NEBEL IM AUGUST – Die schaurige Geschichte eines Euthanasieopfers und was wir daraus lernen können

20. März 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

NEBEL IM AUGUST geht nicht nur unter die Haut, sondern gibt einen erschreckenden Einblick in die dunkelsten Ecken unseres Menschseins. Und das obwohl, oder vielleicht gerade weil die Uraufführung am Landestheater Schwaben von NEBEL IM AUGUST (DER FALL ERNST LOSSA VOR GERICHT) von John von Düffel ein Dokumentarstück ist, das mit authentischen Aussagen arbeitet. Und mit profillosen grauen Gestalten, die das Verbergen eigener Verantwortung in der großen grauen Masse perfekt reflektieren.

Für diese Uraufführung verarbeitete der preisgekrönte Dramatiker John von Düffel umfassende Recherchen des Journalisten Robert Domes und Teile dessen gleichnamigen berührenden Jugendromans.

Personifiziert durch die Schauspieler Elisabeth Hütter, Reginal Vogel, Georg Grohmann, Jan Arne Looss, Jens Schnarre und André Stuchlik erzählt NEBEL IM AUGUST in einer Montage einst vergessener Prozessakten, Zeugenaussagen und Berichte von dem wenig beachteten Euthanasie-Kapitel während des Nationalsozialismus.

Exemplarisch wird dabei ein einzelnes vieler tausend Menschenschicksale allein durch den Prozess der an seiner Ermordung beteiligten Personen der psychiatrischen Anstalten in Markt Indersdorf, Kaufbeuren und Irsee beleuchtet: das des jenischen Jungen Ernst Lossa.

„Unwertes Leben“

Ernst Lossa geriet er in die grausame Maschinerie gegen „unwertes Leben“ des Nationalsozialismus und starb an einer tödlichen Injektion – „euthanasieren“ wurde der Akt genannt.

Eunthanasie – Ein Begriff, der in seiner ursprünglichen Bedeutung heute der „Sterbehilfe“ gleichkommt, im Nationalsozialismus jedoch missbraucht wurde für die systematischen Morde insbesondere an Menschen mit körperlich und/oder geistigen bzw. psychischen Beeinträchtigungen als Teil der sogenannten nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.

Ernst Lossa hatte jedoch aus Sicht des Nationalsozialismus einen anderen „Defekt“: er wurde grob als „Zigeunersohn“ abgestempelt und fiel zusammen mit schlichtweg alterskranken Menschen und Menschen mit körperlich und/oder geistigen bzw. psychischen Beeinträchtigungen einem menschlich völlig entfremdeten System zum Opfer.

Graue Gestalten

Die Schauspieler schlüpfen als grau-in-grau gekleidete Gestalten bei der Inszenierung von Intendantin Kathrin Mädler in diesem uraufgeführten Dokumentarstück in die Rollen beteiligter Angeklagter vor Gericht, in die des Richters oder eines Erzählers. Doch ist es nicht die klassische Gerichtsaal-Situation, der wir hier begenen, sondern vielmehr ein offener, kahler Raum, in dem die Figuren alle gleich aussehen und sich die Angeklagten äußerlich nicht vom Ankläger unterscheiden.

Untermalt wird die kalte Athmosphäre durch merkwürdige Formationen, die die Figuren gelegentlich bilden und an Militär aber auch an Positionierung denken lassen, sowie bewegenden Gesangparts der grauen Darsteller. In einem Zwiegespräch von richterlichen Fragen und Antworten der Angeklagten lassen die Aussagen und Antworten ebenso erschauern wie das nationalsozialisische Vokabular der Aussagenden.

Nur sehr flüchtig und sehr kurz machen wir als Zuschauer Bekanntschaft mit Ernst Lossa selbst, in dessen Rolle Georg Grohmann schlüpft – das Augenmerk liegt etwas weniger auf ihm, sondern mehr auf den unglaublichen Aussagen und Fakten, den erschreckenden Rechtfertigungen und dem unfassbaren Abwälzen von Verantwortung und damit einhergehenden blinden Gehorsam gegenüber einer selbsternannten Instanz, die sich anmaßte, zu entscheiden, welches Leben „wert“ und welches Leben „unwert“ ist.

