Streusel im Takt aus „Zwetschge sucht Streusel“ vom Memminger Autoren-Duo Klotz & Susanne Schönfeld

18. Mai 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare
Kolumne auf Memmingen-sind-wir, Mai 2016

Ich drückte mir mit letzter Anstrengung eine Crème Brûlée rein und spülte sie mit einem Schlückchen Rotwein runter. Na, der Alkohol war kein Problem mehr. »Warm und satt, wie schön is datt!«
»Aber müde macht’s, oder?«, warf Nathalie vorsichtig ein. Aha! »Da hilft nur eins«, kleines Schlückchen aus meinem Glas, »dance, baby, dance! Denen zeigen wir, wo der Frosch die Locken hat!«
Unsicher fragte sie: »Hast du keine Angst, wenn wir in unserem Alter in die Disco gehen?«

»Nö, hier merkt keiner, dass wir in unserem Alter sind.« »Auch nicht, wenn wir aussehen wie das Phantom der Oper?« »Du siehst nicht so aus, und ich kann’s ertragen.«

Die Disco war übervoll und laut. Trotzdem erspähte ich einen Platz an der Bar und zog Nathalie hinter mir her. Lässig lehnten wir uns an den Tresen. Nur keine Unsicherheit zeigen. Wir hatten ja unsere neuen Dessous an! Die Korsagen stabilisierten nicht nur unsere Brüste, sondern offensichtlich auch Nathalies Selbstbewusstsein. Bevor ich mich versah, hatte sie schon zwei Caipirinha bestellt.

»Due speciale per le Signore.« Der Barkeeper schob feixend zwei molto potente Caipis über die Theke. »Es isse Happy Hour.« Nathalie schnappte sich sofort eines der riesigen Gläser. »So schön italienisch!«, schrie sie in meine Richtung und zog dann kräftig am Strohhalm. Eine normale Unterhaltung war wegen der erhöhten Dezibelzahl nicht möglich, ich nickte nur.

»Von mir aus können wir die Kuh jetzt fliegen lassen. Ich mit meiner …« Den Rest des Satzes konnte ich nicht mehr verstehen. Ihr vielsagender Blick auf ihre Oberweite erklärte aber das fehlende Satzstück. Der neue BH stand ihr ausgezeichnet und formte ihren Busen zu festen Äpfelchen, welche sich in ihrer Bluse zu drängeln schienen.

Das fiel offensichtlich nicht nur mir auf, denn auch der Barkeeper beugte sich auffällig weit über den Tresen, als er uns zwinkernd mit einem »Auf die Haus« eine Schale Erdnüsse reichte. Ich zwinkerte zurück, aber sein Blick war schon wieder in Natzes Bluse geglitten.

Okay, du Sack! Ich drehte mich zur Tanzfläche, um die Lage zu peilen. »Nett, gell?« Nathalie stieß mir in die Rippen und deutete in Richtung eines blonden Riesen, der uns aufmerksam beobachtete. »Wenn der dir was zu trinken kauft, denk dran, wir sind zu zweit!« Dabei zwinkerte sie verschwörerisch und saugte gierig an ihrem Strohhalm.

Im selben Moment kam der Riese schon auf uns zu. Er beugte sich zu Nathalie: »Would you considerrr to dance with me?« Sein Akzent klang irgendwie arabisch oder russisch. Weiße Hautfarbe und scharf gescheiteltes Haar sprachen für Letzteres. »Ich?« Erschrocken schlug sie sich mit der Hand auf die Brust. Ängstlicher Blick zum Russen. »Ich?«

»Du nicht Angst haben vorrr mirr, nurr tanzen, nicht redden«, schnurrte der Riese und streckte ihr seine Pranke hin. Ängstlicher Blick zu mir: »Kommst du?« Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und schob sie sanft in seine Richtung. »Nee, ich pass auf deinen Caipi auf!«

Sie nahm seine Hand und er zog sie in Richtung Tanzfläche. Schon auf dem Weg schaukelte er wild mit den Hüften. Nathalie drehte sich mit aufgerissenen Augen nach mir um. Ich winkte. Vorsichtig fing sie an zu tanzen, ohne die Füße vom Boden zu heben. Ihr Oberkörper schaukelte unrhythmisch, ihre angewinkelten Arme versuchten im Takt zu wippen.

