2. Teil von „Das Gedächtnis der Insel“ – Christian Buder

29. März 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare
Das Gedächtnis der Insel-Christian Buder, Kolumne auf Memmingen-sind-wir.de, 14.03.2017

Leseprobe Kapitel 1, 2. Teil

»Wenn man das Gesetz der Wellen kennen würde,

dann würde man alles auf der Welt verstehen«, fuhr der

Matrose fort. »Wir leben jahrelang in dem Glauben,

dass das Regelmäßige uns umgibt und schützt. Als ob

das Leben eine gleichmäßige Dünung wäre, und dann

schaukelt sich etwas aus dem Gewohnten hervor. Und

von einem Augenblick auf den anderen wird aus einem

ganz normalen Leben ein Albtraum. Da überlegt jemand,

ob er sich einen roten Wagen kaufen soll oder

ob er heiratet oder nicht, und ein paar Stunden später

findet man seine Leiche im Wasser. Irgendetwas bricht

aus den gleichmäßigen Wellen heraus. Und mit einem

Mal türmt sich ein Wellenberg auf, eine schwarzgrüne

Wand. Niemand sieht das voraus. Ich bin mir sicher, dass

der Mann, der von der Fähre gesprungen ist, auch nicht

wusste, warum er sich umgebracht hat. Er war Arzt.«

»Woher wissen Sie, dass er auf der Fähre war?«

»Er stand auf unserer Passagierliste. Die Polizei sagt,

der Mann sei von der Fähre gesprungen und die Strö-

mung habe ihn in den Hafen der Insel geschwemmt.

Das Meer schluckt nicht jeden Toten.«

»Nichts bringt mich dazu, über Bord zu springen,

und keine Welle bekommt mich von Deck.«

Das Schiff sackte nach vorn in ein Wellental. Für

einen Moment sah Yann den weißen Schaum auf dem

schwarzen Wasser. Lichtreflexe von den Scheinwerfern.

Yann hielt sich am Geländer der Eisentreppe fest. So

stürmisch hatte er die See noch nie gesehen. Seine Mutter

und sein Vater, beide starben im Meer. Vor dreißig

Jahren sank das Segelboot, auf dem seine Mutter war,

und jetzt war sein Vater auch im Meer gestorben. Die

Wassermassen um die Fähre schienen ihm plötzlich

unendlich. In jeder Minute starben Lebewesen in diesem

Meer, andere wurden darin geboren. Seine Eltern

waren nicht mehr als ein sterbender Wal oder eine tote

Krabbe. Das Meer kümmerte sich nicht um die Toten.

Die Vorstellung von der Gleichgültigkeit des Meeres

beruhigte ihn.

Hatte sich sein Vater das Leben genommen? Warum

hatte man ihm nichts davon gesagt? Die Polizistin hatte

etwas von einem Unfall gesagt. Yann konnte sich einfach

nicht vorstellen, dass sein Vater sich das Leben genommen

hatte. Er musste an die Riesenwellen denken,

die aus dem Nichts kamen, alles zerstörten und ebenso

unheimlich wieder verschwanden, wie sie gekommen

waren.

Das Wasser hatte um diese Jahreszeit nicht einmal

acht Grad. Sein Vater hatte über die Jahre unzählige

Totenscheine ertrunkener Touristen und Fischer ausgestellt.

Nur die Fischer wussten, dass eine Wassertemperatur

von zehn oder zwölf Grad eine Todeszone war.

Wer über Bord ging, war tot. Surfer und Badetouristen

kannten die Gefahr nicht oder unterschätzten sie. Sie

starben durch die Kälte, bevor die Strömung sie erfasste.

Ein Erwachsener, erklärte ihm sein Vater, als er den Totenschein

eines Touristen aus Deutschland ausstellte,

schaffte es bei einer Wassertemperatur von zehn Grad

Celsius gerade einmal sechs Sekunden lang, die Luft

anzuhalten. Der Kältereiz auf der Haut ließ Herzfrequenz

und Blutdruck extrem ansteigen. Viele Menschen

starben schon beim Eintritt ins Wasser an Herzversagen.

Ohne Neoprenanzug und Tauchermaske hatte man im

kalten Atlantik zu dieser Jahreszeit keine Überlebenschance.

 

Der Matrose klammerte sich an die Befestigungsseile

der Rettungsbojen, die unter dem Treppenaufstieg

angebracht waren.

»Wenn das Schiff seitlich rollt«, rief er durch das

Getöse aufprallender Wassermassen, »dann ist dies ein

schlechtes Zeichen. Gleich wird der Kapitän mehr

Fahrt machen, um das Schiff zu stabilisieren.«

Yann hielt sich fest und beobachtete die zerfurchte

See. Der Matrose sagte, dass dies das Wetter der Selbstmörder

sei. »Besser, Sie gehen rein.« Der Regen peitschte

quer über das Deck. Der Leuchtturm der Insel kam

näher. Aus dem warmen Innenraum drangen Stimmen.

Der Matrose setzte sich neben ihn. Yann bot ihm eine

Zigarette an. Der Matrose zog mit zittrigen Fingern eine

Zigarette aus der Schachtel. Yann hielt ihm die Hände

so hin, dass der Wind die Flamme seines Feuerzeugs

nicht ausblies.

