Gemeinsam für Integration: Migrationsprojekt Schwaben

13. März 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Eine Idee, zwei Theater, drei Jahre und jeweils vier Klassen: Das Landestheater Schwaben in Memmingen und das Theater Augsburg widmen sich gemeinsam dem großen Themenfeld Migration. Der Bezirk Schwaben stellt dafür eine Fördersumme zur Verfügung, mit der das spannende theaterpädagogische Projekt realisiert werden kann.
In einem Pressegespräch wurde das Projekt in Anwesenheit von Bezirkstagsvizepräsident des Bezirks Schwaben Alfons Weber vorgestellt.

Die Welt rückt zusammen und immer mehr Menschen unterschiedlicher Kulturen leben in Deutschland, in Schwaben, Augsburg und Memmingen. Was eigentlich nichts wirklich Neues ist, denn forscht man 3-4 Generationen in der eigenen Familie, in der Familie von Freunden oder Nachbarn zurück, wird man feststellen, dass irgendwo Wurzeln auch aus einem anderen Land kommen.

Blicken wir noch weiter zurück, stellen wir fest, dass die ältesten Funde unserer modernen menschlichen Vorfahren nicht hier, sondern in Äthiopien und Marokko gefunden wurden. Was die Wissenschaft zur Annahme führt, dass sich der Homo Sapiens in einer Jahrtausende langen Evolution ausgedehnt hat, weitergewandert ist, sich immer neu vermischt hat, sich niedergelassen hat und an die jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasst hat, um vielleicht 1.000 Jahre später aufgrund meist klimatischer Gründe wieder weiterzuziehen und sich an einem anderen Ort niederzulassen. – Lange vor der Zeit, in der Länder Namen bekamen und politische Grenzen gezogen wurden.

Kulturformen als solches sind daher ebenso wie Völker oder Volksgruppen alles andere als etwas „Homogenes“. Und Kulturformen haben sich als Folge von Sesshaftigkeit und wachsendem Wohlstand hier so, dort anders aus bestimmten Gründen etabliert, ausgeformt und weiterentwickelt.

Obwohl Migration demnach so alt ist wie die Menschheit selbst, sind heute Migration und Integration mehr denn je Themen in der öffentlichen Diskussion. – Bildungsprozesse, die Offenheit, Toleranz und Verständnis fördern, die Vielfalt als Bereicherung begreifen lassen, sind gefragt.

Integratives Gemeinschaftsprojekt

Das Theater Augsburg und das Landestheater Schwaben leisten dazu einen Beitrag. Das integrative Gemeinschaftsprojekt wird durch die theaterpädagogischen Abteilungen beider Häuser betreut und richtet sich an Schulen mit einem hohen Anteil an Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund im gesamten Bezirk.

Vergangene Woche stellten Kathrin Mädler, Intendantin am Landestheater Schwaben, Claudia Schilling, Theaterpädagogin am Landestheater Schwaben, Nicoletta Kindermann und Imme Heiligendorff, Theaterpädagoginnen am Theater Augsburg, das Migrationsprojekt im Beisein von Alfons Weber, Bezirkstagsvizepräsident des Bezirks Schwaben vor.

Bildungsauftrag und Theaterpädagogik

„Neben den Aufgaben des Bezirkes Schwaben im sozialen Bereich engagiert sich der Bezirk für Kulturarbeit und ist sehr daran interessiert, Theaterpädagogik zu fördern“, betonte Bezirkstagsvizepräsident Alfons Weber bei der Präsentation des Projektes.