Der weiße Riese allerdings drehte und wand sich wie Travolta persönlich. Seine Hüften kreisten immer in die gleiche Richtung. Ein linksdrehender, probiotischer Casanova. Hinter mir hörte ich den Barkeeper gackern und drehte mich um. Auch er beobachtete die Szene amüsiert. »Brauchst gar nicht dämlich lachen«, fauchte ich ihn an. »Sie ist eben ein bisschen schüchtern.«

Die beiden Memminger Autorinnen Petra Klotz und Susi Schönfeld.  Foto: Ingo Jensen/Jensen
Die beiden Memminger Autorinnen Petra Klotz und Susi Schönfeld.
Foto: Ingo Jensen/Jensen

»Aber ganze niedelich«, schwärmte er und schaute wieder zu den beiden. Obwohl ich »niedelich« vielleicht nicht ganz treffend fand, musste ich zugeben, dass Nathalie irgendwie anders aussah als sonst. Ich hätte es eher mit »aufregend« beschrieben. Bei Harry wäre jetzt pronto Hotelbett angesagt! »Du wohnst in Italia?«, kauderwelschte mich etwas Angetrunkenes von der Seite an.

»Nö, wir sind nur heute hier«, entgegnete ich höflicherweise und drehte mich demonstrativ zur anderen Seite. Die nächste Frage überhörte ich geflissentlich. Kann ja jeder kommen! Und er kam! Mit einem holländischen Akzent, ohne auch nur andeutungsweise zu lallen.

»Entschuldige Sie meine Freund, er hat ein büschen getrunken, weil er gestern mit dem Fahrrad Rennen gewonnen hat.« Ich schaute in zwei blaue Augen. »Das ist ja ganz toll! Sie sind noch nüchtern. Kann ich daraus schließen, dass Sie einen der weniger attraktiven Plätze belegt haben?« Bevor er mir antworten konnte, kam Nathalie von der Tanzfläche zurück.

»Sina, darf ich vorstellen, Alexej aus Russland, die Masseuse des holländischen Radrennstalls.« »Diese Moment hat sie dich auf dem Tanzboden zu ein Frau gemacht!«, scherzte der blauäugige Holländer und haute Alexej auf die Schulter. Alle lachten, am lautesten der besoffene Käskopf. »Wie heißt denn der?« Nathalie ließ indiskret den Zeigefinger vor dem Gesicht meines Gesprächspartners kreisen.

»Ruud van der Koppje, Aufpasser vom Dienst«, sagte er und reichte ihr die Hand. »Toller Name, bisschen lang vielleicht«, antwortete sie und fiel ihm, die Hand ignorierend, um den Hals. »Wir sind Sina und Nathalie aus Deutschland.« Ruud schob sie sanft von sich: »Aufpassen muss ich heute wohl nicht nur auf die Mannschaften, aber auch auf deren Begleiterinnen.« »Ach daher kennt ihr euch! Vom Fahrradrennen«, warf ich ein.

»Genau, fast all hier hören bei das Radzirkus dabei«, erklärte Ruud mir mit einer weiten Handbewegung. Ich sah, dass wir mittlerweile von einer Horde Männer umkreist waren. »Das ist Juan aus Valencia, Pierre aus Montpellier und Urs aus Zernez.« »Da hab ich schon geschlafen!«, tönte Nathalie laut und saugte dann den Rest aus ihrem Glas. »Bei Urs?«, fragte der besoffene Holländer ungläubig.

»Schön wär’s gsi!«, konterte der uns vorgestellte Urs mit einem breiten Grinsen und starrte wie gebannt auf Nathalies Äpfelchen. »Musst du mal dein Näschen pudern?«, fragte ich Nathalie. »Häh?« »Hände waschen?« »Nö!« Ich stand auf und zerrte sie mit den Worten »Falsche Antwort!« in Richtung Damentoilette. Dort erinnerte ich sie an ihre glückliche Ehe und an ihren Brummschädel von gestern. Dann hielt ich ihr einen fünfminütigen Vortrag über den Zusammenhang zwischen Alkohol und Vernunft.

