„Welt im Kopf“ und „Rezension“

8. März 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die MEWO Kunsthalle zeigt im Moment drei Ausstellungen. Zwei dieser Ausstellungen sollen heute Thema sein: „Edgar Leciejewski: Welt im Kopf“, die noch bis 13. Mai 2018 zu besichtigen ist und „Martin Newth: Rezension — Skulptur, Objekt, Apparat“, die noch bis 3. Juni 2018 in der MEWO Kunsthalle zu bestaunen ist.

„Welt im Kopf“

Edgar Leciejewski wuchs als Sohn eines Bibliothekars in der ehemaligen DDR auf und reiste 1986 mit seinen Eltern legal aus. „Bücher sind unsere besten Freunde“, sagte damals sein Vater, der alle seine Bücher bei der Ausreise aus der DDR zurücklassen musste.

Bücher haben Edgar Leciejewski seit jeher geprägt und zunächst machte er in Köln eine Buchhändlerlehre. Er holte das Abitur am Abendgymnasium nach, studierte dann Theaterwissenschaften und Philosophie in Berlin und begann gleichzeitig, sich der Kunst zu widmen.

Doch Bücher beschäftigten ihn weiterhin – zuerst kam das Buch, dann die Leinwand, so folgten 2001 bereits erste Ausstellungen, bevor er 2003 ein Studium der Grafik und Buchkunst aufnahm.

Drei Serien einer Welt: regieren, gestalten, abbilden

Seine Ausstellung „Welt im Kopf“ ist in drei Teile gegliedert: In der Serie „A Circle Full of Ecstasy“ geht es unter anderem um diejenigen, die die Welt regieren. In der Serie „Zwölf“ zeigt Leciejewski großformatige, bearbeitete Portraitfotos von befreundeten Künstlern, d.h. von Menschen, die die Welt gestalten. Der dritte Teil seiner Ausstellung trägt den Namen „Scene in a library“ und zeigt ein ebenfalls bearbeitetes, riesenhaftes Foto eines Bücherregals – Bücher, die die Welt abbilden.

In der Serie „A Circle Full of Ecstasy“ sehen wir 77 Fotografien von politischen, geistlichen oder kirchlichen Herrschern auf der Weltbühne, die alle eines gemein haben: Alle haben die rechte Hand zum Gruß erhoben. Was wie ein Katalog non-verbaler Äußerung anmutet, ist in typischem Blaustich einer frühen Form der Fotografie, der Cyanotypie, gehalten, allein die Hände heben sich kaum merklich durch den Hauch eines rötlichen Farbstiches ab.

Akzentuiert wird dadurch die Geste – eine Geste, die so oft wiederholt inflationär wirkt und einerseits die Frage aufdrängt, ob oder was diese Geste bedeutet, andererseits die Aufmerksamkeit auf das „wie“ der Geste lenkt.

Betrachtet man die einzelnen Abbildungen in der Reihenfolge von links oben nach rechts unten, fällt auf, dass man sich als Betrachter wie mit einer Kamera um die Personen dreht: Werden wir zu Beginn selbst als Publikum noch frontal gegrüßt, nehmen wir in der Mitte die Perspektive des Grüßenden ein und sehen zum Publikum, um nach einer weiteren 180 Grad Drehung wieder frontal zur grüßenden Person zu stehen – Die Welt, die sich dreht. Drehen wir uns mit?

In der Serie „Zwölf“ zeigt Leciejewski 12 lebensgroße Portraitfotos von befreundeten Künstlern ohne Gesichter – von Menschen, die die Welt weniger mit dem Kopf als mehr mit den Händen gestalten.

Durch das wegschmirgeln der Gesichter, das Leiten der Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Körperhaltung der Abgebildeten, auf deren Hände, deren Statur und deren Kleidung, die sich herausgeschält um die Rahmen der Bilder wiederfindet, entsteht ein merkwürdiges Spannungsfeld zwischen Anonymität und Personalität.