„Als uns das Projekt letztes Jahr vorgestellt wurde, haben die Beteiligten einstimmig dafür gestimmt. Wir fördern das Projekt mit 17.000 Euro.
Wichtig war uns die Nachhaltigkeit des Projektes, was nicht nur die Dauer über drei Spielzeiten gewährleistet, sondern auch die langjährige Erfahrung in der Theaterpädagogik, die bei beiden beteiligten Theatern zweifellos vorhanden ist“, führte er dazu aus und ergänzte:

„Wir haben einen kulturellen Bildungsauftrag und Kooperationen dieser Art, gut koordiniert mit öffentlichen Stellen, tragen einen wichtigen Teil dazu bei.“

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse aufnehmen

„Als Theater sehen wir uns in der Pflicht, gesellschaftliche Veränderungsprozesse wahrzunehmen, zu begleiten und Gedankenanstöße zu geben“, erklärt es Intendantin Kathrin Mädler aus ihrer Sicht.

„Unsere Lebenswelt verändert sich, was eine Bereicherung sein kann, aber auch Ängste auslöst. Wir wollen die Chancen darin wahrnehmen. Wenn es um Tugenden wie Offenheit, Empathie und Kreativität geht, sehen wir als Theater unseren besonderen Auftrag, um mit Hilfe der Theaterpädagogik dazu beizutragen, dass die Gesellschaft `warm´ bleibt“, unterstreicht die Intendantin und bedankte sich dafür, dass der Bezirk diese wertvolle Arbeit unterstützt.

 

 

Ablauf des Projektes

Das Projekt erstreckt sich über eine Gesamtdauer von drei Spielzeiten.

In den Spielzeiten 2017/18 bis 2019/20 können vier Gruppen aus weiterführenden Schulen an theaterpädagogischen Intensivworkshops teilnehmen, in denen die Schülerinnen und Schüler ab einem Alter von 14 Jahren Aspekte von interkulturellem Zusammenleben, Integration und Migration erkunden.

Bei einem Abschlusswochenende, das auch dem Austausch und Kennenlernen aller Gruppen dient, werden die Ergebnisse präsentiert.

Ob diese Präsentation öffentlich sein wird, oder ob das Projekt in erster Linie eine Erfahrung der teilnehmenden Schüler sein wird, behalten sich die beteiligten Theaterpädagoginnen noch vor:

„Wenn die Schüler selbst eine öffentliche Aufführung draus machen wollen, werden wir das natürlich unterstützen, aber wir werden die Schüler nicht dazu drängen“, erklärt Claudia Schilling, Theaterpädagogin am Landestheater Schwaben. „Wichtig ist uns die Auseinandersetzung mit den Themen.“

Inhaltliche Themen

Die drei großen Themen Herkunft, Globalisierung und Religion werden dabei inhaltlich in den drei Spielzeiten die Hauptrolle spielen.

In welcher Verbindung steht die Herkunft mit Begriffen wie Heimat? Welchen Stellenwert nimmt Kultur dabei ein und was bedeuten diese Begriffe überhaupt aus unterschiedlichen Perspektiven?

Das Thema Globalisierung wird beleuchtet und hinterfragt, wie auch Chancen, Risiken und der Stellenwert von globaler Vernetzung thematisiert.

„Religion ist gerade in Augsburg ein großes Thema, denn gerade hier gibt es eine große Vielfalt an Religionen, die gelebt und ausgeübt werden“, erläutert Theaterpädagogin am Theater Augsburg, Nicoletta Kindermann, zu den inhaltlichen Fragen des Projektes.

Jede der vier Gruppen entwickelt innerhalb eines zweiwöchigen Projekts ein eigenes szenisches Projekt. Das Thema HERKUNFT wird in der Spielzeit 2017/18 behandelt, das Thema GLOBALISIERUNG UND NETZ im Rahmen der Spielzeit 2018/19 und das Thema RELIGION steht 2019/20 auf dem Plan.

