„Provincetown“ – Ist Kunst in der Provinz provinziell?

27. Februar 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle erfuhr durch Zufall von einer Ausstellung in kleinem Rahmen, welche die drei befreundeten Künstler aus der Region Ulm Conny Maier, Dennis Buck und Michael Günzer Ende letzten Jahres nahe Senden ausrichteten. Die Ausstellung hieß „Dorf“ und Axel Lapp war angetan von der „Frische dieser feinen Arbeiten“, wie er bei der Ausstellungseröffnung vergangenen Freitag in der MEWO Kunsthalle Memmingen betonte.

Welchen Ort hat die Kunst? Was bedeutet Kunst in der Provinzstadt? Was bedeutet sie im Dorf? Ist Kunst ein Privileg der Großstädte? Ist Kunst, die in Metropolen entstand, in der Provinz überhaupt zu verstehen? Ist Kunst in der Provinz provinziell? Ist Kunst Kunst?

Oder leben wir alle in parallelen Universen, die kulturell wenig gemein haben? – Diese Fragen formten sich bei Axel Lapp, als er sich mit den Arbeiten und den Künstlern der Ausstellung in dem kleinen Dorf tief in der Provinz nahe Senden auseinandersetzte.

Aus „Dorf“ wurde „Provincetown“ und Axel Lapp holte die drei Künstler in die MEWO Kunsthalle, um hier einige ihrer Arbeiten vorzustellen.

Die gebürtige Berlinerin Conny Maier, beschäftigt sich in einer ihrer Serien mit abstrahierter, figürlicher Malerei. Sie zeigt hier eine Arbeit über eine Figur, die einen Hund mit einer Wurst zu füttern scheint, ignoriert dabei Perspektiven und scheint Räume neu zu schaffen. Auch Gesten, Bewegungen und Gliedmaßen scheinen sich von Normen gelöst im Raum zu verteilen.

Dass der Betrachter hier allerdings freie Hand hat, was er genau darin sieht und was es in ihm auslöst, stellt die Künstlerin jedoch gleich klar, als ich sie danach frage. „Es ist eine Hommage an Michael Günzer. Es begann alles mit dem Hund. Michaels Hund hat zwar eine andere Rasse, aber das ist eben meine künstlerische Freiheit“, erklärt sie dazu mit einem trotzigen Schmunzeln.

Große, betonte, offene Münder ist etwas, was in mehreren ihrer Arbeiten auftauche, „das kann Staunen sein, ein Schrei, Entsetzen oder freudige Aufregung, Ekstase… es ist vielschichtig.“

Auch Assoziationen zu Erotik sind erlaubt, auch wenn das, was aus der Wurst zu kommen scheint, auch in der Form keine eindeutige Aussage trifft, aber genau das lässt die Künstlerin gerne zu. Dennoch fragt sie „Warum wird es sexistisch besetzt?“ und macht klar, dass sie gerne mit Klischees spielt, bei auch nicht alles bierernst sein muss und viel im Auge des Betrachters passieren darf.

Michael Günzer ist Künstler und gleichzeitig Mitbetreiber des Ulmer Clubs „Cabaret Eden“ – Erst kam die Kunst, dann der Club, auf keines der beiden möchte er verzichten.

Für diese Ausstellung hat er eine Serie aus vermeintlich vielen kleinen Männer-Portraits erarbeitet, die sich als ein und die selbe Person herausstellen: Freddy Mercury.

Was die 1991 verstorbene Rock-Ikone mit Ulm zu tun hat? Diejenigen, die sich zu der Zeit gerne im Ulmer Nachtleben tummelten, wissen, dass Freddy Mercury sich oft im ehemaligen Club „Aquarium“ in Ulm aufhielt.

Er griff das Motiv auf und spielte damit malerisch: Er vervielfältigte das Portrait, spiegelte es Mal, druckte es noch nass auf ein anderes Papier, fügte hier zähe Farbe mit einem Spachtel, dort flüssige, transparente Farbe auf, druckte beschriftetes Papier darauf, um sich als rätselhafte Schriftzeichen auf Freddys Nase wiederzufinden und schuf so eine sehr lebendige Serie.

„Es geht mir mehr um den Prozess des Malens, als um das Objekt meiner Malerei“, erklärt der Künstler, Musiker und Clubbetreiber.

„Materialien, die man an jedem Ort der Welt finden kann“, sind hingegen die bevorzugten Materialien, die Dennis Buck für seine Malerei verwendet. „Und was man an jedem Ort der Welt finden kann, sind Materialien für den Bau“, erklärte der junge Künstler, der in den Ferien oft im Baugeschäft jobbte.

Auch als Malgrund verwendete er dicke Plastikfolien, denn er wollte die Arbeiten während einer Reise schaffen und ohne viel Raum oder Gewicht zu verursachen, mit nach Hause bringen.

So tummelt sich vor allem Silikonpaste in verschiedenen Einfärbungen auf seinem transparenten Malgrund, mit dem er zudem spielen kann: „Wenn ich will, kann ich das auch hinterlegen, verschiedene Ebenen schaffen und die Arbeit verändern“, erklärt der Künstler, der auch den Bildinhalt als solchen verändert:

„Das letzte, was man zu einem Bild dazufügt, ist das Datum und die Unterschrift. Ich habe das umgedreht und zum Bildinhalt gemacht, mit den Jahreszahlen gespielt oder mit meinem Namen.“

Was die drei regionalen Künstler offensichtlich verbindet, ist tiefe Freundschaft, gelebte, künstlerische Freiheit, die alles andere als „provinziell“ wirkt und die Stadt Ulm:
Conny Maier kommt aus Berlin, ihr Mann hingegen aus Ulm, Dennis Buck ist Ulmer, lebt aber heute in Berlin und Michael Günzer studierte zwar Kunst an der Kunstakademie in Karlsruhe, stammt aber aus der Ulmer Gegend.

 

 

 

Die Ausstellung „Provincetown“ in der MEWO Kunsthalle ist klein und übersichtlich, jedoch sicher einen Besuch wert und das nicht nur, weil die Künstler aus der Region stammen.

Bis zum 21. Mai 2018 ist die Ausstellung noch zu besichtigen und am 14. April um 17 Uhr wird es in einem Künstlergespräch die Möglichkeit geben, mit den drei Künstlern ins Gespräch zu kommen.

Fotos:
aus eigener Quelle (Christine Hassler)

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