepte für junge Menschen

Eine anwesende Lehrerin warf dazu ein, sie z.B. habe „Lust“! Sie schlug vor, gerade für junge Menschen Aktionen anzubieten wie etwa einen Museumsbesuch mit Tablet und erzählte von einem gelungenen Projekt, bei dem gleichzeitig die Schüler filmten und danach eine Präsentation schufen, die vorgestellt und besprochen wurde.

Zu klären sei dabei, welches Museum, welche Vorstellung zu welcher Altersgruppe passe, um daraus passende Konzepte mit Kulturschaffenden zu erarbeiten.

Axel Lapp nahm die Anregung dankbar an und hofft, diese Art von Projekten mit Hilfe der erwarteten Volontärin zu ermöglichen, denn „für eine halbe Kraft für Museumspädagogik“ sprenge das den Rahmen.

„Wäre es auch ein Mittel, mehr vor den Kopf zu stoßen, provokativer zu sein?“ fragte die Moderatorin

„Vor den Kopf stoßen ist so eine Sache“, meint dazu Axel Lapp. Eigentlich wolle er nicht `vor den Kopf stoßen´, anregen ja, doch über manche Sachen rege sich auch keiner auf, auch wenn man das vielleicht erwarten würde, wie etwa bei „NippleJesus“ und der Ausstellung „Piss Christ“ im vergangenen Jahr.

Außer einem Brief, den Dekan Waldmüller dazu bekam, blieb jegliche Aufruhr aus und auch die öffentliche Gesprächsrunde über NippleJesus mit Dekan Waldmüller und einer Vertreterin der christlichen Cityseelsorge Memmingen verlief mit großem Interesse aber ohne große Reibungspunkte.

Kathrin Mädler findet das Publikum in Memmingen „großartig“. Als neue Intendatin habe sie sich natürlich zunächst vorgetastet und versucht, sich an das Publikum anzunähern, um herauszufinden, wie die Menschen ticken und welche Themen die Menschen hier interessieren.

Anstelle von skandalisieren setze sie mehr auf echte Emotionen und auf Inhalte. Allerdings habe sie die Reaktion auf den „Messias“ kalt erwischt. Dass sich daran viele gestoßen haben, habe sie nicht erwartet.

„Sind die Menschen hier toleranter?“ (Doris Bimmer)

Kathrin Mädler beantwortete die Frage mit einem „Jein“. Die Annäherung an das Publikum sei eine Herausforderung. Extrem werde das bei Gastspielen in der Region: „Was hier viele Menschen locker wegstecken, ist in anderen Spielstätten extrem `modernes Theater´ und wird oft ganz anders angenommen“.

„Das Angebot in Memmingen strahlt zu wenig nach außen“

Der anwesende stellvertretende Präsident der IHK Schwaben und Unternehmer Gerhard Pfeifer beklagte, dass das gewaltige kulturelle Angebot für die Größe dieser Stadt so wenig nach außen strahle und fragte, was aus der Sicht der Kulturvertreter hierzu denkbar wäre. Auch regte er mehr Zusammenarbeit zwischen den Kulturschaffenden in Memmingen an und fregte, ob es dafür ein Netzwerk gebe.

Für Axel Lapp hat das viel mit Geld zu tun. Gerade Marketing koste Geld und etwa die Presse wie die Augsburger oder Süddeutsche Zeitung müsse für ihren Besuch bezahlt werden. Sie böten zwar Reisekostenerstattung bereits an, doch reiche allein dies nicht aus. Am Beispiel von einer Ausstellung von Norbert Bisky in der MEWO Kunsthalle machte er klar, dass nach Memmingen „keiner kam“, als jedoch derselbe Künstler in Rostock ausstellte, sei die „ganze Journalie“ eingeladen worden mit allem, was dazu gehöre. Es finge allein schon bei den Plakaten an – das Budget für das Marketing werde bereits fast gänzlich allein durch die Flyer erschöpft.

Kathrin Mädler bewertete die – regionale – mediale Aufmerksamkeit als sehr gut. Natürlich habe man ihr als neue Intendantin viel Aufmerksamkeit gegeben, aber sie fühle sich nach wie vor sehr gut von der Presse begleitet.

Toll findet sie auch, welch großer Teil der Stadtbevölkerung ins Theater komme, in anderen Städten sei das weniger ausgeprägt. In Puncto Vernetzung habe sie das Gefühl, sie renne hier offene Türen ein, das Interesse dafür sei in jedem Falle da.

Kulturräte?

Ein weiterer Besucher erinnerte sich, dass in Memmingen einst ein Kulturrat zugegen war. Als dieser wegging, sei dies wieder eingeschlafen. Er regte die Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Kulturrat an.

„Kunst ist schön, aber harte Arbeit“ – mit diesem passenden, zusammenfassenden Zitat von Karl Valentin beendete Moderatorin Doris Bimmer diese ersten Memminger Kulturgespräche.

Nächster Termin für die Reihe „Memminger Kulturgespräche“

Das nächste „Memminger Kulturgespräch #2“ findet übrigens am Mittwoch, 2. Mai 2018 um 19:30 Uhr, in der MEWO Kunsthalle statt.

Unter der Überschrift »Wessen Kultur?« werden unter Moderation von Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle, die Projektleiterin Soziale Stadt Ost Katrina Dibah-Lavorante und Michael Johannes Müller der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg e.V. über das Thema sprechen.

Eingeladen sind wieder alle Kulturinteressierten und die, die es werden wollen. Der Eintritt ist frei.

Fotos:
Bild 1: Intendantin Dr. Kathrin Mädler (re.), Leiter der MEWO KUnsthalle Axel Lapp (li.) und Moderatorin Doris Bimmer, Korrespondentin beim Bayerischen Rundfunk (Mitte) bei den ersten Memminger Kulturgesprächen.
Fotos aus eigener Quelle.

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