Das Gedächtnis der Insel – Christian Buder

15. März 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare
Das Gedächtnis der Insel-Christian Buder, Kolumne auf Memmingen-sind-wir.de, 14.03.2017

Kapitel 1

Früher gab es die Welt nicht. Sie endete an den letzten

Felsen der Insel. Daran glaubte Yann, bis sein Vater ihn

aufs Festland mitnahm. Von den schroffen Felsen am

äußersten Ende der Bretagne konnte er bei gutem Wetter

den Leuchtturm der Insel sehen. Sie blieben nie länger

als ein paar Stunden auf dem Festland. Bis auf die

Felsen an der Pointe du Raz und dem Hafen von Audierne

existierten die Landmassen mit ihren Felsen, Hügeln

und Häusern nur abstrakt in seinem Schulatlas. Als Kind

wollte er Ozeanforscher werden, wenn es diesen Beruf

überhaupt gab. Jemand, der sich mit Fragen beschäftigte,

warum eine intelligente Spezies wie der Mensch

sich ausgerechnet auf dem Festland entwickelte und

nicht im Meer. Mit solchen Fragen beschäftigten sich

aber weder Ozeanforscher noch sonst jemand, was

Yann erst erfahren sollte, als er die Insel verlassen

hatte, nach dem Sturm und der Dunkelheit, die seitdem

nicht mehr aufgehört hatte. Yann gefiel die Dunkelheit.

Sie legte sich über die Zeit nach dem Sturm, als

die Welle aus dem offenen Meer stieg und seine Mutter

tötete. Als der Sturm vorüber war, bauten die Bewohner

ihre Häuser wieder auf und begruben die Toten,

die das Meer nicht geholt hatte. Seine Mutter blieb verschollen.

In Paris bewohnte Yann ein Zweizimmer-Appartement

im Zweiten Arrondissement. Die Küste war weit

genug entfernt. Er ging über keine Brücken, und er

machte einen Bogen um jede Pfütze. Bei Regen verließ

er das Haus nicht. Als Archäologe im Louvre konnte er

arbeiten, wann er wollte. Doch das Wichtigste war: Er

arbeitete alleine in seinem Büro. Niemand, der ihm Fragen

stellte, und keine Frau, in die er sich hätte verlieben

können. Nur fern von der Küste war er sicher. Das

dachte er jedenfalls bis heute.

Von den Inselbewohnern sagte man, dass sie weder

zum Festland gehörten noch zum Meer. Seit Jahrhunderten

hockten sie auf einem grauen Granitfelsen und

harrten aus, als warteten sie auf ein Zeichen des Aufbruchs.

Fragte man einen Bewohner der Insel, warum

er nicht längst die Insel verlassen habe, bekam man

keine Antwort. Wer auf dieser Insel geboren wurde, der

kam nirgendwo an. Die kantigen Granitfelsen, das ewige

Heranschlagen der Brandung, die Stürme, die selbst

die Leuchttürme zum Wanken brachten, formten den

wahren Charakter der Bewohner. Wer hier geboren

war, hatte es in den Adern. Das Meer färbte seine Seele.

Und selbst wer nur einige Monate oder Jahre auf der

Insel verbrachte, spürte, wie er sich veränderte. Der

Wind und das Meer hinterließen Narben. Kein Mensch

lebte freiwillig auf der Insel. – Nicht freiwillig, daran

musste Yann denken, als er das Ticket gekauft hatte.

Freiwillig ist keiner geboren, und keiner konnte sich

aussuchen, wohin er kam, wenn er das Licht der Welt

erblickte. Yanns wissenschaftlicher Verstand verbot es

ihm, Fragen zu stellen wie: Wer entscheidet, ob jemand

in einem Vorort von Paris, in den Favelas von La Paz

oder auf einer Insel, acht Kilometer vom Festland entfernt,

geboren wurde? Pflanzen hatten den evolutionären

Nachteil, an dem Ort bleiben zu müssen, an dem

sie Wurzeln gefasst hatten. Menschen konnten wegziehen.

Doch für die Bewohner der Insel war dies nicht

so einfach. Sie hatten keine Wurzeln, die sie in die Erde

graben konnten. Dafür trugen sie ihre Wurzeln auf eine

unerklärliche Weise mit sich herum und blieben.

Yanns Vater war tot. Die Frau am Telefon hatte sich

gar nicht erst angestrengt, auch nur künstlich mitfühlend

zu wirken: »Gendarmerie Nationale, ich muss

Ihnen leider mitteilen …« Mit diesen Worten begann

die Nachricht vom Tod seines Vaters. Der Pater der

Insel, Jean Baptiste Manois, hatte die Leiche von Mathieu

Schneider beim frühmorgendlichen Spaziergang

in dem nach fauligen Algen riechenden Hafenbecken

entdeckt.