„Hilfe zur Vernichtung `unwerten´ Lebens“,

„von ihren `Qualen´ erlösen“,

„Gnadentod“, als „Hilfe“ und aus „Mitleid“,

„Nützlichkeitserwägungen“,

„Arbeitende Kranke“ – „Nicht arbeitende Kranke“,

„Erbpflege“, „Rassenpflege“, „Ausscheidungsbedürftige“…

Methodik der Euthanasie

Ebenso erschreckend berührt die ausgeklügelte Methodik, mit welchem die gezielte Ermordung dieser durch das Raster der „Reinheit“ gefallenen Menschen durchgeführt wurde und auch darüber erfahren wir in diesem Stück:

In „Aktion 1“ wurden etwa Menschen aus Pflegeanstalten in sog. „Krankentransporten“ abgeholt, um durch „dezentrale Vollstreckung“ nie mehr wiederzukehren.

„Waren das schwerkranke Menschen?“ fragt die Stimme des Richters. „Sie haben nicht vor ihrem Tod gestanden“, antwortet eine andere Stimme zögernd. „Es waren auch `Nicht-Ausscheidungsbedürftige´ dabei, Alterskranke und Arteriosklerotiker“, erinnert sich die Stimme.

„Aber ich konnte ja nichts dagegen tun!“ – „Haben Sie es versucht?“ fragt der Richter…

Systematische Unterverpflegung in Form von „E-Kost“ für `nicht arbeitende Kranke´, die die meist so wie so geschwächten Menschen mit einer Kost ohne jegliches Fett und Mehl systematisch aushungerte kam als weitere Methode zum Vorschein – „Gebt ihnen Spritzen, dann brauchen sie nichts mehr!“, sagt da eine Stimme und mir schauert.

In „Aktion 2“ ging es um Kinder. In „Kinderfachabteilungen“ mussten Kinder mit Störungen gemeldet werden. Zuerst wurden Eltern und Angehörige davon überzeugt, dass ihre Kinder besser in einem Heim aufgehoben sind, um sie dann in den Heimen durch „Gnadentod“ von ihren „Qualen“ zu „erlösen“. Dafür wurden Tabletten ausgeteilt oder Luminal in ihr Getränk gemischt…

„Man erlöst jedes Tier, von dem man nichts mehr erwartet“

„Der `Reichsausschuss´ bestimmte den Tod dieser Kinder. Sie gaben die `Freigabe zur Tötung´“, erklärt eine emotionslose Stimme.

Denn später machte man sich nicht mehr die Mühe, die Menschen in „Krankentransporten“ abzuholen, sondern euthanasierte sie direkt in den Heimen, erfahren wir peu a peu in den Zwiegesprächen. Heime, die ursprünglich Heil- und Pflegeanstalten waren mit Ärzten, die heilen wollten und gläubigen Schwestern, die den Kranken und Schwachen Lebensmittel zuschoben.

„Es kam ein Gesetz aus Berlin.“

„Wussten Sie, dass diese Menschen euthanasiert wurden?“ – „Es schien mir `menschlicher´, sie zu beseitigen.“

„Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan.“

„Man erlöst jedes Tier, von dem man nichts mehr erwartet“…

 „Ich hoffe, mein Bub ist gesund“

Ernst Lossa war 10 Jahre alt und kerngesund. „Unerziehbar und schwerer asozialer Psychopat“, stand in den Akten des Jungen mit jenischer Herkunft. – „Er war klug, gutmütig und vernunftbegabt“, erzählt „Leichen-Fritz“, der die Toten sezierte und mit dem sich Ernst Lossa anfreundete.

Als Ernst Lossas Vater seinem Sohn aus Dachau schrieb und sich nach dem Wohlergehen seines Sohnes im Pflegeheim erkundigte, ahnte „Leichen-Fritz“, was bald kommen würde.

Als der aufgeweckte Junge das Luminal in seinem Getränk merkte und ausspuckte, entschied sich das Heimpersonal – wer genau bleibt ungeklärt, denn „Ich kann mich nicht erinnern“ – die Spritze zu „Hilfe“ zu nehmen. Genauer gesagt zwei, denn „schließlich war der Bub gesund“…

„Gerade die Menschen, die nicht funktionieren bringen uns zum Nachdenken“

„Ernst wollte akzeptiert und geliebt werden, so wie er ist. Das hat er nicht nur mit allen Kindern gemeinsam, sondern mit jedem von uns“, so Robert Domes in seiner Romanbiografie.

„So hat die Geschichte von Ernst Lossa eine Bedeutung auch und gerade für unsere heutige Gesellschaft: Menschen nicht nach ihrem Nutzen und ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Denn gerade Menschen, die nicht funktionieren, die Unpassenden, die Behinderten und Außenseiter, bringen uns zum Nachdenken über die Grundwerte unseres Daseins. Sie machen unser Leben reicher, bunter und menschlicher“. (Robert Domes, Journalist und Autor der Romanbiografie NEBEL IM AUGUST)

Fotos:
Fotocredit: © Forster.

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