Schönheit: Segen oder Fluch? Oder sehr viel mehr als das?

15. Mai 2018 von Christine Hassler - Keine Kommentare

HELENA, welches am Landestheater Schwaben am vergangenen Freitag Premiere feierte, ist das Sinnbild von Schönheit, eine antike Tragödie und gleichzeitig eine sehr heutig wirkende Einladung, hinter die Kulissen zu sehen, zu differenzieren zwischen Sein und Schein und unumstößlich scheinendes ebenso in Frage zu stellen wie die Sinnhaftigkeit von Kriegen. Womit HELENA in mehr als zweitausend Jahren nichts an Aktualität verloren hat.

Vor den Wänden eines schlichten, in dunklem Grau gehaltenen Bühnenbildes, dessen Wände nur im oberen Bereich ein schmales, verhangenes Fenster zeigen, begegnen wir nicht einer strahlenden Schönheit in gleißendem Licht, sondern eine Helena, die leidet.

Doch woran mag wohl „Die schöne Helena“ leiden, der nachgesagt wird, die schönste Frau der Welt zu sein? Heute vor allem ein äußerliches Gut, welches es zu erhalten gilt – koste es, was es wolle – trägt Schönheit jedoch auch innere Werte, die in all dem äußeren Bemühen darum nur allzu leicht in den Hintergrund treten.

Schon im alten Griechenland gab es zwei Versionen, in denen die Geschichte der schönen Helena erzählt wurde, nämlich eine, die einem äußeren Ansatz folgte und weitere, wie die des Euripides, die einem inneren Ansatz folgten, um das Wesen der HELENA zu verstehen:

Homers „äußere Variante“

Homer beschreibt jenen mythologischen Vorgang, in dem drei Göttinnen in Streit geraten und Aphrodite den schönen, wenngleich verstoßenen Königssohn Trojas, Paris, dazu anstiften, die Frau des Königs Menelaos von Sparta zu rauben, die als die schönste Frau der Welt galt: Helena. Paris fuhr demnach nach Griechenland, entführte Helena mit ihrem Einverständnis und brachte sie nach Troja, worüber der Trojanische Krieg ausgebrach. Nachdem die Griechen Troja belagert und erobert hatten, brachte Menelaos seine Frau Helena wieder zurück nach Sparta.

Euripides „innere Version“

Dabei begann in beiden „Geschichten“ alles mit Eitelkeit, Streit, Intrigen und Habsucht, was letztlich in Blutvergießen und den Trojanischen Krieg mündete:

Die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite waren zusammen mit den übrigen olympischen Göttern zur Hochzeit eines menschlichen Helden mit einer Göttin eingeladen. Eris, die Göttin der Zwietracht, war als einzige Göttin nicht eingeladen. Daraufhin warf sie einen goldenen Apfel mit der Inschrift („Für die Schönste“) in die Runde und löste damit einen Streit zwischen den drei Göttinnen aus, von denen jede den Anspruch auf diesen Superlativ erhob.

Die drei baten Zeus, zu entscheiden, doch dieser winkte ab, nachdem er mit allen drei Göttinnen entweder verwandt oder verheiratet war. So beschloss er, dass ein anderer darüber entscheiden soll, nämlich der schöne, wenngleich verstoßene Königssohn Trojas, Paris.

Alle drei Göttinnen versuchten nun Paris zu bestechen, um den goldenen Apfel zu erhalten: Hera versprach politische Macht und Dominanz in Asien, Athene Weisheit und Kriegskunst und Aphrodite versprach ihm die schönste Frau auf Erden.

Diese war Helena und allerdings bereits die Frau des Königs Menelaos von Sparta. Paris gab dennoch dem Lockmittel von Aphrodite nach, womit er sich den Zorn der anderen beiden Göttinnen zuzog, welche nun versuchten, ihm zu schaden, wo sie konnten – und die Menschen taten das ihre.