»Dies ist erst der Anfang des Sturms«, sagte der Matrose,

»es soll ein Jahrhundertsturm werden. Noch schlimmer

als der Sturm vor dreißig Jahren. Und wenn dann

noch ein Kaventsmann aus dem Sturm kommt.«

Yann drehte dem Meer den Rücken zu, damit der

Regen den Tabak seiner Zigarette nicht aufweichte. Vor

dreißig Jahren, einen Tag vor seinem achten Geburtstag,

hatte das Meer sich schwarz gefärbt. Er hatte es

selbst gesehen, als noch kein Wind ging und dunkle

Wolken wie ein flüssiges Gebirge vom Horizont aufstiegen.

Er erinnerte sich an den Regen, die Wellen,

die über die Hafenmauern brachen, und an den Wind.

Erst später sollte er erfahren, dass seine Mutter auf der

Segelyacht war, die Stunden nach dem Sturm vermisst

wurde.

»Wer geht schon bei diesem Hundswetter auf eine

Insel?«

»Wer zu einer Beerdigung muss.«

»Ich hoffe, Sie wollen nicht gleich zurück. Wenn Sie

Pech haben, dann sitzen Sie die ganze Woche fest.«

»Vielleicht zieht der Sturm vorbei.«

Der Matrose schüttelte den Kopf. »Der Sturm kommt.

Das melden sie im Radio. Die Leute an der Küste bringen

sich in Sicherheit. Noch kein Sturm hat einen Bogen

um die Insel gemacht.«

»Ich bleibe nur zur Beerdigung«, sagte Yann.

»Der Sturm entscheidet, wie lange Sie bleiben.«

»Ich bin nicht der Einzige.«

»Sie meinen die durchgeknallten Sturmtouristen? Sie

wollen den Sturm fotografieren, auf der Insel. Die Pré-

fecture hat wegen der Sturmwarnung schon Kinder evakuiert.

Die Alten rühren sich nicht vom Fleck. Sind wie

Bäume. Man verpflanzt sie nicht. Entweder sie widerstehen,

oder sie fallen.«

Der Matrose drückte die Zigarette auf einer der nassen

Planken aus.

»Beerdigung.« Der Matrose schüttelte den Kopf. »Mitten

im Sturm.«

Die ersten Häuser und der Hafen tauchten aus dem

Regen auf. Ihre dunklen Umrisse sahen aus, als hätte

jemand nur flüchtig mit Bleistift Skizzen von Häusern

auf grauer Wellpappe gezeichnet. Der Seemann stand

auf und hatte Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht auf

Deck zu halten.

Zur Beerdigung, hörte Yann sich selbst sagen, als

müsste er sich an einen Traum erinnern. Vor zwanzig

Jahren hatte er die Fähre in Richtung Festland genommen.

Damals schwor er sich, niemals wieder zurückzu

kehren. Zwanzig Jahre hatte er nicht mehr mit seinem

Vater gesprochen. Und seine Mutter lag auf dem Grund

des Meeres. Das Meer hatte nichts Schönes. Es hatte

seine Mutter verschluckt, als hätte es sie nie gegeben.

Und sein Vater war ihr jetzt gefolgt.

Die Dünung der Wellen wurde etwas flacher. Die

Strömung ließ die Wellen gegeneinander laufen. Die

Motoren waren lauter als die flache Brandung im Hafen.

Er hätte nicht hierherkommen sollen. Noch konnte

er auf dem Schiff bleiben und wieder zurückfahren.

Die Beerdigung konnte auch ohne ihn stattfinden.

Sein Vater war tot. Und Rykel, sie musste damit fertigwerden,

mit oder ohne ihn. Er konnte ihr nicht helfen.

Yanns Vater hatte länger mit Rykel zusammengelebt

als mit seiner Mutter. Keinen Tag würde er länger

bleiben. Wer freiwillig auf diesem elenden Felsen im

Meer lebte, dem war nicht zu helfen. Aber da war

nicht nur der Sturm. Ein anderes Gefühl kroch langsam

in ihn hinein, etwas Dunkles, das er an dem Tag

berührt hatte, als seine Mutter nicht mehr nach Hause

kam.


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Das Gedächtnis der Insel ist Christian Buders neuester Roman, der erst Anfang März 2017 erschienen ist.

Christian Buder, 1968 in Memmingen geboren, studierte Betriebswirtschaft und dann Philosophie in Marburg, Paris – unter anderem bei Jacques Derrida – und in Chicago. Als freier Autor und Journalist schrieb Christian Buder Artikel für Die Zeit und andere Zeitschriften. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Berlin. Das Gedächtnis der Insel ist sein erster Roman bei Blessing.

Mehr über Christian Buder auf www.christianbuder.de.

Das Gedächtnis der Insel-Christian Buder, Kolumne auf Memmingen-sind-wir.de, 14.03.2017

Infos über den Roman „Das Gedächtnis der Insel“:

ORIGINALAUSGABE
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
Erscheinungstermin: März 2017
1. Auflage
Copyright © 2017 by Christian Buder
Copyright © 2017 by Karl Blessing Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-89667-591-0
www.blessing-verlag.de
Fotocredit Autorenfoto: @ Thomas Kierok.

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Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch Ausschnitte eines größeren literarischen Werkes vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist, in Memmingen oder der näheren Umgebung zu wohnen, oder gebürtig aus Memmingen zu kommen.

Wir versuchen, in unserer Kolumne wöchentlich (jeden Mittwoch) neue Texte zu veröffentlichen.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text gerne schicken an:  info@memmingen-sind-wir.de.

Wir freuen uns auf Deinen/Ihren Text! 😉

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