Man fragt sich, was Portraitfotografie ausmacht, was einen Menschen ausmacht und was passiert, wenn man das Gesicht eines Menschen ausblendet. Was bleibt übrig? Was ist es, was uns einzigartig macht?

„Scene in a library“ ist gewissermaßen ein „Selbstportrait“ und zeigt ein ebenfalls bearbeitetes, riesenhaftes Foto eines Bücherregals: Seines eigenen Bücherregals, das zufällig wirkt, jedoch mit unzähligen Hinweisen und Relikten, Büchern, Objekten und versteckten Informationen versehen ist.

Wie in einem Suchbild finden sich in jedem Detail Informationen über den Künstler, über den Menschen Edgar Leciejewski und die Dinge, die in seinem Leben eine wesentliche Rolle spielen.

Eine auf den ersten Blick anonym wirkende Abbildung eines Bücherregals entlarvt sich so als eine sehr persönliche Dokumentation eines Menschenlebens.

„Rezension — Skulptur, Objekt, Apparat“

Martin Newth kommt aus der englischen Industriestadt Manchester und lebt heute in London. Seine künstlerische Arbeit basiert einerseits auf der Faszination über die Grundlagen der Fotografie und seiner intensiven Beschäftigung mit der Camera obscura, der ersten Lochkamera. Auf der anderen Seite beschäftigt er sich ebenso intensiv mit Installationen.

Bei einem Besuch in Memmingen führte ihn Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle, durch die Memminger Museen. Besonders beeindruckten Martin Newth die liebevoll bemalten spätgotischen Holzskulpturen im Memminger Strigel Museum. Holzskulpturen aus dieser Zeit waren ihm nicht unbekannt, jedoch hatte er bis dahin noch nie solch liebevoll handbemalte Holzskulpturen gesehen, die zudem so wunderbar erhalten sind.

Er griff die Figuren auf und setzte sie in einen neuen Kontext: im Spannungsfeld zwischen der Umgebung einer zeitgenössischen Kunsthalle platzierte er die historischen Figuren und installierte Lochkameras aus alltäglichen Materialien wie Pappkartons, um sie abzulichten.

Daraus entstanden gleich zwei neue Ebenen: Die eine beschäftigt sich mit der Frage, was passiert, wenn ich einen historischen Gegenstand in einen zeitgenössischen Kontext stelle und prüfe, was mit dem Gegenstand passiert, was dabei mit mir passiert, woraus sich der Titel „Rezension“ bildete – die spätgotische Holzfigur im Rampenlicht experimenteller Fotografie als Installation im Raum.

Auf der anderen Seite entstanden durch das tatsächliche Ablichten mit seinen Lochkameras und der Verwendung von farbigem Fotopapier und/oder farbigen Folien vor der Linse, ganz neue Kunstwerke, die nun ein Eigenleben haben.

Sie beschäftigen sich zwar mit der Figur, deren Faltenwurf oder Expression, das Ergebnis steht jedoch für sich – Die digitale Darstellung auf dem Bildschirm, die mit Farben spielt und drei der Objekte im farblichen Wechselbad wiedergibt, spinnt dabei den Faden weiter und bildet eine weitere Dimension der Sicht auf historisches Erbe und dessen Verarbeitung, Interpretation und eben – Rezension.

Künstlergespräch

Am 2. Juni 2018 um 17 Uhr bei freiem Eintritt besteht die Möglichkeit, mit Martin Newth ins Gespräch zu kommen. Alle Interessierten lädt die MEWO Kunsthalle dazu herzlich ein.

Auch hier sei wieder die Führung durch die Ausstellung empfohlen, da dem Betrachter oftmals viele Dinge verborgen bleiben, wenn man nicht darauf hingewiesen wird. Und: es ist zweifellos bereichernd, neben seiner eigenen, neue Perspektiven zu erfahren.

Fotos:
aus eigener Quelle (Christine Hassler)

Ein kleines Album zum Einstimmen auf die Ausstellungen gibt es auf unserer Facebookseite.

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