Fachtagung am Landestheater Schwaben

16. April 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Eine Premiere ganz anderer Natur feierte das Landestheater Schwaben am vergangenen Wochenende: Zusammen mit der Universität Hildesheim richtete das Landestheater Schwaben in Memmingen eine Theater-Fachtagung aus, die sich mit der (Weiter-) Entwicklung der Theaterlandschaft außerhalb der Metropolen beschäftigte.

Unter dem Titel „Künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe als Programm? Perspektiven für Theater in der Provinz“ haben sich Vertreter weiterer Landestheater, des Deutschen Bühnenvereins, von Ministerien für Wissenschaft und Kunst, regionaler Kulturforen und Kulturgemeinschaften sowie freier Theater und Theatervermittlungen erstmals zusammengefunden, um sich über dieses Thema auszutauschen.

Auf Initiative von Silvia Stolz, Dramaturgin, Leiterin Kommunikation am Landestheater Schwaben und Doktorandin am Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim fand diese erste Fachtagung dieser Natur in Memmingen statt. Thematisch drehte sich die Konferenz um die Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Aufgabe.

Provinz?

Scherzhaft betonte Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder bei seinen Grußworten, Memmingen sehe sich jedoch nicht als Provinz, sondern vielmehr als Mittelpunt Europas – zumindest geografisch treffe das sogar tatsächlich annähernd zu. Er zeigte sich „froh und dankbar“, das Landestheater Schwaben, so wie es sich präsentiere, am Standort und gleichzeitig Oberzentrum Memmingen zu haben und wies auf die große kulturpolitische Rolle des Landestheaters hin, das durch eine heute sogar angestiegene Zahl an Gastspielen im gesamten Regierungsbezirk Schwaben, die ländlichen Bühnen mit seinem anspruchsvollen Programm bespiele.

Dass „Provinz“ jedoch ein wertneutraler Begriff ist, damit räumte Michael Grill, Beauftragter des Vorstandes des Bundes der Theatergemeinschaften e.V. während der Eröffnungsansprachen der Partner dieser Konferenz auf. Auch oder gerade „außerhalb der Metropolen“ gelte es, Bildung und Kultur zu fördern. Neben dieser sei es die Aufgabe seines Vereines mit seinen 40 Außenstellen, zwischen Publikum und Theater zu vermitteln.

„Künstlerische Vielfalt ist Völkerrecht. Kulturelle Teilhabe ist Menschenrecht“

Zuvor rückte Prof. Dr. Wolfgang Schneider den Stellenwert von künstlerischer Vielfalt und kultureller Teilhabe ins richtige Licht: „Künstlerische Vielfalt ist Völkerrecht. Kulturelle Teilhabe ist Menschenrecht und Premisse der Vereinten Nationen“.

Theater in der Provinz sei ein Auftrag der Kulturpolitik – Theater sei für alle da und die Menschen haben ein Recht auf den Zugang zu Theaterbühnen.

Insofern seien Stadt-, Landes-, Tournee- und freie Theater als zusammengehörig zu sehen.

 

„In Memmingen möge der Anfang gemacht werden, um Theater auch in ländlichen Gebieten zur konzertierten Einrichtung zu machen“, wünschte sich der Direktor für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Inhaber des UNESCO-Chair in „Cultural Policy for the Arts in Development“, Mitglied des Internationalen TheaterInstituts und Vorsitzender des Fonds Darstellende Künste, um nur einige seiner zahlreichen Positionen zu nennen.

Ohne Landestheater kein Zugang für viele Menschen

Wie viele Menschen jenseits der Metropolen keinen Zugang zum anspruchsvollen Theater städtischer Bühnen hätten, ohne ihr Engagement und ohne Gastspiele der Landestheater, darüber klärte Bernward Tuchmann, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e.V. (INTHEGA) auf: 12 – 15 Mio Menschen in Deutschland wären davon betroffen.

Intendantin des Landestheater Schwaben in Memmingen Dr. Kathrin Mädler präzisierte indes die wichtige Aufgabe des Theaters: Gerade in Zeiten der Verunsicherung und des Wandels leiste das zeitgenössische Theater einen sehr wichtigen Beitrag zur Verständigung und dem Erhalt von Empathie, durch die Möglichkeit, andere Perspektiven einzunehmen, sich in die Gefühlswelt von Charakteren hineinzuversetzen und Gedankenanstöße mitzunehmen, die zeitgenössisches Theater anrege.

Der in Memmingen geborene Thomas Schwarzer, Referent und Pressesprecher beim Deutschen Bühnenverein, Landesverband Bayern, lobte die Initiative der Doktorandin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Memmingens aktueller Dramaturgin Silvia Stolz, die Vertreter vieler verschiedener Ebenen der Theaterarbeit in einem Dialog zusammenzubringen.

