Auszug aus „Inselfluchten“ von Norbert Büchler (2009)

12. Oktober 2016 von Christine Hassler - 1 Kommentar
Auszug aus Inselfluchten von Norbert Büchler, kolumne auf Memmingen-sind-wir, 11.10.2016

Paul Baumanns künstlerischer Werdegang war viele Jahre von Aussichtslosigkeit geprägt – viel gelobt, aber selten gekauft. Die Wende seines Künstlerdaseins kam mit einer ebenso erfolgreichen wie ernüchternden Ausstellung von Bildern, die er während eines dreimonatigen Aufenthalts auf Kreta in kräftigen Ölfarben gemalt hatte. Binnen weniger Wochen verkaufte er alle Bilder – ein Umstand, der ihn in eine Krise stürzte. Paul erging sich lauthals darüber, den Geschmack des Mittelstandes getroffen zu haben, ein untrügliches Indiz für künstlerische Belanglosigkeit. Bald könne man sich in Kanzleien, Arztpraxen und Vorstadtvillen kaum noch retten vor seinem Werk.

Unter den Käufern befand sich ein ortsansässiger Notar, dessen Bruder eine Werbeagentur in Zürich leitete und bei einem Familientreffen die Bilder sah. Er nahm Kontakt zu Paul auf, dessen Schwur, keinen Pinsel mehr anzurühren, seine Lage alles andere als vereinfachte. Das überraschende Angebot der Agentur kam zum richtigen Zeitpunkt. Die erste Werbekampagne mit Motiven seiner Bilder wurde ein voller Erfolg, dem weitere folgten. Er berief einen befreundeten Rechtsanwalt zu seinem Agenten und nach drei Jahren harter Arbeit rund um die Uhr reifte Pauls Idee, ein Atelier zu kaufen, und zwar fernab der deutschen Kunstszene, die seinen Erfolg mit Häme zu ignorieren versuchte.

Die Insel Tinos erschien ihm schon bei einer früheren Reise in die Ägäis als idealer Wohnsitz, da sich der Tourismus nur im Bereich der Hafenstadt etablieren konnte, während die übrige Insel aufgrund wenig einladender Strände davon verschont geblieben war. Hinzu kamen praktische Gründe: Tinos war bekannt für seinen Marmor, dessen Abbau vor Ort Paul zugutekam. Die Insel hatte zudem bedeutende Bildhauer hervorgebracht, weshalb das Athener Kultusministerium in den sechziger Jahren eine Kunstakademie dort gründete.

Im entlegensten Teil der Insel fand er schließlich ein geeignetes Anwesen. Das verschlafene Dorf Panormous mit seinen weißen Häusern lag an einem halbrunden Hang, der zum Meer hin abfiel. Die einzige geteerte Straße führte am Wasser entlang, wo mehrere Tavernen und am Kai bunte Fischerboote lagen. Der nahe Sandstrand wirkte genauso bescheiden wie das ganze Dorf. Die Bucht von Panormous wurde von zwei weit auslaufenden Landzungen eingefasst, auf einer davon stand ein alter Leuchtturm. Am Rande des nur wenige Kilometer landeinwärts gelegenen Ortes Pyrgos befand sich das großzügige Gebäude der Kunstakademie.

Das von Paul entdeckte Haus samt Nebengebäude lag etwas außerhalb am höchsten Punkt des Dorfes. Bei seinen Erkundungen nach dem Hauseigentümer stieß er auf unerwarteten Widerstand. Als er dem Griechen schließlich gegenübersaß, zeigte dieser zwar grundsätzliche Bereitschaft zu einem Verkauf, aber nicht an einen Deutschen. Paul, dessen griechische Sprachkenntnisse zu der Zeit bereits passabel waren, brachte ihn mit Mühe so weit, seine kategorische Ablehnung aufzugeben und sein Anliegen zumindest zu überdenken. Der Grieche meinte, dass er mit dem Bürgermeister und dem Gemeinderat reden müsse, schließlich sei Paul der erste Deutsche im Dorf und das wolle er nicht alleine verantworten. Was sich in dieser Hinsicht auf den anderen Inseln abspiele, mache ihn nicht nur traurig, sondern wütend. Paul versuchte ihm klarzumachen, dass er das Anwesen ausschließlich als Atelier zu nutzen gedenke und keinerlei andere Absichten hege.

