Harry die Ehre!

22. März 2018 von Christine Hassler - 2 Comments

Für rund 900 überwiegend junge Besucher in einer rappelvollen Memminger Stadthalle endete der Abend mit Harry G entweder mit Lachtränen und verschmierter Schminke, oder mit der Diskussion, ob sein messerscharfer Humor nicht bereits grenzwertig ist. Meine Theorie: beide Gruppen von Menschen sind genau seine Zielgruppe. Allerdings in entgegengesetztem Sinne.

Comedy oder Kabarett? Harry G ist schwer eindeutig zuzuordnen, aber das ist für Markus Stoll – heute bekannt als Harry G – nicht nur kein Problem, sondern Teil des Programms. Er will sich nämlich gar nicht einordnen und schon gar nicht in das Rudelverhalten seiner Artgenossen, die keinem seiner messerscharfen Kommentare zu entgehen vermögen und auch nicht ihrem eigenen Spiegelbild, das Harry G ihnen gerne und grinsend vorhält.

Harry G – Ein beobachtender Wanderer zwischen den Welten

Besonders bemerkenswert ist unter anderem die Wahrnehmungsgabe dieses Senkrechtstarters, der in Regensburg aufwuchs, die Wochenenden aber am Schliersee verbrachte und später Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck studierte, wo er weder Tourist noch einheimischer Tiroler war und als Außenstehender beide Seiten und deren Eigenheiten nicht ohne Humor studieren konnte.

Im Anschluss zunächst im Controlling eines Investmentfonds tätig, gründete er schließlich ein eigenes Social-Media Marketing-Unternehmen und begann erste humoristische Videoclips zu drehen und diese auf YouTube zu veröffentlichen.

Als er 2013 ein kurzes, grantelndes YouTube-Video in bayerischem Dialekt und mit Hut auf dem Kopf über die Oktoberfest-Wiesn und ihre typischen Besucher veröffentlichte, wurde das ein ebenso überraschender wie überwältigender Erfolg und Harry G in den folgenden Jahren zu einer bayerischen Kultfigur.

Heute tritt er auf die Bühne und zieht nicht nur einfach seine Nummer durch, sondern nimmt auch hier sein Umfeld wahr: Er stellt Zuschauern flapsig hingeworfene, zufällig wirkende Fragen und baut deren – in Memmingen zugegeben spärlichen und kurzen – Antworten an anderer Stelle gekonnt wieder ein, nimmt – in Memmingen vermehrt – Geräusche im Publikum wahr und verarbeitet auch diese urkomisch in seiner Show.

Gleich zu Beginn spricht er etwa den jungen Mann in der ersten Reihe an, der Manuel heißt, wie wir erfahren, Wasser trinkt und aus dem schönen Sonthofen kommt. Schön im Gegensatz zu Duisburg etwa, wo er vor kurzem auftrat – „dem Mordor des Ruhrgebietes, in dem heute 12.500 Bayern leben.“ In München gebe es dafür keine Einheimischen mehr: „Wenn Du heute mit `Servus´ grüßt, rufen sie gleich die Polizei!“

Bayern als solches

Denn eines der wenigen Dinge, zu denen sich der Wahlmünchner Harry G offen bekennt, ist Bayer zu sein. Allerdings eben nicht der Bayer, der nicht mehr `Servus´ sagen kann und sich statt dessen mit Küsschen rechts, Küsschen links begrüßt, „was meist in einer unglücklichen Karambolage endet, weil man nie weiß, ob zuerst rechts oder links“.