Die deutsche Theaterlandschaft ist einzigartig

Bereits heute ist die deutsche Theaterlandschaft bemerkenswert und einzigartig: Ein vielfältiges Angebot der Darstellenden Künste wird durch Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen als öffentlich getragene Kulturbetriebe ebenso wie durch die zahlreichen Freien Theater und privaten Theaterunternehmen gewährleistet.

Wenn über die Situation, die Probleme und Möglichkeiten von Theatern und Theaterstrukturen gesprochen wird, konzentriert sich die öffentliche Diskussion jedoch oft auf die urbanen Zentren.

Doch gerade das Theater in der Fläche, die Formen Darstellender Kunst in den ländlichen Räumen, Landesbühnen, Tourneetheater, Freie Ensembles – verschiedene Akteure gewährleisten zusammen mit den Bespieltheatern eine flächendeckende Verteilung von Theater und stehen im kulturpolitischen Auftrag, Teilhabechancen zu ermöglichen.

Darüber hinaus ist auch das Amateurtheater wie auch Mundartfestivals fester Bestandteil der ländlichen Kulturlandschaft und gerade Freilichtbühnen erfreuen sich immer mehr Zulauf.

Die deutsche Theaterlandschaft wurde deshalb 2014 in die (nationale) Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen, worum uns viele andere Länder beneiden, betonte Jürgen Peter, Vizepräsident des Bund deutscher Amateurtheater.

Fruchtbarer Austausch

Wie fruchtbar dabei der Austausch sein kann etwa zwischen Amateurtheatern und Stadttheatern führte Beate Kegler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim, in einem Impulsvortrag aus:

Amateurtheater zeichneten sich vor allem durch große Nähe zum Publikum aus, durch Selbstgestaltung und Community-Bildung. Darin seien große Theater oft weniger gut und könnten in Sachen Soziokultur vieles von den Amateurtheatern lernen.

Andererseits gingen innovative Projekte meist vom Gürtel um Metropolen aus. Durch zahlreiche Beispiele veranschaulichte sie, wie vielfältig und ideenreich nichtsdestotrotz auch Amateurtheater sein kann, welches sich, auch aufgrund der mangelnden medialen Aufbereitung, jedoch meist im Schatten der „Leuchttürme“ entfaltete.

Ziel der Konferenz

Diese erste Konferenz dieser Art sollte vor allem dazu dienen, einen konzentrierten Blick auf den ländlichen Raum in unserer Theaterlandschaft zu werfen sowie zentrale Fragen nach den Akteuren, den Aufgaben aber auch den Herausforderungen und Potentialen in den Fokus zu rücken.

Zentrale Fragen waren dabei: Wie prägen Theateranbieter und Theaterveranstalter das Programm? Wie erreichen Landesbühnen und Bespieltheater ein Publikum? Welche Projekte ermöglichen die Teilhabe an der Theaterlandschaft? Welche kulturpolitischen Aufträge wären neu zu definieren?

Unterstützt wurde die Fachtagung durch den deutschen Bühnenverein, die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen, den Bund der Theatergemeinden, den Bundesverband Freie Darstellende Künste und den Bund Deutscher Amateurtheater.

Tagesleitung und Referenten

Die Tagesleitung führten:
Katharina Schröck, Fachbereichsleiterin Darstellende Kunst und Kulturelle Bildung im Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, Doktorandin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim,
Silvia Stolz, Leiterin Kommunikation und Dramaturgin am Landestheater Schwaben in Memmingen, Doktorandin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und
Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim.

Impulsreferate zum Thema hielten:
Beate Kegler (Universität Hildesheim),
Dr. Thomas Renz (Kulturring Peine),
Jens-Erwin Siemssen, (…),
Dr. Kathrin Mädler (Landestheater Schwaben),
Christian Kreppel (Theater Schweinfurt),
Iris von Zastrow (a.gon, München),
Reinhard Simon (Uckermärkische Bühnen Schwedt),
Naemi Keuler (Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg, Stuttgart),
Hansjörg Malonek (Haus der Kultur, Waldkraiburg),
Thorsten Weckherlin (Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen),
Micha Kranixfeld (Syndikat Gefährliche Liebschaften),
Michael Grill (Bund der Theatergemeinden),
Sibylle Broll-Pape (ETA Hoffmann-Theater, Bamberg),
Anna Scherer (Burghofbühne Dinslaken), Katharina Schröck (…),
Silvia Stolz und Prof. Dr. Wolfgang Schneider,
Werner Müller (Stadttheater Fürth),
Olaf Strieb (Landesbühne Niedersachsen Nord, Wilhelmshaven),
Anna Eitzeroth (ASSITEJ, Frankfurt am Main) und
Ulrike Seybold (Landesverband Freier Theater Niedersachsen, Hannover).

Fotos:
aus eigener Quelle (Christine Hassler)

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