Als Paul sechs Wochen später nach Panormous zurückkehrte, erhielt er eine Absage ohne jede Begründung. Daraufhin sprach er beim Bürgermeister vor, der freundlich, aber unmissverständlich äußerte, dass es die alleinige Entscheidung des Besitzers sei, ob und wem er das Anwesen verkaufe. Paul, der das Haus inzwischen unbedingt haben wollte, ging zu Dimitri Xiadis, dem Leiter der Kunstakademie, und bat ihn um Hilfe für sein geplantes Atelier. Dieser nahm Pauls Anliegen zur Kenntnis und versprach, sich umzuhören. Zwei Monate später lag ein mehrere Seiten langer Fragebogen in seiner Post, den er mit Hilfe einer griechischen Bekannten ausfüllte. Dem folgte bald darauf ein Brief vom Bürgermeister, worin dieser mitteilte, dass dem Kauf des Anwesens nun nichts mehr im Wege stehe. Als Paul erneut in Panormous eintraf, bedankte er sich bei Dimitri, der entgegnete, dass nicht etwa er, sondern gewisse Umstände, die näher zu erläutern er nicht befugt sei, den Kauf ermöglicht hätten. Er solle froh sein, dass die Angelegenheit in seinem Sinne entschieden sei.

Paul entstammte einer Beamtenfamilie. Der Kontakt zu ihr brach vor vielen Jahren ab, nachdem sein Bruder Karl ihm irgendwann vorwarf, dass allein seine Existenz rufschädigend für die Familie sei. Paul antwortete, dass der einzige Schaden in dieser Familie die Gene von vier Beamtengenerationen seien, und als rufschädigend seien vielmehr Großvater als dem Führer dienender Beamter sowie Vater als aktiver Soldat der Wehrmacht einzustufen. Seither herrschte eisiges Schweigen.

Paul, der sich als Existenzialist – Sartres Philosophie war ihm näher als jede andere – ausschließlich seinem Lebensentwurf verpflichtet sah, verweigerte Gespräche über sein Innenleben mit der gleichen Starrköpfigkeit, mit der er seine familiäre Herkunft leugnete. »Die Hölle«, pflegte er Sartre zu zitieren, »sind die anderen.« »Und diese anderen sind meine Familie«, fügte er hinzu. Selbst den Begräbnissen seiner Eltern blieb er fern. Er lebte alleine und konnte sich – wenn überhaupt – nur ein gemeinsames Leben mit Judith vorstellen.

Als diese ihn nun vor einigen Wochen anrief und fragte, ob ihr Sohn Torsten für eine gewisse Zeit bei ihm wohnen dürfe, konnte er ihr diese Bitte nicht abschlagen. Er sah Torstens Aufenthalt mit Skepsis entgegen und sollte Recht behalten, wenn auch aus völlig anderen Gründen als von ihm befürchtet.

***

Torsten hatte kurz vor seinem Eintreffen sein ungeliebtes Studium im Alter von achtundzwanzig Jahren beendet und erhielt von seinem Vater Karl überraschend zweitausend Euro in die Hand gedrückt, als Torsten ihm die Diplomurkunde präsentierte. »Besser ein Diplom als gar nichts!«, kommentierte sein Vater den ansonsten glanzlosen Anlass. Dass weder Torsten noch Max, sein drei Jahre jüngerer Sohn, den Beamtenstatus anstrebten, bedeutete einen harten Schlag für ihn, dem ein weiterer folgte, als Torsten kurze Zeit später einfach verschwand.

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Der Auszug stammt aus „Inselfluchten“ von Norbert Büchler und ist erschienen 2009, Neuauflage 2015, im Verlag BoD, Norderstedt.

Erhältlich ist das Buch (auch als e-book) überall. Taschenbuch – 320 Seiten. – 9,90 €  (ISBN 978-3-7386-2765-7) // eBOOK  5,99 €.

Neben dem Roman „Inselfluchten“ verfasste Norbert Büchler den Roman „Bilder einer Ausstellung“.

Norbert Büchler startete als Musiker / Gitarrist im Rock- und Folkbereich und kam erst später zum literarischen Schreiben. Er wohnt in Memmingen und Stuttgart. Neben dem Schreiben von Romanen und Erzählungen lebt er von einem pädagogischen Brotberuf.

Mehr Infos über den Autor auf seiner Homepage www.norbert-buechler.de.

„Bilder einer Ausstellung“ von Norbert Büchler, Ausschnitt in der Kolumne von Memmingen-sind-wir, 22.09.2016

(Foto: Susanne Marx)
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Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch Ausschnitte eines größeren literarischen Werkes vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist, in Memmingen oder der näheren Umgebung zu wohnen.

Wir verarbeiten in der wöchentlich neu erscheinenden Kolumne (jeden Mittwoch) 1- max. 10 Seiten normaler Schreibweise am PC, benötigen ein Stimmungsbild oder das Buchcover plus gerne ein Portraitfoto, falls erwünscht.

Man kann dabei als Autor auch anonym bleiben, falls erwünscht, ansonsten kann man sich gerne auch in einem kurzen Text selbst vorstellen, der dann am Ende des Textes auf Wunsch beigefügt wird.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text und das/die Fotos gerne schicken an:  info@memmingen-sind-wir.de.

Wir freuen uns auf Deinen/Ihren Text! 😉

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