„Aber wie ist denn das Image der Bayern eigentlich?“, fragt er. „Der Bayer ist gemütlich“, stellt er fest. „Er ist gemütlich, weil er es sich leisten kann. Weil er ein ausgewogenes Verhältnis hat zu Zeit, Bier und Geld.“

„Die Steigerung von gemütlich – wissts ihr wos des is?“ fragt er ins Publikum. „`Griabig´“ sagen ein paar Stimmen aus dem Publikum. „Genau. `Griabig´ ist praktisch das bayerische Nirwana“. Überhaupt habe das Bayerische Lebensgefühl etwas vom Buddhismus: „Mit erer Wampe rumhocken und blöd daherreden.“

Seine treffenden Alltagsbeobachtungen, sein bissiger Humor und vor allem sein bayerischer Grant produzieren heute im Netz über 100 Millionen Clicks, auf Facebook hat er 440.000 Fans. Als Kind der Zeit sind daher Facebook, WhatsApp-Gruppen und das Smartphone großes Thema bei Harry G neben Bayern als solches und München als anderes – als eine Stadt nämlich, in der die Berufsverkehr-Radfahrer heute neben holländischen Radfahrern mit Campinganhängern an der Isar im Stau stehen, und die Männer am Sonntag nicht mehr zum Bierschoppen, sondern zum hippen Brunchen gehen.

Facebook, WhatsApp, Smartphone und Partnerseiten

„Ist jemand nicht auf Facebook?“, fragt er in den Saal. Nach einigem Zögern meldet sich jemand aus dem Publikum – vielleicht hätte ihm vorher jemand sagen sollen, dass die Allgäuer nicht besonders redselig sind, denn wenn er morgen in Hamburg auftritt, wäre es wahrscheinlich, dass er dort erzählt, dass die griabigen Münchner „Wellensittiche auf Extasy“ sind im Vergleich zu den Allgäuern…

Vom Thema Facebook geht es zu schicksalhaften Verwechslungen von WhatsApp-Gruppen, von denen es mittlerweile mehr gebe als Menschen, weiter zu Smartphones und „Pocket-calls“, von denen er viele mit der Tasche seiner Mutter führe, seit er ihr ein Smartphone zu Weihnachten geschenkt habe.

Von dort geht Harry Gs Reise weiter zur Partnersuche über Elite-Partner und Tinder, letzteres „das RTL 2 der Partnersuche“, „das Pokémon der Partnervermittlung, nur mit echten Monstern“.

Inputs aus dem Publikum

Als er bei der Frage ankam, warum Frauen joggen, antwortet Susi in der ersten Reihe auf seine direkte Frage an sie „weil´s Spaß macht“ – ein Satz, den er im weiteren Verlauf des Abends oft und vielfältig verwendet und urkomisch kombiniert, ebenso wie Geräusche, wie etwa ein „Yeah“, das öfters unkoordiniert aus den hinteren Reihen zu vernehmen war und Harry G treffsicher kommentierte.

Oder etwa das Geräusch des Schnäuzens eines Zuschauers, das prompt in dem Moment zu hören war, als Harry G beim Thema Veganer angelangte und sich ausmalte, wie wohl ein 1860-Fußballabend unter Freunden abliefe, nachdem sie vorher Spinat und Böhnchen aßen…

Sicher ist, dass ein Live-Erlebnis mit Harry G bei jedem Mal anders und einzigartig ist.

Und, dass die Antwort auf die Frage, wann man endlich aufhören könne, all die „Scheiß-Trends“ mitzumachen, damit endlich „Schluss ist mit cool“, allein eines sei: alt werden. Doch bis dahin hat der 38-jährige Harry G noch viel Zeit und sein Publikum sicher noch viel herzhaft zu lachen, ohne dabei allzuviel denken oder wissen zu müssen.

Fotos:
aus eigener Quelle (Christine Hassler)

2 Antworten zu “Harry die Ehre!”

  1. Was für ein vorzüglicher Artikel über den umstrittenen komödiantischen Grantler Harry G., liebe Christine! Wirklich vom Allerallerfeinsten! Er stellt alles in den Schatten, was im Netz über den Kerl
    zu finden ist. Ich schlage Dir, dass Du ihn auf Deinen Text mit den famosen Bildern aufmerksam machst. Dann weiß er ganz bestimmt, was er auf die Startseite seiner Homepage zu stellen hat…

    Mit bestem Gruß aus Altusried
    Horst

    • Wow! So viel des Lobes, da laufe ich ja gleich rötlich an, was zum Glück niemand sieht! 😀 Besten Dank auch lieber Horst, wir versuchen alle nur unser Bestes zu geben. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.