Das Meer schäumte. Am Horizont türmten sich dunkle

Wolken. Yann hatte Glück gehabt. Er war einer der

letzten Passagiere, die über die schwankende Brücke

auf die Fähre kamen. Ein alter Matrose in grünem Ölzeug

löste die Taue von den Stahlpollern und sprang

auf das rostige Deck. Die anderen Passagiere hatten

sich schon in den geschützten Innenbereich der Fähre

begeben. Yann blieb an Deck. Die Gischt der Wellen

schlug über die Reling, als die Fähre das offene Meer

erreichte. Eine Stunde dauerte die Fahrt bis zur Insel.

Die Wellen türmten sich wie schwarze Berge auf. Die

Dieselmotoren schoben das Schiff gegen die Wassermassen,

um dann wieder in ein Tal aus schwarzgrünem

Wasser zu stürzen. Die Dünung war stärker geworden,

als sie die Pointe de Lervily passiert hatten. Vor ihnen

lag nun der offene Atlantik. Noch war der Wellengang

nicht beunruhigend für jemanden, der auf einem Stück

Felsen aufgewachsen war, der an seiner höchsten Stelle

gerade einmal neun Meter aus dem Wasser ragte. Wieder

ging die Gischt über den Bug und hinterließ an

Deck schäumendes Wasser. Ein Matrose schlitterte über

Deck und rief ihm zu, sich nach innen in den geheizten

Aufenthaltsraum zu begeben. Aus Sicherheitsgründen.

Yann nickte ihm zu und ließ seinen Blick zum Horizont

schweifen, der eine bewegte Linie im Regen war.

Durch die grauen Schleier leuchtete kurz das Licht des

Leuchtturms der Insel auf. Der alte Matrose wankte auf

ihn zu.

»Hier draußen ist es zu gefährlich. Eine größere

Welle, und es fegt Sie von Bord. Die Leute glauben, dass

die Wellen einem großen Schiff nichts antun können.

Das Gefährliche an Wellen ist aber, dass sie nicht regelmäßig

sind. Manchmal schieben sich drei oder vier

Wellen übereinander, sie türmen sich zu riesigen Bergen

auf, die mit einem Schlag zweihundert Meter lange

Frachtschiffe versenken können.«

»Wenn man das Gesetz der Wellen kennen würde,

dann würde man alles auf der Welt verstehen«, fuhr der

Matrose fort. »Wir leben jahrelang in dem Glauben,

dass das Regelmäßige uns umgibt und schützt. Als ob

das Leben eine gleichmäßige Dünung wäre, und dann

schaukelt sich etwas aus dem Gewohnten hervor. Und

von einem Augenblick auf den anderen wird aus einem

ganz normalen Leben ein Albtraum. Da überlegt jemand,

ob er sich einen roten Wagen kaufen soll oder

ob er heiratet oder nicht, und ein paar Stunden später

findet man seine Leiche im Wasser. Irgendetwas bricht

aus den gleichmäßigen Wellen heraus. Und mit einem

Mal türmt sich ein Wellenberg auf, eine schwarzgrüne

Wand. Niemand sieht das voraus. Ich bin mir sicher, dass

der Mann, der von der Fähre gesprungen ist, auch nicht

wusste, warum er sich umgebracht hat. Er war Arzt.«

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Das Gedächtnis der Insel ist Christian Buders neuester Roman, der erst Anfang März 2017 erschienen ist.

Christian Buder, 1968 in Memmingen geboren, studierte Betriebswirtschaft und dann Philosophie in Marburg, Paris – unter anderem bei Jacques Derrida – und in Chicago. Als freier Autor und Journalist schrieb Christian Buder Artikel für Die Zeit und andere Zeitschriften. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Berlin. Das Gedächtnis der Insel ist sein erster Roman bei Blessing.

Mehr über Christian Buder auf www.christianbuder.de.

Das Gedächtnis der Insel-Christian Buder, Kolumne auf Memmingen-sind-wir.de, 14.03.2017

Infos über den Roman „Das Gedächtnis der Insel“:

ORIGINALAUSGABE
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
Erscheinungstermin: März 2017
1. Auflage
Copyright © 2017 by Christian Buder
Copyright © 2017 by Karl Blessing Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-89667-591-0
www.blessing-verlag.de
Fotocredit Autorenfoto: @ Thomas Kierok.

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Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch Ausschnitte eines größeren literarischen Werkes vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist, in Memmingen oder der näheren Umgebung zu wohnen, oder gebürtig aus Memmingen zu kommen.

Wir versuchen, in unserer Kolumne wöchentlich (jeden Mittwoch) neue Texte zu veröffentlichen.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text gerne schicken an:  info@memmingen-sind-wir.de.

Wir freuen uns auf Deinen/Ihren Text! 😉

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