Geschickter literarischer Eingriff von Euripides

Durch den geschickten, literarischen Eingriff von Euripides, der den Verlauf der Geschichte lange Zeit nach Homer kurzerhand umschrieb, lenkt er die Aufmerksamkeit weg von den „historisch anmutenden“, reinen Abläufen in der Mythologie und hin zu einem Blick auf innere Werte, stellt damit Dinge in Frage und setzt den „Mythos Helena“ in ein neues, sehr menschliches Licht:

Unter seiner Feder war Helena nicht einverstanden gewesen mit ihrer Entführung, Paris hat sie somit geraubt. Über dem Meer wurden seine Schiffe durch die Göttin Hera verschlagen, sodass Paris mit Helena in Ägypten landen musste, wo König Proteus herrschte.

Sie wurde nie Paris´ Frau und nachdem Proteus sie begehrte, schickte dieser Paris ohne sie fort, welcher somit nicht mit Helena, sondern mit einem Trugbild Helenas nach Troja fuhr, wo jedoch wegen der vermeintlichen Helena bzw. ihrer Entführung, der Trojanische Krieg ausbrach.

Somit sind nach Euripides die Griechen wegen eines Trugbildes in den Krieg gezogen, weil sie den Trojanern nicht glaubten, dass die wirkliche Helena gar nicht in Troja war.

Die Leiden und Qualen der schönen Helena

Helena, in der Inszenierung am Landestheater Schwaben von Robert Teufel, dramaturgisch aufbereitet von Silvia Stolz, eindrücklich verkörpert durch Claudia Frost, wird zum Opfer und Spielball von den Intrigen der Götter und anschließend der Menschen, wird ihrem geliebten Mann und ihrer Heimat entrissen, ist gefangen in einem fremden Land und wird Ursache für den verheerenden Krieg von Troja.

Eindrücklich lässt Helena das Publikum teilhaben an ihren inneren Zerwürfnissen und zeigt sich hier als eine reflektive, starke und zugleich mitfühlende, verletzliche Frau, eine Ausgestoßene, die mit den Jahren und der Einsamkeit kämpft.

Als eine Frau, die ihre Schönheit als Fluch empfindet, die das Leiden und Sterben von vielen Menschen im Krieg von Troja unschuldig verursachte und vergeblich von einer Rückkehr in die Heimat träumt, um zu erfahren, dass sie auch dort für all das Unheil verantwortlich gemacht und trotz ihrer Unschuld ihren Ruf verloren hat.

Als Frau klammert sie sich an die einzige Hoffnung, eines Tages zurück in die Arme ihres geliebten Mannes Menelaos (gespielt von Jens Schnarre) zu finden, dem sie auch körperlich trotz Paris und Proteus (gespielt von Sandro Šutalo) treu geblieben war, muss sich geschickt erwehren vor den Umwerbungen von Proteus, ohne jedoch zu wissen, ob ihr Mann überhaupt noch am Leben ist.

Unverhofft strandet Menelaos bei seiner Rückkehr aus Troja auf der ägyptischen Insel, doch die Annäherung der über Jahre entfremdeten Eheleute fällt schwer und fast scheint auch Helenas letzte Hoffnung zu schwinden.

Doch sie gibt nicht auf, zeigt einmal mehr ihre Stärke und schmiedet einen Fluchtplan…

HELENA ist eine antike Tragödie, doch gleichzeitig Beziehungsdrama und Farce und eine raffinierte Auseinandersetzung mit Schein und Sein – HELENA ist eine Einladung, hinter die Kulissen zu sehen, nachzuempfinden, anstatt zu urteilen und unumstößlich scheinendes zu hinterfragen.

So wird HELENA auch ein Kommentar zur bitteren Absurdität von Krieg und Vertreibung, hinterfragt die Gründe, die es rechtfertigen könnten, Kriege anzuzetteln, die Leid und Tod über Menschen bringen und ihrer Heimat berauben.

Nicht nur mit Blick auf die wiederauflodernden Konflikte im Nahen Osten scheint Euripides´ Tragödie in mehr als zweitausend Jahren nichts an Aktualität verloren zu haben, was Anlass dazu geben sollte, auch den Schein unseres äußeren menschlichen Fortschrittes nach dem Sein des inneren Fortschrittes zu befragen.

Fotos:
Fotocredit: © Forster.

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