`Aus dem Koma´ von Siegfried Langer

10. August 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare
Aus dem Koma - Siegfried Langer, Kolumne Memmingen sind wir, 10.08.2017

1. Kapitel

Ich wusste nicht mehr, wie ich hieß.

Auch die Frau, die neben meinem Krankenbett saß und sagte, sie sei meine Freundin, erkannte ich nicht.

Doch mein Herz signalisierte mir klar und deutlich, dass ich sie liebte. Trotz allem. Immer noch.

Dass sie weinte und ich nicht in der Lage war, sie zu trösten, stimmte mich traurig. Tapfer streichelte sie meine rechte Hand, die auf der Bettdecke ruhte.

Im Handrücken der Linken steckte ein Infusionsschlauch, der mich mit Medikamenten versorgte.

Es kribbelte in meinem Magen.

War der liebevolle Blick der Fremden die Ursache dafür oder doch eher das einsetzende Hungergefühl? Denn bis gestern Morgen hatte ich noch über eine Sonde meine Nahrung erhalten, danach lediglich Suppe – so dünn und geschmacklos, dass sie ihren Namen nicht verdient hatte.

„Susanne“, flüsterte ich leise und strengte mich dabei so wenig an wie nur eben möglich. Kurz stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Vermutlich hoffte sie, dass ich mich endlich an sie erinnerte, doch wiederholte ich lediglich den Namen, mit dem sie sich vorgestellt hatte.

„Sebastian“, fuhr ich fort. Doch der Name, der der meine sein sollte, löste genauso wenig in mir aus wie der meiner mutmaßlichen Lebensgefährtin.

Susanne blickte mich hoffnungsvoll-fragend an, aber ich schüttelte lediglich den Kopf.

Sogleich stellte sich wieder dieses Pochen in meinem Schädel ein. Ich zog meine Rechte unter Susannes Hand hervor und tastete nach dem Verband an meiner Stirn.

„Du musst deinen Kopf ruhig halten, Schatz. Möglichst wenig bewegen, hat Dr. Lorenz gesagt.“

Dr. Lorenz, ein weiterer Fremder. Meine Erinnerung an ihn reichte nur wenig weiter zurück als die an Susanne.

„Es ist alles im Moment etwas viel für dich, Schatz.“

Ja, das war es.

Alles, was länger als ein paar Stunden zurücklag, war aus meinem Gedächtnis verschwunden.

Ausgetilgt. Gelöscht. Einfach weg.

Dagegen konnte ich alles, was mich umgab, beim korrekten Namen nennen: Krankenhausbett, Fenster, Tablettenblister, Kanüle. Sämtliche persönlichen Angelegenheiten jedoch blieben in der Finsternis verschwunden.

„Was ist passiert?“, fragte ich.

Das Sprechen schmerzte sehr und klappte nur langsam und undeutlich. Aber Susanne schien mich zu verstehen.

„Eine Kopfverletzung.“

Ja, das spürte ich auch.

„Wie?“

Susanne antwortete nicht, sah mich nur ängstlich an. Sie schien den Zeitpunkt noch nicht für gekommen zu halten, mich mit der Wahrheit zu konfrontieren.

„Dr. Lorenz meint, dass du relativ gute Chancen hast, dass sich dein Erinnerungsvermögen weitgehend erholt.“

Relativ gute Chancen …

Weitgehend erholt …

Zuversicht hörte sich anders für mich an.

Und ich spürte instinktiv, dass meine Kopfverletzung nicht daher rührte, dass ich beim Auswechseln einer Glühbirne von der Leiter gefallen war.

Mein Gefühl sagte mir mit aller Deutlichkeit, dass mehr dahintersteckte. Etwas viel, viel Schlimmeres.

Gerade als ich alle Kraft zusammengenommen hatte, um resoluter nachzufragen, öffnete sich die Tür.

Eine weitere Person, die ich erst seit Kurzem kannte, trat ein: Schwester Kathrin.

Während Susanne dunkelbraunes, glattes Haar hatte, trug Schwester Kathrin blondes und gelocktes. Der leichte Hüftschwung, mit dem sie eintrat, glich dem eines Models, das Werbung für den Ausbildungsberuf der Krankenschwester machte.

Einerseits lächelte sie freundlich und gütig, andererseits spürte ich, dass mit ihr eine frostige Atmosphäre im Krankenzimmer Einzug gehalten hatte.

Da lag etwas zwischen ihr und mir. Etwas Unausgesprochenes. Etwas, das vor meinem Aufwachen geschehen sein musste.

In der Hand hielt sie einen Teller, den sie nun Susanne entgegenstreckte.

„Möchten Sie es versuchen?“

Susanne nahm den Teller entgegen und Schwester Kathrin reichte ihr zudem eine kleine Gabel.

Auch das, was auf dem Teller lag, erkannte ich sofort und konnte es benennen. Jemand, vermutlich Kathrin selbst, hatte einen Apfel in mundgerechte Stücke geschnitten. Zu meinem Erstaunen wusste ich sogar die Apfelsorte: Golden Delicious.

„Ganz wird er ihn nicht schaffen. Aber es ist wichtig, dass er überhaupt etwas isst, damit die Verdauung wieder in Gang kommt.“

Kathrin hätte das einfach auch direkt zu mir sagen können.

Während Susanne eines der Stücke mit der Gabel aufspießte und zu meinem Mund führte, folgte Schwester Kathrin der Bewegung mit ihrem Blick.