Sie schaute mich feierlich an und nickte die ganze Zeit verständnisvoll. »Du verstehst, was ich meine? Die Tugend ist des Mädchens Zier, drum bewahr sie dir!« Nathalie tätschelte meinen Arm. »Klaro! Sei brav wie ein Kaninchen, fleißig wie ein Bienchen, sauber wie ein Kätzchen, dann bekommst du auch ein Schätzchen. Jetzt lassen wir den Frosch fliegen und die Kuh die Locken kriegen!« Sie riss die Tür auf und stürmte davon.

Oh Gott! Als ich zur Bar kam, hatten Nathalie und Alexej zum Brüderschaftstrinken ihre Arme gekreuzt. »Du nicht Angst haben vorrr mirr, nurr küssen, nicht redden«, imitierte Nathalie den Genossen. Ich glaub, mich tritt ein Gaul! »Nathalie, du weißt, das ist mit Zunge«, wandte ich ein. Mit bescheidener Wirkung. Sie zuckte kurz mit den Schultern und spitzte die Schnute.

»Komm, wir auch!«, schlug der besoffene Holländer vor und streckte mir das Glas mit den Erdnüssen entgegen. »Willst du tanzen?«, warf sich Ruud rettend dazwischen und zog mich sanft vom Barhocker. Mit »Was bedeutet denn nun Aufpasser vom Dienst?« versuchte ich ein Gespräch anzufangen, welches aber im Lärm der Rhythmen unterging. Ruud zuckte nur verständnislos mit den Schultern und beugte sich mir fragend entgegen. Ich wiederholte meinen Satz, und durch die Bewegung beim Tanzen berührte mein Mund unbeabsichtigt sein Ohr.

Er drehte sich sofort zu mir um und zwinkerte mir lachend zu. »Wie schön, dass es hier so laut ist.« Er versuchte mir seine Begeisterung für den Radsport und seine Verantwortung im wahrsten Sinne des Wortes nahezubringen. »Ich kannte auch mal einen Rennradfahrer, der glücklicherweise den Weg zu mir nach Hause nicht mehr fand«, erzählte ich ihm, worauf er spontan antwortete: »Das wär mir mit dir nie passiert!« Au ja, sülz mich voll!

Lauter Wortwechsel an der Bar. Entsetzt stellte ich fest, dass der Riese sich an Nathalies Rücken zu schaffen machte. Urs redete wild gestikulierend auf ihn ein. Ruud und ich wechselten einen Blick und verließen die Tanzfläche. »Was ist hier los?« wollte er wissen und zog Urs zur Seite. »Er fummelt ständig an ihr rum!«, maulte Urs. Nathalie verteidigte den Russen: »Briederchen mit zarrrte Händchen massierrt nur meinen Riecken!«

»Ich glaube, wir müssen uns jetzt verabschieden!«, sagte ich an Ruud gerichtet, und zu Nathalie: »Da du gerade so schön entspannt bist, können wir doch schlafen gehen.« »Was, jetzt? Ich habe mit Pierre und Ruud noch gar nicht die Telefonnummern ausgetauscht!« »Mit den anderen schon?«, fragte ich entsetzt. »Sicher! Nach Ländern alphabetisch geordnet«, sagte sie stolz und schwenkte mit ihrem kleinen Telefonbüchlein. »Ruud kann sich bei N oder H eintragen, den find ich trotzdem.«

Ruud griff danach. Beim Eintragen seiner Nummer schaute er mich vielsagend an. Anschließend schrieb Nathalie ihre komplette Adresse auf eine Seite, riss sie aus dem bereits bedenklich ausgedünnten Büchlein und reichte das Blatt großzügig an Ruud weiter. »Wenn ich dir das morgen erzähle, willst du sterben!«, prophezeite ich ihr und nahm das Buch an mich.

Beim Frühstück am nächsten Morgen war Nathalie erstaunlich fit. Gesteigerte Aufmerksamkeit mir gegenüber ließ allerdings auf ein schlechtes Gewissen schließen. »Sinale, magst vielleicht einen O-Saft, frisch gepresst, ich geh und hol dir einen.« Schon sprang sie davon. »Mein Ei kannst du haben, wenn du möchtest.« Das Ei wurde langsam über den Tisch geschoben. »Schmeckt’s dir hier nicht? Wir können auch irgendwo im Dorf frühstücken, ich lad dich ein«, flüsterte sie.