Entstehung der „Stücke“

Imme Heiligendorff, ebenfalls Theaterpädagogin am Theater Augsburg, erklärte dazu das „Wie“: „Es werden keine Stücke vorgegeben, sondern jede Gruppe setzt sich jeweils auf ihre Art mit den Themen auseinander. Wir Theaterpädagoginnen übernehmen dabei eine Art Mentorfunktion als „Spielleiterinnen“, die Gedanken anregen und Szenen erarbeiten.“

Für Theaterpädagogin am Landestheater Claudia Schilling ist das zudem eine tolle Möglichkeit, auch die Unterschiede zwischen dem Stellenwert der einzelnen Themen in einer größeren bzw. einer kleineren Stadt wie Memmingen zu entdecken und jeweils über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Zielgruppe

Je Spielzeit wird mit vier weiterführenden Schulen mit hohem Migrationsanteil gearbeitet. In Memmingen wird es das Staatliche kaufmännische Berufsbildungszentrum Jakob Küner (Wirtschaftsschule Memmingen, Mittelschule) sein und die Lindenschule Memmingen (Mittelschule), die beiden Augsburger Schulen sind die Hans-Adlhoch-Mittelschule Augsburg-Pfersee und die Pfarrer-Kneipp-Mittelschule Bad Wörishofen.

An jeder Schule findet jeweils ein zweiwöchiges Theaterprojekt statt, in dem gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ein szenisches Projekt zu einem vorgegebenen Thema entwickelt wird.

Die Gruppen können sich z.B. aus Schülern der Nachmittagsbetreuung zusammensetzen, aus einem Klassenverband o.ä. Jede Gruppe wird von einer externen Spielleitung gemeinsam mit einer Lehrkraft betreut.

Um sich mit der Kunstform und der kulturellen Institution Theater auseinander zu setzen, soll jede Klasse zudem eine Theatervorstellung an dem Theater, das mit ihr zusammenarbeitet, besuchen und eine Theaterführung, eine stückbezogene Einführung oder einen Workshop erhalten.

Theaterpädagogische Arbeitsweise

Im Sinne einer prozessorientierten, ergebnisoffenen theaterpädagogischen Arbeitsweise, welche die jeweilige Gruppenstruktur, Erfordernisse und Möglichkeiten der teilnehmenden Jugendlichen und deren Lebenswirklichkeit berücksichtigt, soll das Thema der Projektarbeit möglichst weit gefasst bleiben.

Die Spielleitung entscheidet, mit welchen theaterpädagogischen Methoden und Mitteln sie einen Zugang zu dem Thema gemeinsam mit den Jugendlichen findet und wie die Ergebnisse künstlerisch in einem szenischen Projekt umgesetzt werden. Die Arbeitsweise folgt theaterpädagogischen Grundsätzen und richtet den Fokus auf jene Methoden und Mittel, die das Generieren von Material aus der Lebenswelt der Jugendlichen ermöglichen.

Es kann mit Elementen des Tanz- und Bewegungstheaters gearbeitet werden, ebenso wie mit Material- und Objekttheater, Figurentheater und/oder Formen des Sprech- und/oder Musiktheaters. Auch performative Ansätze sind denkbar. Eine Vielfalt der künstlerischen Mittel wird angestrebt.

Projektabschluss

Am Ende einer jeden Spielzeit steht ein gemeinsames Abschlusstreffen der vier Gruppen. Ziele des Treffens sind das gegenseitige Kennenlernen und der künstlerische Dialog sowohl über den gemeinsamen Vorstellungsbesuch im ausrichtenden Theater als auch über die eigenen Projekte, die sich die Gruppen gegenseitig in einer Werkschau präsentieren.

Mit der Werkschau jeder Projektgruppe findet die prozessorientierte Arbeit einen künstlerisch-ästhetischen Abschluss, der den TeilnehmerInnen ein Erfolgserlebnis beschert und ihnen gleichzeitig Basis für die eigene Reflexion bietet.

Fotos:
Bild 1 und Titelbild: (v. li.): Claudia Schilling, Theaterpädagogin am Landestheater Schwaben, Kathrin Mädler, Intendantin am Landestheater Schwaben, Alfons Weber, Bezirkstagsvizepräsident des Bezirks Schwaben, Nicoletta Kindermann und Imme Heiligendorff, Theaterpädagoginnen am Theater Augsburg, stellen das „Migrationsprojekt Schwaben“ vor.

Fotos aus eigener Quelle (Christine Hassler).

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