Brav öffnete ich meinen Mund. Der süßliche Geschmack regte sofort meinen Speichelfluss an. Dass ich gesabbert hatte, wurde mir erst bewusst, als Susanne liebevoll mit einem Taschentuch meinen Mundwinkel abtupfte.

„Ist nicht schlimm, Schatz.“

Das Kauen kostete mich ähnlich viel Anstrengung wie zuvor das Sprechen.

Wie lange waren meine Kiefermuskeln nicht in Bewegung gewesen?

Bislang hatte ich mich dies nicht zu fragen getraut.

Tapfer biss ich auf dem Apfelstück herum.

Meine Geschmacksknospen schienen zu explodieren. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals etwas so intensiv geschmeckt zu haben. Aber in meinem gegenwärtigen Zustand hatte dies vermutlich wenig Aussagekraft.

Ich schluckte, doch es funktionierte nicht.

Noch einmal versuchte ich, den Apfelbrei hinab zu bekommen.

Nun klappte es.

Ich freute mich und Susanne entlockte der Erfolg ein begeistertes Lächeln.

Toll! Ich habe ein Apfelstück gegessen! Wollen wir gleich eine Pressemitteilung herausgeben?

„Sie müssen geduldig mit sich sein“, sagte Schwester Kathrin, als habe sie mir meinen Sarkasmus aus den Gesichtszügen abgelesen.

Zu nicken traute ich mich nicht, aus Angst vor einer neuerlichen Kopfschmerz-Attacke, also zwinkerte ich ihr bestätigend mit den Augen zu.

„Mehr?“, fragte Susanne und ich blinzelte erneut.

Ja, ich war ein Held: Ich konnte unmittelbar hintereinander zwei Apfelstücke verputzen!

Ich öffnete meine Lippen und Susanne schob mir das zweite Stück in den Mund.

Für einen Moment ließ ich es einfach auf meiner Zunge ruhen.

Die beiden Frauen beobachteten mich auch weiterhin. Jede Kleinigkeit wurde zu einem Großereignis. Ich aß und die zwei waren begeistert von mir.

Ich war mir ziemlich sicher, dass es in meinem bisherigen Leben deutlich schwieriger gewesen war, eine Frau so zufrieden zu stellen.

Nach dem dritten Stück konnte ich nicht mehr. Zum einen fühlte ich mich pappsatt, zum anderen tat mir bereits der Kiefermuskel weh.

Susanne schien dies zu erkennen. Während sie den Teller wegstellte und wieder meine Hand in die ihre nahm, verließ Kathrin das Zimmer.

„Es wird alles gut werden, Schatz.“

Na, diese Zuversicht hätte ich auch gerne!

„Ganz bestimmt. Bald wird wieder alles so wie früher sein.“

Ich wurde müde.

Ganz allmählich verschwamm Susannes gütiges Gesicht hinter einem Schleier. Ich wollte dagegen ankämpfen, aber es gelang mir nicht.

Sicherlich erhielt ich immer noch Schlafmittel.

Dann glitt ich hinüber in einen traumlosen …

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Der Textausschnitt ist aus dem Kriminalroman Aus dem Koma von Siegfried Langer.

Siegfried Langer ist in Memmingen geboren und aufgewachsen und kehrte 2014 nach Memmingen zurück, nachdem er 18 Jahre in Berlin gelebt hatte, wo er 2008 seinen ersten Roman schrieb. ‚Aus dem Koma‘ ist sein mittlerweile achter veröffentlichter Roman.

Zwanzig Sekunden Ewigkeit - Siegfried Langer, Kolumne auf Memmingen-sind-wir, 10.08.2016

Aus dem Koma,  Self Publishing, 19. Juni 2017, bei Amazon. Den Roman gibt es als Taschenbuch und als E-Book.

„Rasant, fesselnd und überraschend – ein packender und schön zu lesender Thriller mit spannendem Plot – ein knackiger und sehr spannender Thriller, in dem die Wahrnehmung – und nicht nur die des Protagonisten – verschwimmt und sich am Ende zu einer überraschenden aber logischen Auflösung zusammenfügt – die Story muss mich packen und nicht wieder loslassen. Und das schafft Siegfried Langer bravourös.“
(Aus Rezensionen bei Amazon)

„Hey, mein neuer Roman ‚Aus dem Koma‘ ist letzte Nacht in die ‚Top 100‘ eingestiegen. Herzlichen Dank euch allen!“ (Kommentar von Siegfried Langer auf Facebook vom 09.07.17.)

Mehr Infos über den Memminger Autor Siegfried Langer findet ihr auf www.siegfriedlanger.de und auf www.siegfriedlanger.blogspot.com.
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Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch Ausschnitten eines größeren literarischen Werkes vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist, in Memmingen oder der näheren Umgebung zu wohnen oder geboren zu sein.

Wir verarbeiten in der (idealerweise) wöchentlich neu erscheinenden Kolumne (Mittwochs) 1- max. 10 Seiten normaler Schreibweise am PC, benötigen ein Stimmungsbild oder das Buchcover plus gerne ein Portraitfoto, falls erwünscht.

Man kann dabei als Autor auch anonym bleiben, falls erwünscht, ansonsten kann man sich gerne auch in einem kurzen Text selbst vorstellen, der dann am Ende des Textes auf Wunsch beigefügt wird.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text und das/die Fotos gerne schicken an:  info@memmingen-sind-wir.de.

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