»Wir können uns doch nirgendwo mehr blicken lassen«, knurrte ich in ihre Richtung. »Wahrscheinlich hängen schon überall Plakate mit deinem Bild und dem Text: ´Lässt dich deine Frau nicht ran, dann ruf schnell bei Natze an!´«

Sie starrte das Ei an. »Was sollen wir denn Harry sagen, wenn bei euch das Telefon nicht mehr stillsteht? Wie war das mit dem Bienchen und dem Kaninchen?« Nathalie starrte immer noch auf das Ei. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf. »Ist alles halb so schlimm«, sagte sie, »da kann niemand anrufen.« Verständnislos musterte ich sie.

»Meinen Namen. Den hab ich nämlich nicht dazugeschrieben!«, triumphierte Nathalie. »So ’ne Telefonnummer funktioniert natürlich nicht, so ohne Namen.« Ich rollte mit den Augen und Nathalie fiel in sich zusammen. Jetzt tat sie mir doch leid. »Na, wird schon nicht so schlimm werden. Vielleicht rettet dich das und der Alkoholkonsum der Radlermannschaft wirklich.« Hoffnungsvoll schaute sie zu mir auf.

»Wahrscheinlich werden sie froh sein, wenn du sie nicht belästigst«, fuhr ich fort. Ihre Schultern strafften sich. »Denkst du?« »Ich bin mir sicher!« Mütterlich tätschelte ich ihre Hand. »Na ja, wenigstens scheint dich kein Kater zu plagen.« »Ich glaub, ich hab mich an den Suff gewöhnt, keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit. Was Training so alles ausmacht!«, sprudelte sie los. »Von wegen Training! Bei deinem Vollsuff gestern Nacht hat dich nur der Aspirin-Absacker von Ruud vor einem Kater bewahrt.«

»Ach du Schreck, war der noch mit im Hotelzimmer?« »Nee, die Gelegenheit hast du mir ja vermasselt!« »Echt? Wär der was gewesen?« Sie schaute mich wieder zerknirscht an. »Na ja, eigentlich … ach, Ruud, das hätte sich eh nicht gut gehaucht«, beruhigte ich sie.

»Auf Zimmer »Schwalbennest« ist noch ein bisschen was offen«, sagte Nathalie beim Checkout und hielt dem Empfangschef großzügig einen Zehn-Euro-Schein entgegen. »Sina, du hattest nur die Nüsschen, oder? Und ich ein Wasser aus der Minibar.« »Ich hatte auch noch ein Wasser.« »Oh, dann wird das nicht ganz reichen«, meinte Nathalie und legte noch einen Zehner drauf. »Das glaube ich auch«, stimmte der Empfangschef zu. »648 Euro.« Mit einem süffisanten Lächeln schob er uns die Rechnung hin.

Verschämt zog Nathalie ihre beiden Geldscheine zurück. »Nein, es handelt sich offensichtlich um einen Irrtum«, meinte ich großspurig. »Offensichtlich nicht«, entgegnete er selbstgefällig. »Das Zimmer wurde von Herrn Häberle gebucht und bezahlt«, beharrte ich. »Von wem?«, fragte mich Nathalie verwirrt. »Jean Pascal Häberle«, vervollständigte ich.

»Herr Häberle hat gebucht, aber nicht bezahlt«, korrigierte der Empfangschef mich steif und herablassend. »Die Minibar ist in unserem Hause inklusive.« »Ich glaub, mir wird doch übel«, stammelte Nathalie. »Moment, das haben wir gleich!« Ich drehte mich um und griff nach meinem Handy. Mailbox!

Ohne Worte legte ich meine Platin-Kreditkarte auf den Tresen. Der Empfangschef nahm sie, las sie ein und gab sie mir ebenso wortlos zurück. Blasierter Affe! Ich griff nach Nathalies Geldscheinen und ließ sie übertrieben lässig vor ihn hinflattern. …

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Der Abschnitt stammt aus „Zwetschge sucht Streusel“ vom Memminger Autoren-Duo Petra Klotz und Susanne Schönfeld. Dieser und der Folgeroman „Spätzles-Yoga“ ist in jeder Buchhandlung erhältlich. Veröffentlicht wurden ihre beiden Romane vom Silberburg-Verlag.

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